ine Fußball-Nationalmannschaft der Autoren? Teilweise aus dem Umfeld der “Jungen Welt”? Auch sonst eher Meriten in Poetry Slams verdient als in Sport-Journalismus oder gar Sport? Die sollen über die Fußball-EM schreiben? Na, das kann ja heiter werden.
Und so ist es auch geworden – heiter. Kaum ein Autor, der sich dem Thema ‘Europameisterschaft’ nicht auf die “lustige” Art nähert. Vor dem Turnier wird jedem der 16 Schriftsteller eine Nation zugelost, die er dann mit einem etwas längeren Vorbericht sowie einem Essay pro Spiel durch das Turnier begleitet. Die Wahl der Herausgeber fällt vor allem auf Jahrgänge der späten 60er und frühen 70er; sie berücksichtigen beide Geschlechter fast gleichwertig. Wobei letzteres Kriterium die Zuschauerverhältnisse bei der EM übrigens angemessen repräsentiert; das ist schon mal gut. Dem Buch liegt (wie bei Voland & Quist üblich) eine CD bei, mit der man zumindest einen Teil des Buches vorgelesen bekommt; das finde ich auch schön. Für Hörbuch-Freunde ist “Der lange Weg nach Wien” aber schon nach den Vorberichten zu Ende; für Gruppen- und K.O.-Phase muss man dann doch wieder auf das Buch zurückkommen. Ich freue mich ferner über liebevolle Beachtung der Sonderzeichen in den Spielernamen sowie hübsch aufbereitete Statistiken.
Im Vorfeld stellt sich mir vor allem die Frage, wie die Autoren mit der Patriotismus-Frage umgehen werden. Mir persönlich geht schon das unerträgliche Medien-Tohuwabohu um große Turniere immer sehr auf den Senkel. Dass das “Schlaaand”-grölende Spackentum seit der WM 2006 absolut mehrheitsfähig ist, macht die Sache nicht besser. Ähnlich sieht das auch Bernadette La Hengst, die die deutsche Mannschaft zugelost bekommt. Mit welcher Überheblichkeit sie dann aber lieber von ihrer Tournee, ihrem Meeting mit Frank-Walter Steinmeier und generell von sich selber schreibt, anstatt einen Blick auf den rollenden Ball zu werfen – das hätte nicht sein müssen. Es sind Spagate zwischen Sportjournalismus und Literatur, die sich wie ein roter Faden durch “Der lange Weg nach Wien” ziehen – am Ende mit wunden Klöten und, äh, Oberschenkelzerrungen.
Unbeschadet tritt z.B. Norbert Kron aus dem Spektakel hervor: Er zieht seine Idee, als Zeus über die griechische Nationalmannschaft zu schreiben, konsequent durch. So äußert er sich zu der Siegesserie der Griechen gegen Portugal: ”Und wem haben wir das zu verdanken – außer mir, meine ich? Meinem Heldensohn natürlich, den ich einst, als Amphitryon verkleidet, mit Alkmene zeugte und dem ich nach einer kleinen Klüngelei mit dem hellenischen Fußballgötterverband den Trainerposten zuschanzte, Otto Rehakles. Niemand hat größere Weisheit in den Fußball getragen als er: »Die Wahrheit liegt auf dem Platz« (Apologie 311a) [...].”
Über ein Land zu schreiben, das einem selbst womöglich vollkommen unbekannt ist, ist ja auch nicht ganz einfach. Da werden natürlich in erster Linie Vorurteile bedient, die wir Deutschen von unseren europäischen Freunden haben. Florian Werner tut sich hier hervor, indem er den temperamentvoll-groben Russen mimt: ”Als wir klein waren, sagte Mütterchen Russland immer zu uns: Wenn ihr nicht gewinnt, seid wenigstens gute Verlierer. Nun, da wir groß sind, antworten wir: Halt die Schnauze, sonst machen wir Skier aus dem Kreuz deiner Mutter. Dann wird Mütterchen Russland für gefühlte 30 Sekunden still, und wir legen los. Wie soll man einen Gegner ernst nehmen, dessen Spieler Namen tragen, die wie ein Aftershave (»Puyol«), wie ein Vorspeisenteller (»Ich hätte gern noch ein Schälchen Casillas«) oder wie ein Kleinwagen von VW klingen (»Der neue Xavi«)?”
Insgesamt aber ist das Projekt leider nicht konsequent genug. Für Fußball-Freunde sind die Autoren mit zu wenig Enthusiasmus dabei – sie kapitulieren schon, wenn die Partie ihrer Nation nicht im Fernsehen läuft, weil die Öffentlich-Rechtlichen von den zeitgleich stattfindenden Abschlusspartien der Gruppenphase immer nur eine zeigen. Literatur-Liebhaber sind enttäuscht, weil den Autoren meist ganz einfach der Platz fehlt, um echte Ideen zu entwickeln. Nach der Lektüre bin ich vom erzwungen-spaßigen Ton ermüdet und frage mich, wieso gerade diese Autoren meine Erinnerungen an die EM prägen sollen.
So hinterlässt das Projekt “Autorenfußballeuropameisterschaftsbuch 2008” einen unausgegorenen Eindruck. Was aber nicht heißt, dass aus dieser guten Idee mit etwas Adjustierung nicht auch ein feines Buch entstehen könnte. Mein Tipp für die WM 2010: Mehr Autoren in die Stadien schicken!
"Der lange Weg nach Wien" von Christof Meueler / Torsten Schulz / Frank Willmann (Hrsg.)
Buch mit Audio-CD
ca. 160 Seiten, Klappenbroschur
ca. 60 min. Spielzeit
14,80 €
ISBN: 978-3-938424-30-8
erschienen am 1.8.2008 bei Voland & Quist (http://www.voland-quist.de)
Mit Texten von:
Ahne, Daniela Böhle, Ina Bösecke, Jan Böttcher, Gabriele Damtew, Annett und Friedrich Gröschner, Anne Hahn, Uli Hannemann, Bernadette La Hengst, Friederike von Koenigswald, Norbert Kron, Marion "Rigoletti" Pfaus, Jochen Schmidt, Torsten Schulz, Florian Werner, Frank Willmann
Einige der Texte können auf der Website der Jungen Welt (http://www.jungewelt.de/serien.php?id=519) nachgelesen werden.







