http://magagin.de/culture/156
Berichte aus Bergen - Nr. 9: Wasser marsch!
d
Berichte aus Bergen - Nr. 9: Wasser marsch!

...enkt sich Petrus, wenn er mal wieder über der Stadt Bergen die Schleusen öffnet. Wikipedia verrät: ”Bergen ist aufgrund von ca. 2.548 mm Niederschlag an 248 Regentagen im Jahr (2005) die regenreichste Großstadt Europas.” Den Eindruck habe ich auch.

Tatsächlich schien an den ersten beiden Tagen meines Aufenthaltes in Bergen die Sonne - die restlichen, wirklich freundlichen Tagen in zwei Monaten lassen aber fast an einer Hand abzählen. Meist ist die Wettersituation so, dass es zwischendurch immer mal wieder gießt - manchmal kommt aber auch tagelang Bindfaden-Regen vom Himmel.
Warum ist das so? Dazu muss man sich zunächst mal einem erfreulicheren Klima-Fakt, nämlich dem Golf-Strom widmen. Diese Meeresströmung spült Wasser vom Golf von Mexiko nach Nord- und Westeuropa und trägt so entscheidend dazu bei, dass es in Groß-Britannien, Deutschland, Skandinavien, etc. deutlich wärmer ist, als die Lage eigentlich vermuten ließe. Wenn es diesen Strom nicht gäbe, würden in diesen Ländern wohl nur noch Moose und Flechten gedeihen, die Tundra bevölkert von dickpelzigen Tierchen.
Das Wasser vor der norwegischen Küste ist also relativ warm und verdunstet freundlich vor sich hin. Jetzt passiert folgendes: Der Wind vor der Bergkette schiebt die feuchte Luft nach oben! Da geht der ganze Shit dann los; weil es weiter oben natürlich kälter ist, kondensiert das Wasser, es bildet sich eine Wolke und schon gießt es aus allen Rohren. Dieses Phänomen, Steigungsregen genannt, bringt man den kleinen Norwegern in den Schulen sicher mit besonderer Beachtung bei.
Die Folgen des vielen Regens sind unterschiedlich: Einerseits ist die Stadt relativ sauber, weil sie ja immer wieder auf natürliche Art und Weise gereinigt wird. Nette, kleine Kanäle, die Dachrinnen-Abführungen mit dem Rinnstein verbinden, erschweren das Gehen auf den Bürgersteigen. Natürlich bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich immer wieder der Mega-Dusche auszusetzen. So haben sich die Einwohner meist ein beachtliches Inventar von Regenschirmen, Regenkleidung und Gummistiefeln zusammen gestellt. Der gute alte Schirmständer grüßt in fast jedem öffentlichen Gebäude und die Bergenser machen auch Gebrauch von diesen Dingen. Viele scheinen sich an den Regen gewöhnt zu haben, wenn sie auch anscheinend nicht besonders gern darauf angesprochen werden.

Von meiner Wohnung aus kann ich einen kleinen Fußballplatz sehen. Es ist kein Rasenplatz, man muss auf Schotter spielen. Wer nicht in eine der zahlreichen Bergener Sporthallen zum Bolzen schlüpfen möchte, hat auch kaum eine andere Wahl: Bei all dem Regen würde jeder Rasen zu einem großen Klumpatsch mutieren, nachhaltig zerstört werden und natürlich seine Spuren in Form von Matsch auf den Spielern hinterlassen.
Für mich persönlich ist diese Flutsituation halb so schlimm. Man kann es sich dabei furchtbar gemütlich machen, wenn eine Kanne Tee, ein gutes Buch und ein bisschen Zeit zur Verfügung stehen. Sobald aber Alltagspflichten rufen, wird der Regen auch schonmal zur Plage: Nasse Klamotten und ein hoher Verschleiß an Regenschirmen schrecken einfach ab und machen das Verlassen der Unterkunft zum See-Abenteuer. Denn irgendwie scheint das Wasser von allen Seiten zu kommen...

K. Haller