ine Biografie über Tom Waits zu schreiben muss schwierig, aber auch spaßig sein. Ist der knorrige Querkopf in seiner Karriere doch durch viele flotte Sprüche aufgefallen, deren Wahrheitsgehalt man aber gerne anzweifeln darf. Der Musikjournalist Patrick Humphries hat sich an der Aufgabe versucht.
Vom pennerartigen Säufer zum Familienvater - Schwierigkeiten mit Waits' Vita
„Die vielen Leben des Tom Waits“ meint wohl die Fähigkeit des Songwriters, in seinen Liedern verschiedene Identitäten anzunehmen. Nicht nur bei Interviews, auch bei Konzerten und in seinem Gesangsstil (Stichwort: Jive-Talk) plappert der im kalifornischen Pomona geborene Waits gerne drauf los und kreiert seine Kunstfiguren damit auf eine ziemlich konsequente Art. Wie aus Humphries' Biografie hervorgeht ist der frühe Waits, wohl in Verehrung seiner großen Jazz-Vorbilder das pennerartige Säufertum pflegend, eine Maske, die dem echten Waits ein bisschen zu dicht auf den Pelz gerückt ist. Was man als Fürsprecher einer subversiveren Form der Popkultur sehr gut finden wird, macht es dem Biografen aber nicht unbedingt leichter. Wenn es z.B. darum geht, wie Waits zu seinem ersten Label Asylum gekommen ist, holt Humphries kurzerhand drei alternative Versionen aus der Kiste. Oder ein anderes Beispiel: Aber warum war Tom überhaupt an die Ostküste gewechselt? „Nun ... ich bin hierher gekommen wegen der Schuhe ... In der ganzen Geschichte Amerikas ist gerade jetzt die beste Zeit für Schuhe.“ Man darf halt nicht vergessen, dass der Mann auch als Schauspieler Karriere gemacht hat. Kurz: Waits ist ein cooler Hund, der sich den Mechanismen der Musikindustrie immer wieder erfolgreich verweigert hat und ich finde es sinnvoll, dass jemand eine Biografie über ihn schreibt.
Eine schwere Aufgabe für den Autor: Sich Glaubwürdigkeit erarbeiten
Im vorliegenden Fall haben wir es mit einem Biografen zu tun, der kaum mal „dabei“ war, sondern vor allem Aussagen, Anekdoten, etc. von Beteiligten zitiert. Der Autor läuft in solchen Fällen immer schnell Gefahr, mehr ein Dossier als ein wirklich auch in großen Teilen am Stück lesenswertes Buch zu schaffen. Zum Anderen muss man ja auch erstmal überzeugt werden, dem Biografen den Kram zu glauben. Das kann er durch einen sympathischen, offenherzigen Stil erreichen, mit dem man aber sicher nie alle Leser gewinnen können wird. Die andere Möglichkeit ist es, Quellenbelege anzugeben – diesen Weg ist Humphries gegangen. Unter diesen Gesichtspunkten scheint „Die vielen Leben des Tom Waits“ zu weiten Teilen aus einer schlampigen Unbedachtheit heraus entstanden zu sein. Das fängt beim Klappentext an, der weniger Neugier auf das Buch hinterlässt als vielmehr die Frage, wie man derartig viele Fehler in so einen kurzen und wichtigen Text einbauen kann. Des Weiteren merkt man beim ersten Lesen schnell, dass die 40 Kapitel nicht betitelt sind. Zurechtfinden kann man sich zwar trotzdem mit dem „Index“ im hinteren Teil des Buches, aber eine grobe Orientierung mit Kapitelüberschriften wäre doch ganz nett gewesen. Immerhin reden wir hier von 372 Seiten und bald 59 Jahren Waits-Geschichte.
Formale Fehler
Dazu gesellt sich eine pseudo-wissenschaftliche Aufmachung – Humphries hat am Ende der Kapitel Fußnoten gesammelt, um Zitate zu belegen und bestimmte Ausdrücke zu erklären. An sich eine gute Sache. Nur halt total halbherzig umgesetzt: Bei vielen Zitaten werden dann nämlich doch nicht die Quellen genannt und wer oder was diese immer wieder genannten „Hobos“ sind, weiß ich auch nach der aufmerksamen Lektüre von Fließtext und Fußnoten nicht. Wegen Letzterem hätte ein Glossar am Ende schon weitergeholfen. Die unvollständigen Belege aber möchte ich fast gefährlich nennen, da damit ein wissenschaftliches Verhältnis des Autors zu seinem Werk vorgetäuscht wird, das aber häufig durch seinen journalistischen Hintergrund durchbrochen wird. So muss man sich manchmal schon anstrengen, um Humphries' persönliche Meinung von nachweisbaren Tatsachen unterscheiden zu können. Da sage ich: Entweder richtig, oder gar nicht. Mit einer offenen, einleitenden Erklärung hätte Humphries es sich bedeutend leichter gemacht. Über die beigefügte Disko- und Filmographie lohnt es sich nicht viele Wörter zu verlieren – sie scheinen vollständig zu sein, entsprechen aber auch nicht wissenschaftlichen Standards. Wäre halt z.B. hilfreich, wenn die Namen der Regisseure bei den Filmen ständen.
