„rschgeweih“ verspricht „Das wahre Lexikon der Gegenwart“ zu sein und zwinkert bei diesem Untertitel schon mit beiden Augen. Das Autorentrio schildert laid-back mit massivem Zynismus und viel Ironie die Eigenarten unserer Zeit. Dabei streift der Humor die Grenze zur Geschmacklosigkeit das ein oder andere Mal.
Eins vorweg. Diese Kritik ist kein dankbarer Job. Das Buch nimmt sich selbst nicht ernst und will auch nicht ernst genommen werden. Rückt man da mit einer rationalen Messlatte an, macht man sich unweigerlich zum Affen. Aber drücken ist nicht.
Das Vorwort ist ganz viel versprechend. Die Vermutung wird zerstreut, dass auf die eher Schwachen in der Gesellschaft eingeprügelt werden soll – wie der Titel wohl vermuten lässt – denn man wolle niemanden treten, der schon am Boden liegt.
Tatsächlich stammen die im Lexikon erklärten Begriffe aus einer Vielzahl von Themenbereichen. Der rote Faden soll dabei natürlich die Gegenwart sein. Das ist aber nicht der Fall. Panini-Fußballbilder, Tourette-Syndrom oder Rosamunde Pilcher sind nun nicht die großen Verrücktheiten des 21. Jahrhunderts. Der rote Faden ist somit eher das, was die Autoren beschäftigt. Es geht natürlich klar, mal frei von der Leber weg ein Quatsch-Buch in Lexikon-Form zu schreiben, aber das geht dann hier am Untertitel vorbei, der ein „Lexikon der Gegenwart“ verspricht. Davon abgesehen, machen sich die Autoren auch gar keine Mühe einem Lexikon-Stil zu folgen. Es gibt kaum Querverweise und die meisten Einträge versuchen auch nicht einen Begriff oder ein Phänomen zu erklären, sondern bestehen manchmal auch nur aus einer Punchline. Beispiel Rooibostee: „Ich hab nichts gegen Roibostee, nur gegen Leute, die ihn trinken. Wie witzig dieses Beispiel ist, kann diskutiert werden, auf jeden Fall leitet uns zum nächsten Problem: Wer ist „ich“? Es gibt doch drei Autoren.
Jetzt aber erstmal Schluss mit meckern. Es gibt nämlich auch eine ganze Menge witzige Stellen im Buch. So etwa der Artikel zum McDonals’s-Salat, der mit den Worten schließt: „Wer will schon bei McDonald’s Salat essen? Das ist doch wie Mau-Mau spielen im Puff.“ Mir als NEON-Hasser gefällt natürlich besonders auch der Seitenhieb gegen das „Printmedium für Milchkaffeetrinker, die ein bisschen anders, ein bisschen kritisch, ein bisschen gescheiter sein wollen. Die fangen viele Sätze mit „eigentlich“ an, verlieren sich dann in Relativkonstruktionen und wollen mit dem Rauchen aufhören. Hören alle Franz Ferdinand und Mia.“ Das sind die großen Momente des Buches. Häme, Hass und Heiterkeit sozusagen. Das kann ich feiern. Einen spendier ich noch – Schwammtechnik: „Auch wieder so eine Flause, die einem die Deko-Style-Zeitschriften in den Kopf gesetzt haben: Jeder ist ein Innenausstatter. Das ist falsch. Ein Innenausstatter ist ein Innenausstatter. Der Rest der Menschheit soll sehen, dass er mit dem Schwamm von der Wand wegbleibt.“
Wieso kann das ganze Buch nicht aus so kleinen Lustigkeiten bestehen, ohne dass dabei auf Minderheiten rumgehackt wird? Einige moralische Verwerflichkeiten finden sich leider auch in dem Buch. Dabei ist es nicht so, dass aus Versehen in Fettnäpfchen gestapft wird. Nein – völlig ohne Zwang stellen sich die Autoren die Fettnäpfchen extra auf, vermutlich versuchen sie durch Tabubrüche besonders tough zu wirken.
So halten es beispielsweise die Autoren „für ihn persönlich als auch für die Menschheit für einen Glücksfall, dass sich Steven Hawking für die Astrophysik entschieden hat und nicht für den Marathonlauf“. Begründung: Die Paralympics seien weniger ansehnlich als Holzfäller-WM oder Snooker. Ich finde: Natürlich ist es nicht verboten auch mal über einen Menschen mit einer Behinderung Witze zu machen. Doch erstens muss sich der Witz ja nicht unbedingt auf die Behinderung an sich beziehen. Zweitens ist es ein Problem, dass behinderte Menschen noch immer aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind und das wird sich mit solchen Statements nicht bessern.
Beim Eintrag „Schwimmen mit Delphinen“ wird gesagt, dass es eine Zumutung für die Delphine sei, sich von dicken Erlebnistouristen betatschen lassen zu müssen (was ja nachvollziehbar ist). Daran schließt sich aber das Fazit an, dass der „Umgang der Japaner mit Delphinen wesentlich ehrlicher und aufrichtiger“ sei.
Ich finde es einfach schade: Tausende Umweltschützer und Politiker bemühen sich darum, dass wir auch in 50 Jahren noch hier und da einen Flipper haben, da ist es einfach nicht angebracht, dass schüchtern keimende Umweltbewusstsein der Menschen insbesondere für die Meere so zu treten.
Unter „Deutsche Soldaten“ wird darüber berichtet, dass sich Bundeswehrleute im Irak mit Totenköpfen fotografiert haben und ironisch wird darauf hingewiesen, dass die Reaktionen darauf in Anbetracht der Fehltritte der US-Armee (z.B. Folter) gänzlich übertrieben seien. Um die Empörung in Deutschland über die Bundeswehrleute zu illustrieren, wird die Metapher vom „Geschmacksholocaust“ bemüht. Das Wort Holocaust metaphorisch zu verwenden, um die Tragweite eines anderen Ereignisses zu beschreiben, verbittet sich einfach, weil es einer Relativierung der Verbrechen des Dritten Reiches gleichkommt.
Jetzt wird natürlich jeder sagen: „Wow, Mr. Political-Correctness hat mal wieder keinen Sinn für Humor! Das ist Satire, du Penner!“ Aber darum geht’s nicht. Satire hat auch seine Grenzen. Davon abgesehen finde ich, dass etwa die Titanic mehr darf als die Autoren hier. Denn: Die Titanic hat eine Leserschaft, die entschieden reflexionsfähiger ist als die Zielgruppe dieses Buches, das sich wohl nicht ausschließlich an Intellektuelle richtet. Somit finde ich es ein Stück weit verantwortungslos diese hedonistisch-ignoranten Statements zu veröffentlichen, wenn klar ist, dass das nicht jeder Leser einordnen kann.
Oder anders gesagt: Die thematischen Eckdaten des Buches sind schon so groß gewählt, dass wirklich alles reinpasst. Dass es dann drei Autoren nicht schaffen dabei die größten No-Gos zu umschiffen, ist schon ein Armutszeugnis. „Endlich Raucher“ oder „Der perfekte Verführer“ von dem auch nicht ganz unprominenten Autor Oliver Kuhn haben das schließlich auch geschafft und waren dabei durchaus unterhaltsam. „Arschgeweih“ bleibt somit hinter den selbstgesteckten und gesellschaftlichen ethischen Erwartungen zurück.
„Arschgeweih“ erscheint im Juni 2008 als Taschenbuch und ist bereits gebunden verfügbar.







