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Heinz Strunk liest "Die Zunge Europas"
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Heinz Strunk liest "Die Zunge Europas"

ach seinem rasch zum Bestseller geadelten Debütroman „Fleisch ist mein Gemüse“ legt Heinz Strunk ein neues Werk vor: „Die Zunge Europas“. Und wie es sich für einen Allround-Entertainer gehört, der auch schon mit Kurzhörspielen begeistern konnte, erscheint der Roman zeitgleich als Hörbuch, vom Autor selbst gelesen.

Strunks Stimme ist mir mittlerweile ein Begriff, von den zwei CDs mit Kurzhörspielen („Mit Hass gekocht“ (http://magagin.de/reviews/101) und „Der Schorf-Opa“ (http://magagin.de/reviews/210)), aber auch von seinem kommentierenden Auftritt in der Kino-Verfilmung von „Fleisch ist mein Gemüse“. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, wie sich der 46 Jährige auf sechs CDs durch 320 Seiten lispelt und lallt – so wird er aber dem Charakter der Geschichte gerecht, zumal Strunk dabei immer verständlich bleibt.

Den Titel „Die Zunge Europas“ hätte man auch durchaus anders wählen können, er ist von keiner entscheidenden Bedeutung für die Handlung des Romans. Mittelpunkt der Erzählung ist der Ich-Erzähler Markus Erdmann, ein desillusionierter Mittdreißiger, der sein Geld als Gagschreiber verdient. Er schildert sieben Tage seines Lebens, in denen aus der sympathisch-armseligen Kreatur ein bewundernswerter Mensch mit Charakter wird. Los geht es am Sonntag mit dem allwöchentlichen Besuch im „Café Pustekuchen“, bei dem Erdmann mit manischem Blick seine Mitmenschen beschreibt, vom schlurfigen und wegen seines flachen Gesichts in „Fantômas“ umgetauften Kellner bis zur Tischnachbarin „Esther“:

„Sie sah aus wie eine Grünen-Politikerin aus den frühen Neunzigern. Auf ihrem Brustbein bildeten sich Schweißperlen, die in den Ausschnitt des T-Shirts rannen und ihr Hals verschwand fast im hell-grünen Jackett, aus dem sie heraus schaute wie ein Vogel aus einem Sack. Kiebig, missgelaunt. Sie warf mir einen bösen Blick zu. Offensichtlich mochte sie Männer im Allgemeinen und mich im Speziellen nicht. Männer – erst besetzen sie fremde Tische, dann fremde Länder. [...] Sie kratzt sich unter den Schweißnassen, dicht behaarten Achselhöhlen und weiß, dass sie Recht hat. Esther! Sie musste Esther heißen. Ich wusste auch, dass ich Recht hatte, und ich mochte sie auch nicht.“

Die Atmosphäre der Erzählung ähnelt Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“: Erdmanns Minderwertigkeitskomplexe gepaart mit einer den meisten anderen Menschen überlegenen Intelligenz und Kreativität machen aus der Welt eine kleine Sammlung von Schubladen, in die die Menschen blitzschnell einsortiert werden. Mit ausgedehnten Körperbeschreibungen zollt Strunk dem Schönheitswahn Tribut, Begriffe wie „Hüftgold“ und „Elchschaufeln“ sind da nur die Spitze des Eisbergs. Erdmann selbst, ausgestattet mit einer ungesunden Neigung zum Alkohol, überlegt, ob er nicht gleich richtig zulegen und total verfetten soll – „dann hat man es wenigstens hinter sich“. Vorsichtshalber – und auch das erinnert an den französischen Starautor – hat er bei sich selbst schon den Prozess einer absoluten Desexualisierung eingeleitet, obwohl er überraschenderweise in einer Beziehung steckt. Die ist aber auch nur noch eine Mischung aus Fassade und Routine, ohne echte Zuneigung. Das Erschreckende am Anfang des Romans: Erdmann ist kein Losertyp von Grund auf, immerhin hat er eine Beziehung und einen Job, wobei er in Letzterem erfolgreich ist und auch vor potentiellen Arbeitgebern nicht buckelt. Das erleichtert dem Leser die Identifikation und macht Erdmanns Argumente plausibler.

Wo aber den meisten bei Michel Houellebecq die Lachfalten so was von glatt gezogen werden und das Lesen angesichts wissenschaftlicher Exkurse und ähnlicher Schwierigkeiten gerne mal holprig gerät, hat Strunk seine Kost etwas bekömmlicher gestaltet. Erdmann offenbart zwar gerne Wissen, das ist aber meist nur auf seinen umfangreichen Fernsehkonsum zurückzuführen; sein Interesse reicht vom RTL-Shop bis zu Peter Sloterdijk. Und natürlich lebt dieses Buch von einer subtilen Komik, die Strunk gekonnt einsetzt. Das sind nicht einfach nur Gags, über die man einmal lacht und gut ist. Wenn ihr einem Menschen auf der Straße begegnet, der urplötzlich und völlig grundlos zu grinsen anfängt – dann hat derjenige sich vielleicht erst wenige Tage zuvor mit der „Zunge Europas“ beschäftigt.