Ohne popkulturelles Vorwissen geht gar nix
Fängt man dann erstmal an zu lesen, merkt man schnell: Der Biograf ist ein Journalist der alten Schule, was seine Arbeitsstationen (u.a. New Musical Express, The Times, Mojo und Guardian) belegen; weiterhin verrät der Einband, dass Humphries „seit 1976 über Pop Musik (sic!)“ schreibt. Im Stil zeugen davon fantasievolle Vergleiche, die sich gleichzeitig auf ein sehr umfangreiches popkulturelles Wissen beziehen. Hier mal wahllos ein Absatz über einen Song von „Small Change“ abgetippt: In 'The One That Got Away' ist Waits ein quengeliger, städtischer Leichenbeschauer – ein Stück von der falschen Seite der Straße, wo der Leichentuchschneider Maß nimmt 'for a deep six holiday; the stiff is froze, the case is closed' ... der Text endet mit einem netten Euphemismus für Sarg: hölzerner Kimono. Eine verbitterte Postkarte nach Los Angeles. Wie eine elende Probeaufnahme für all die gefallenen Schauspieler, die ihr Gleichgewicht, ihre Autoschlüssel und ihre Würde verloren haben; für all die Pianisten, die die Rolle des Dooley Wilson in 'Casablanca' hätten kriegen können – aber eben nur hätten ... – im Original ist natürlich nicht alles kursiv gedruckt, sondern nur die Song- und Filmtitel sowie das Textzitat; ansonsten steht es wirklich genauso da. Die verstümmelten Satzkonstruktionen, die – schonend eingesetzt – im Journalismus auch Garant für einen freshen Stil sein können, erschweren die Lektüre hier sehr; genauso die von Einfallslosigkeit zeugenden drei Punkte .... Außerdem macht gerade die Einbeziehung von Filmen, anderen Musikern, bestimmten Labels, Literatur, Marken, etc. das Buch zwar zu einem interessanten Blick in die Vergangenheit – dem ist man aber als „Outsider“ auf Dauer nicht gewachsen. Es ist schon nach ein paar Seiten einfach unheimlich dröge zu lesen.
Merke: Vorsicht mit persönlichen Vorlieben in Sachtexten!
Unverständlich ist mir auch, warum Humphries einzelne Themen zu bevorzugen scheint. Sehr viel Platz widmet er Francis Ford Copolla, schildert dessen Arbeitsweise, erzählt Anekdoten, usw. Gut, der Schöpfer von den „Der Pate“-Filmen hatte offensichtlich ein besonderes Verhältnis zu Waits, half ihm durch die Einstellung als Soundtrack-Schreiber für „Einer mit Herz“ aus einer schöpferischen Krise und ist auch einfach eine interessante Figur. Es ist dann aber nicht die Aufgabe eines Waits-Biografen, die „außerordentliche Bedeutung“ dieses Regisseurs unter anderem anhand von Zitaten aus „Der Pate“ zu unterstreichen.
Spätestens, wenn man sich Waits' literarische Vorbilder anschaut, zu denen Wikipedia neben Jack Kerouac, Charles Bukowski und Allen Ginsberg vor allem Delmore Schwartz zählt, wird Humphries endgültig als gnadenlos subjektiv filternder Biograf entlarvt. Der Test mit dem „Index“ zeigt: Kerouac taucht auf 31 Seiten auf, Bukowskis und Ginsbergs Namen bekommt man dagegen nur auf drei Seiten zu Gesicht und Schwartz, im Wikipedia-Artikel als Waits' Idol genannt, wird im kompletten Buch nicht ein einziges Mal erwähnt. Klar kann man da als Autor Gewichtungen vornehmen, aber das ist halt einer von vielen Aspekten, die mich hinsichtlich von „Die vielen Leben des Tom Waits“ sehr stutzig machen.
Fazit: Keine Empfehlung möglich
Es passt dann letztendlich zum schlechten Eindruck von diesem Buch, dass der Lesefluss ständig durch Rechtschreib- und Übersetzungsfehler gestört wird. Das kann man Humphries natürlich nicht anlasten – wohl aber, dass er mir mit seinem langweiligen, inkonsequenten und verzerrenden Stil verbietet, dass ich dieses Buch jemandem empfehlen könnte, der nicht eh total auf Tom Waits steht und ergo alles über den Mann wissen will. Mit einer robusten Lesefähigkeit erfährt man ja auch einiges in Humphries' Biografie, nur mag man dem Autor dabei kaum trauen.
Fans haben auch die Möglichkeit, auf andere Biografien („Tom Waits“ von Ceith Carroll und „Tom Waits. Die Ballade vom anderen Amerika“ im Du-Verlag erschienen) zurückzugreifen. Die habe ich zwar nicht gelesen, würde aber auf jeden Fall raten, da mal einen Blick zu riskieren, bevor man sich an „Die vielen Leben des Tom Waits“ macht.
Anmerkung: Bei Amazon müsst ihr nach dem Titel „Tom Waits - The Many Lives Of“ suchen.
Patrick Humphries – „Die vielen Leben des Tom Waits“ ist erschienen im August 2008 im Bosworth Musikverlag (http://www.bosworth.de), 400 S., 24,95€, ISBN-13: 978-3865432339







