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From Dawn till Dusk: Karneval in Köln
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From Dawn till Dusk: Karneval in Köln

er 11.11. markiert in Köln traditionell den Beginn der sogenannten „Fünften Jahreszeit“ und gibt einen Vorgeschmack auf die Feiertage im Frühjahr des nächsten Jahres. Ich lebe nun einige Monate in Köln und hatte noch nicht das Vergnügen diesen Rabatz einmal hautnah miterleben zu können. Bis jetzt. Setzt euch, holt das Banjo raus, ich erzähl euch ´ne Geschichte.

Kölner Karneval... Mir kamen dazu bis dato nur die Bilder in den Sinn, die man aus dem Fernsehen kennt: Umzüge, Kamelle und diese Sitzungen, bei denen der Humorfaktor schon haarscharf an der Schmerzgrenze liegt. In sofern habe ich mir nicht allzu viel von diesem Tag erhofft, denn obwohl ich wusste, dass ich weder Umzüge noch Sitzungen zu sehen bekommen sollte, war ich etwas skeptisch, ob ich dies jecke Treiben denn auch unterhaltsam finden würde oder schlicht albern und eigenartig.

Um von so einem Ereignis berichten zu können, ohne ihm Unrecht zu tun, so dachte ich mir, sollte man sich möglichst in die Stimmung versetzen, die dort vorherrscht. Zu diesem Zweck hatte ich mir zwei Liter Bier an mein Bett gestellt, die ich nach dem Aufstehen begann zu mir zu nehmen und für die nächste Zeit in einer schicken Plastiktüte mit mir herumschleppte. Das Wetter war mies, orkanartig. Noch ab zum Bäcker, Kaffee und Brötchen verspeisen, dann in die Bahn, der Zeitplan war ja eng. Um 11 Uhr 11 sollte ich am Heumarkt sein. Im Zug wurde es nun von Station zu Station voller; Fabelwesen, Piraten und Müllmänner beschnapsten sich und es wurde auch schon hier und da ausgiebig gelallt. Höchst wahrscheinlich hatten einige dieser Kreaturen die Nacht durchgemacht und waren nun auf dem Weg in der Altstadt, um in irgendeinem Rinnstein zusammenzubrechen. Ich fühlte mich erschreckend nüchtern, konnte aber aufgrund der Enge meine Bierflaschen in der Plastiktüte nicht erreichen. Unterwegs sammelte ich noch meine Begleiter auf, und gewann so noch Zugang zu einer Flasche Apfelkorn, sowie einer Wodka-Saft Mischung.

Als wir um kurz vor elf Uhr am Heumarkt ankamen war dort schon die Hölle los. Auf einer enormen Bühne boten verschiedene Gruppen und Interpreten Karnevalshits dar. Gedränge überall. Ein paar KVB-Angestellte überwachten, dass keiner auf die Bahnschienen fiel. In den Kiosken, die in Köln ja gefühlt fünfzig Prozent des Gastronomiebetriebes ausmachen, ein breites Grinsen auf den Gesichtern der Verkäufer, die sich wohl von ihren Einnahmen an diesem Tag eine kleine Yacht kaufen könnten. Jeder über zwölf Jahren, dessen Greifreflex noch funktionierte, trug eine Kölschflasche bei sich. Der Weg in Richtung Bühne war sehr beschwerlich, teilweise konnte man seine Bewegungsrichtung auch gar nicht mehr kontrollieren, wie bei einem Punkkonzert. Letztlich war jedoch ein Plätzchen gefunden, wo man unbehelligt stehen und sich einen Überblick verschaffen konnte. Ich versuchte, die gespielten Lieder zu identifizieren, scheiterte aber bereits am kölschen Dialekt, immerhin: Bernd Stelter kannte ich und De Höhner sind ja auch deutschlandweit ein Begriff. Ich weiß nicht mehr wie oft ich an diesem Tag „Viva Colonia“ gehört habe.

