harlotte Roche, Markus Kavka, Sarah Kuttner. Und jetzt auch Tobi Schlegl: Die Ex-Musik-TV-Garde erklärt uns, was cool ist. „Wascht euch nicht“, sagt Charlotte Roche, „bleibt jugendlich“, rät Markus Kavka. Und ganz und gar erstaunlich ist, was Tobi Schlegl uns mit auf den Weg geben will.
Dass das nämlich zwischen zwei Buchdeckel auf nur 215 Seiten passt, ist sensationell. „Zu spät?“ heißt das Autorendebüt des Musikers und Fernsehquatschmachers, der Untertitel: „So zukunftsfähig sind wir jungen Deutschen“. Ahnungsvoll posiert Tobi Schlegl ganz in schwarz vor den Resten der Mauer in Berlin. Seitdem Ex-Kanzler Schröder ihn in den „Rat für Nachhaltigkeit“ geholt hat, liegt Herrn Schlegl das Wohl unseres Planeten am Herzen. Und weil junge Leute ja nun mal gern bei H&M kaufen und bei Mäckes essen, der Urlaub lieber nach Fuerteventura gehen soll als nach Kühlungsborn, wird es höchste Zeit, dass uns mal einer auf die Finger klopft.
„Ich bin ja kein Öko-Messias, ich will niemanden bekehren! Dazu habe ich viel zu viel Dreck am Stecken, und so funktioniert das auch nicht, man kann das nicht so öko-anstrengend formulieren.“ – so Schlegl im Interview mit der Bild-Zeitung, in dem er zugibt, dass sein Werk auf den Säulen des Vorurteils steht. Ökos sind Stresser, bieder, dogmatisch und unentspannt. Gut, dass Schlegl so flippig und doppelmoralisch ist, einer von uns, der es nicht verwerflich findet, Unterste-Schublade-Nachmittagsformate auf ProSieben zu moderieren. Tatsächlich ist Schlegls Argumentation aber derart wacklig, dass dieses Buch nichts weiter als 215 Seiten undifferenzierte Auseinandersetzungen mit dem Bösen preisgibt. Böse sind nicht nur Ikea und Vattenfall; über Jugendarbeitslosigkeit und Rechtsextremismus kann Tobi sich genauso empören wie über Mord am Regenwald und Atomstrom. Denkt man nach den ersten Kapiteln noch, es ginge um Umwelt- und Verbraucherschutz, so wird bald deutlich, dass Schlegl hier einen Rundumschlag wagt. Der Besuch beim Jobcenter, das Gespräch mit dem elitären Superstudenten reiht sich ein neben Baumpflanzaktionen und Flashmobs. Damit das irgendwie Sinn macht, musste Schlegl mit einem dicken roten Faden das unzusammenhängende Böse zusammennähen. Dass Schlegl derber
Ärzte-Lobbyist ist, ist kein Geheimnis. Dass hier aber eine Hommage an „die beste Band der Welt“ ganz schlecht hinter umweltpolitischer Aufklärungsarbeit versteckt wird, ist peinlich. Ärzte-Songs als Kapitelüberschriften; am Ende eines jeden dann der „Besserwisserboykasten“, in dem lesefaulgerecht noch mal jeder Sachverhalt verkürzt wird: „Alles so einfach“! Dann offenbart „Anneliese Schmidt“ uns in drei Sätzen Hintergrundwissen, bis „Baby ich tu’s“ ermuntert, zur Tat zu schreiten. Sehr schön dann, weiterführende Links unter „Paul surft“ zu sammeln. Die Krönung ist ein Interview mit Bela B., in dem der Leser erfährt, dass die Ärzten ihre Gitarrenverstärker nur in Öko-Strom-Steckdosen stecken und dass NGOs 1 € pro Ticket abkriegen (Gegen Nazis ist natürlich Ehrensache).
Die Zielgruppe, die Schlegl versucht anzusprechen, gibt es schlicht nicht. Bei den Bushido-Kids kann er mit dem Ärzte-Quatsch sowieso nicht landen und jeder 15-Jährige durchschaut, dass Schlegl statt Aufklärungsarbeit hier bloße Fingerzeig-Mentalität betreibt. Wenn Adidas kacke ist, welche Schuhe kaufe ich dann? Solche Fragen bleiben unbeantwortet. Geh nicht zu Aldi, sondern zum Bio-Supermarkt ist Plattitüde und eine Beleidigung an den Leser.
Tobias Schlegl - "Zu spät?" ist erschienen am 01.08.2008 bei Rowohlt (http://www.rowohlt.de/)
rororo Taschenbuch, 224 S., 8,95 €, ISBN: 978-3-499-62390-5
Website von Tobias Schlegl (http://www.uebernehmensie.com)








