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Buch ohne Seiten, Zuhause ohne Grenzen – Halbzeit bei Heimat Huckepack
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Buch ohne Seiten, Zuhause ohne Grenzen – Halbzeit bei Heimat Huckepack

ie Abendsonne scheint ins Zimmer, der Laptop aufgeklappt, ein Kaffee daneben, um heute noch eine Nachtschicht einlegen zu können. Auf dem Schreibtisch türmen sich Zettel und Bücher, ermahnen zur Arbeit. Doch dann kommt da die Mail ins Postfach: „Was nimmst du mit, wenn du gehst?“

So zum Beispiel betitelt Finn-Ole Heinrich die Header seiner Newsletter. In ihnen informiert der junge Autor und Filmemacher über Neugestaltungen seiner Heimat, seiner „Heimat Huckepack“. Dank eines Stipendiums vom Literaturhaus Bremen darf Finn-Ole Heinrich sich in der „Bremer Netzresidenz“ einrichten. Statt ein paar Quadratmeter Altbau-Villa zum Schreiben gibt es ein paar Gigabyte Webspace zum Publizieren. Ein doppelter Clou dann, dass Finn-Ole Heinrich das Internet als Medium der Unbeständigkeit nutzt, um über das äußerst beständige Thema Heimat zu philosophieren.

Mitmachen!

Das Internetprojekt Heimat Huckepack zeigt, dass Literatur nicht nur im Literaturbetrieb funktioniert. Manchmal braucht man weder Verlage noch Lektoren, weder Buchmessen noch Amazon, weder Leselampe noch Nachttisch. Da braucht man keinen, der entscheidet, keine Spiegel-Bestsellerliste und kein Literarisches Quartett. Diese Prämisse hat sich Finn-Ole Heinrich als oberste Maxime gesetzt. „Mitmachen“ steht da in der Taskleiste. Ein Gästebuch gibt’s auch und wer mag, kann die Beiträge auf der Seite bewerten. Warum ist das Literatur? wird man sich fragen. Finn-Ole Heinrich zeigt, dass Literatur eben nicht einfach schöne Sprache ist, sondern Gedanken – schräge, abgründige, existenzielle Gedanken. „Was nimmst du mit, wenn du gehst?“. Das Gästebuch macht Vorschläge: Das, was in eine „After-Eight-Blechdose“ passt oder „eine liebevolle Erinnerung“?

Die Neuentdeckung der Currywurst

Das Herzstück aber von Heimat Huckepack sind die Portraits. Wöchentlich kommt ein neues dazu. Da ist zum Beispiel Diana aus der Malgruppe: „Eigentlich ist das Problem, dass die anderen nicht kapieren, dass man was nicht kann. Ich weiß nicht wie ich das definieren soll – das ist Behinderung.“ Oder Uwe, Bodenkundler, für den Pflügen etwas Heiliges ist: „Und der Boden ist dann so verletzlich, liegt da wie eine offene Wunde. Schwarz und in einer unglaublichen Schönheit. Gleichmäßig, feucht und speckig. Unglaublich schön. Und im selben Moment spürst du deine Verantwortung. Du hast da was aufgerissen, du hast ne Wunde gerissen. Was machst du jetzt damit? Du musst dich kümmern“.
Die Portraits zeigen, dass Literatur nichts Elitäres ist. Ökolandbau, HipHop Dance, Currywurst und Schule abbrechen – das alles ist Stoff für interessante Geschichten, Stoff, der in 15- wie in 80-Jährigen schlummert. Klar, ab und zu zuckt auch mal spöttisch der Mundwinkel, manchmal wird es ein bisschen zu spirituell-religiös (ist Gott wirklich ein Gentleman?).

Mit schüchternem Geschick

Finn-Ole Heinrich präsentiert sein literarisches Geschick schüchtern und unprätentiös. Geschick aber beweist er eindeutig, indem er die den Portraits zugrunde liegenden Interviews erzähltechnisch modelliert, mit der Informationsvergabe und Materialauswahl spielt. Und auch wenn das Themenfeld Heimat und Identität sehr tief geht und in erster Linie ernsthafte Gedanken hervorlockt, lässt sich ein Kichern hin und wieder doch nicht verkneifen. Zum Beispiel, wenn Herr Possalla (der gerne Playground-Manager wäre) wie ein Wilder auf dem Spielplatz-Wipptier schaukelt und Wespen wohlwollend Fanta genehmigt, weil man es ihnen nicht verübeln kann aufgrund mangelnder Zivilisation nicht von der Brause abzulassen.

„Coffee to go, eine Plattensammlung in der Hosentasche und mit zweihundert Menschen per Funk verbunden“ – so begibt sich Finn-Ole Heinrich auf die Reise und trifft den Nerv der Zeit, wenn er bei zunehmender Technisierung und Globalisierung nach dem Kern der Dinge fragt: Identität. Heimat Huckepack stimmt nachdenklich, fordert auf, einen Schritt zurück zu gehen und das Leben mal aus der Totale zu betrachten, und zeigt vor allem eins: Dass Literatur nicht zwischen zwei Buchdeckel eingesperrt werden muss.

Zur Heimat Huckepack-Website (http://www.heimathuckepack.de)

L. Krutzinna