Endlich kam auch die Sonne hervor, der Regen hatte schon länger aufgehört. Das Bier war nun alle, der Apfelkorn angebrochen und der Ruf der Natur ereilte mich. Also hieß es: durchschlagen zu den Toiletten. Nachdem ich mich in der Menschenmenge verirrt und immer wieder, als ich dachte nun hätte ich es geschafft, vor Zäunen und Sicherheitskräften zum Stehen kam, erreichte ich irgendwann die lustigen, grünen Toilettenhäuschen. Überflüssig zu erwähnen, dass es hier noch viel voller war als sonst schon überall. Den wartenden Leuten stand ihr Harndrang ins Gesicht geschrieben. Eine entnervte Dame versuchte noch den Besoffenen 50 Cent für das Privileg, diese vollgepissten Büdchen zu benutzen, abzupressen, hatte aber kein leichtes Spiel mit diesem Unterfangen. Auch wenn ich der Meinung war, sie sollte mich dafür bezahlen, dass ich mich überhaupt dort hineintraute, leistete ich meinen Beitrag, weil ich fürchtete die Arme müsste das allen Ernstes am Ende wieder saubermachen. Ich hätte die Klos einfach nachts in den Rhein geworfen.

An Karneval lernt man viele interessante Menschen kennen. Gut, interessant sind sie nicht unbedingt, aber stockbesoffen und daher immerhin amüsant. Für Frauen könnte unangenehm sein, dass sie ein bisschen begrabscht werden. Männer natürlich auch, wir reden schließlich von Köln. Im Grunde genommen läuft aber alles ganz friedlich ab und letztlich kann man sich auch sagen, dass man diese Menschen eh nie wieder sieht. So bekamen wir von einem Franzosen, der allerdings in seinem Zustand nicht einmal mehr französisch sprechen konnte, etwas später am Tag eine Flasche Rotwein geschenkt. Kurz darauf war er plötzlich verschwunden.

Nach einer Weile brachen wir auf, den Rest der Stadt zu erkunden und landeten bald in einer ganz leeren, bald in einer ganz vollen Kneipe. Ich bekam Mauseohren zum auf den Kopf setzen und fühlte mich nun, da ich verkleidet war, sehr viel besser. Inzwischen war auch der letzte Mensch betrunken, die Straße glich einem Scherbenmeer. Gepinkelt wurde wo Platz war. (Ich unterhielt mich mit einem Menschen, als er sich plötzlich umdrehte und in einen Mülleimer pischerte.) Kurzum, die Stimmung war ausgelassen. Weil ich auch mitsingen wollte, dachte ich mir eigene Texte aus (die Melodien der Karnevalslieder sind fast alle gleich) und ich fiel damit unter den ganzen Alkoholleichen nicht unbedingt auf, mir hörte ja eh keiner zu. So feierten wir quer durch die Stadt. Ich erinnere mich an einen Moment, da stand ich plötzlich im Kühlraum einer Dönerbude, weil ich dort das Klo gesucht hatte. Meine Wegfindung war offensichtlich nicht mehr die beste. In den letzten Stunden, nachdem die Sonne untergegangen war, geschah dann auch nichts mehr, das für einen Eindruck vom Kölner Karneval relevant gewesen wäre, jedenfalls nichts, das meine schwammige Erinnerung noch hergibt, weshalb ich meine Schilderungen hier zum Ende kommen lasse. Irgendwann wollte ich dann nach Hause fahren, verlief mich, fand letztlich eine bekannte Bahnstation und konnte endlich heimkehren.

Hat es sich also gelohnt, all diese Strapazen auf sich zu nehmen? Für jemanden der gerne trinkt und feiert auf jeden Fall. Der Kölner Lokalpatriotismus und die Tradition, die dem ganzen Karneval zu Grunde liegt, sind für jemanden aus der Kleinstadt zwar zunächst etwas befremdlich, aber man wird schnell mitgerissen und dann ist es auch egal, wo man herkommt. Man ist dann einfach ein Kölner, auch wenn man aus Botswana oder Thailand kommt. Wenn man also bereit ist, sich einzulassen, dann kommt man auf irgendeine Art schon auf seine Kosten. Und wem das ganze zu albern oder laut ist, der soll halt zu Hause bleiben und sich ein Platzdeckchen häkeln. Wer sich selber ein Bild machen will, der komme bitte bald am Rosenmontag hierher und schaue sich den Spaß persönlich an.

C. Freitag