ie Hörbuch- und Hörspiel-Branche boomt total. Es wird ohne Sinn und Verstand jeder Quatsch produziert, Hauptsache die augenscheinliche Nachfrage wird bedient. Für aufwendige, innovative und künstlerisch wertvolle Produktionen ist da kaum Platz. Der Titel der Fantasy-Reihe „Abseits der Wege“ scheint fast ein wenig darauf anzuspielen.
Dabei ist das Hörspiel eine Darstellungsform, die irrsinnige Möglichkeiten bietet. Die Ebene des Erzählers, die der Geräusche, die der Sprache der Figuren und schließlich die Musik wollen gut aufeinander abgestimmt sein. Das ist eine sehr komplexe Aufgabe und erfordert akribisches Arbeiten und eine genaue Konzeption. Das Hörspiel wird sogar als eigenes literarisches Genre betrachtet, wie auch ein Roman oder eine Novelle. Da dürfte klar sein, dass die besten Hörspiele nicht durch das Verwursten von irgendwelchen Goethe-Dramen entstehen. Das ist auch bei der 12-teiligen Fantasy-Hörspiel-Reihe „Abseits der Wege“ nicht der Fall. Die komplette Story, die seit Anfang 2007 nach und nach veröffentlicht wird, wurde komplett für Hörspiel geschrieben.
Und tatsächlich die Produktion ist phantastisch. Die genannten Ebenen verschmelzen zu einer Symbiose, in der jeder Bestandteil alles gibt. Der Erzähler Heinz Ostermann geleitet mit seiner tiefen und schweren Stimme spannungsvoll durch das Geschehen. Interessant ist auch, dass der Erzähltext berücksichtigt, dass er gesprochen wird. Viele Alliterationen und Assonanzen schmeicheln dem Ohr – würde man den Text leise für sich lesen, würde das alles deutlich weniger auffallen.
Der Inhalt sei nur mal ganz kurz umrissen. Im ersten Teil wurden zunächst die Personen vorgestellt und das Setting geklärt – dass es zum Beispiel Kobolde, sprechende Pflanzen und so weiter gibt. Und gewisse Purpurne Prüfer vor denen man sich fürchten muss. Im zweiten Teil gab es dann schon etwas mehr Action bei der auch die Sprecher zeigen konnten was sie drauf haben – und sie schienen beinah selbst dankbar für die Herausforderungen. Der dritte Teil, „Wehrlos“, entlässt zunächst den jungen Protagonisten Gaston Glück aus der Rolle des völlig überforderten Burschen, dem Unverständliches widerfährt. Sein Vater outet sich als sogenannter Nebelchronist und erteilt Gaston die Aufgabe einen Boten zu finden. Die Reise führt Gaston in die Hände der Purpurnen Prüfer, beziehungsweise deren Knast.
Also: Die Karten werden aufgedeckt, der Protagonist wird selber aktiv und ist nicht mehr nur Spielball der Ereignisse – die Gesamtstory beginnt. Und an was erinnert das doch gleich? Richtig – einen ähnlichen Moment gibt es doch auch beim Herrn der Ringe, wo in Bruchtal Licht ins Dunkel gebracht wird und die große Aufgabe den Hobbits erteilt wird. Ja und nebenbei: Gaston macht sich auch mit zwei Kumpels (inkl. einem besonders Vorlauten) auf den Weg; hohe Türme spielen auch eine wichtige Rolle und für Tolkienschen Schmunzel-Humor ist ab und an auch mal Platz. Ein mysteriöser, königlicher Begleiter stößt schließlich auch noch zur Gruppe.
Es ist in meinen Augen schon relativ offensichtlich, dass die Mutter der Fantasy-Literatur hier zum Vorbild dient. Darin liegt auch das Problem des Hörspiels. Auf je 60 Minuten pro Folge ist es vergleichsweise schwierig, ein ähnlich bildhaftes Szenario zu entwerfen und dabei die Handlung nicht zu vergessen. Und die Handlung – wie insbesondere bei den ersten beiden Folgen kritisiert wurde – findet manchmal überhaupt nicht statt oder nur sehr schleppend oder so, dass man aufgrund unnachvollziehbarer Sprünge überfordert ist. Das ist auch im dritten Teil mitunter der Fall. Es gibt schnelle Momente in denen sich die Ereignisse (ein wenig) überschlagen, aber häufiger denkt man sich dann doch: Verflucht, wieso passiert da denn nichts!?
Aber der Schwerpunkt der Produktion liegt nun mal auf der Ausgestaltung der Atmosphäre und das gelingt fabelhaft. Musik und Ton sind ohne zu übertreiben auf Hollywood-Niveau. Orchestrale Musikeinlagen entfalten ihre gesamte Strahlkraft an Stellen, wo für sie Raum ist. Viel Handlung ist sanft umspielt von weichen Klängen, die in jeder Note genau passen. Besonders bei den Geräuschen hat man auch überhaupt nicht das Gefühl, dass nur die Sound-Datenbank geplündert wurde, sondern dass man sich auch mal selbst in den Foley Room gestellt hat, um das wirklich richtige Geräusch zu bekommen. Somit ist das Hörspiel sicher nichts für den „Durchschnittshörer“ oder durchschnittlichen Hohlbein-Fan. Man muss schon eine ausgesprochen auditive Veranlagung haben um an „Abseits der Wege“ Freude zu finden. Doch diese Freude wird für jene riesig sein.