Folgen wir Erdmanns Erzählung weiter, bis zu einem geschäftlichen Kurztrip nach Berlin. Auf der Rückreise genehmigt er sich ein Bier, wird im sanften „Glimmer“ des einsetzenden Rausches aber von einem weiblichen Wesen in seiner Nähe gestört:

„Jede schöne Frau konfrontiert mich sofort mit meinen sämtlichen Unzulänglichkeiten. Sie hatte bestimmt auch eine Topfigur, ist ja immer so. Ich hatte das Gefühl, sie anzustarren wie ein idiotisches Tier. Mein Gott. Wer oder was war ich eigentlich. Seltsames, grau-braunes, behindertes Leben, gezeichnet von den Strapazen vieler grimmiger Tage. Plötzlich schaute sie auf und blickte mir direkt ins Gesicht. Erwischt! Als ob ich es geahnt hätte. Noch bevor ich meinen Blick abwenden konnte lächelte sie. Es war ein offenes, herzliches Lächeln, ohne eine Spur von Geringschätzung, Tadel oder Spott. [...] Da ich keine Routine in freundlichen Gesichtern habe, verdrehten, verrenkten und verstauchten sich alle 42 für die Mimik verantwortlichen Muskeln. Mein Mund blieb in halber Bewegung stecken und erstarrte zur Maske. Die Gelegenheit, endlich Pinkeln zu gehen. Danach würde ich mir ein freies Abteil suchen und mich bis Hamburg verschanzen.“

Genau das trifft aber nicht ein. Stattdessen kommt er mit der Frau, die sich später als ehemalige Nachhilfeschülerin aus der Nachbarschaft herausstellt, ins Gespräch. Ihr Auftauchen bewirkt in seinem Leben eine entscheidende Veränderung, die schon in der folgenden Jogging-Szene deutlich wird:

„Als ich mir den Schweiß von der Stirn wischte, fühlte es sich an, als hätte ich in einen Margarinebatzen gegriffen. Ein Schmierfilm aus gebundenem, abgestandenem Wasser, mehrfacht-hundertfach gesättigter Butter, Melkfett und schlechten Säften. Darunter ein paar Schichten Melancholie und Depots. Schlacken. Gifte. Eingelagerte, noch aus der Kinderzeit stammende Medikamentenrückstände. [...] Das musste alles raus. Laufen, laufen, laufen, bis man tot zusammenbricht oder die Maschine anspringt und den Sondermüll in seine Einzelteile zerlegt. [...] Die Hitze ist unerträglich, ich schreie vor Schmerzen und sinke zu Boden. Rossbraune Pisse rinnt aus mir heraus. Ich krümme mich unter Choliken. Es zerreißt mir fast den After, dann löst er sich, kommt er endlich zum Vorschein: Der entsetzliche, steinharte Kotballen. Der Schmutzkern, der mich seit Jahrzehnten vergiftet hat. Mir wird auf einmal entsetzlich kalt. Jemand kommt, spritzt mich mit einem Schlauch ab und wirft Decken über mich. Ich bleibe noch ein paar Minuten schlotternd liegen, dann erhebe ich mich aus dem Schmutz. Ein endlich befreiter Menschenrest. Naja. So oder so ähnlich.“

Das mag man eklig oder lustig finden, bildlich oder wörtlich verstehen - erzähltechnisch ist der erlösende Stuhlgang ein notwendiger Wendepunkt im Leben Erdmanns. Ab jetzt ist nicht alles besser, aber er traut sich mehr zu, sieht die Dinge klarer, hat einen ersten Schritt aus der Depression gemacht. Und er ist kreativer: Die Frau aus dem Zug lädt ihn zum Weggehen ein was ihm eine unvergessliche Nacht in diversen Hamburger Kneipen beschert. Dabei begegnen ihm die wahren Loser, deren Abendgestaltung er mit klarem Blick nacherzählt, freilich ohne dabei gewesen zu sein. Aber jetzt ist es seine Geschichte, er gewinnt Einfluss auf die Dinge und er kann sie also auch so erzählen, wie er mag. So kommt es zwar auf dem Papier nicht zu einem Happy End, aber in Wirklichkeit ist es das beste Ende, das in dieser Geschichte möglich ist. Das ist bei allem Ekel, dem man beim Lesen, bzw. Hören empfinden mag, etwas sehr Schönes. Bravo!

Hörprobe (MP3) (http://www.roofmusic.de/de/index.php?area=tacheles&content=productd etail&id=707)

Erschienen ist Hörbuch am 1.10. bei tacheles! und dauert 6 Stunden und 52 Minuten. Mehr Infos bei roofmusic.de (http://www.roofmusic.de/de/?area=tacheles&content=productdetail&id=707)

K. Haller