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Erlend Loe - "Ich bring mich um die Ecke"
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Erlend Loe - "Ich bring mich um die Ecke"

anz schön um die Ecke gedacht, dieser Titel. Schon der Klappentext verrät, dass es in Erlend Loes neuem Roman um Selbstmord geht. Kann man sich aber selbst um die Ecke bringen? Assoziiert man mit so einer Formel nicht vielmehr, dass jemand, der nicht zu sterben wünscht, heimtückisch ermordet wird?

Und schon sind wir auch bei der grundsätzlichen Dichotomie des Romans: Leben und Tod. Erlend Loe präsentiert den obskuren Seiltanz von Julie, die zu sterben wünscht, aber zum Leben verdammt ist. Unlängst hat sie Vater, Mutter und Bruder durch einen Flugzeugabsturz verloren. Nun ist sie allein in der Osloer Villa zurückgeblieben und schöpft ihre Kraft weiterzuleben daraus, sich die krudesten Suizid-Szenarien auszudenken. Einige davon setzt sie auch um, doch ihr Vorhaben scheitert wieder und wieder.

Völlig lost in der norwegischen Metropole ist Julie allerdings auch nicht. Da ist zum Beispiel Psycho-Geir, ihr Therapeut, den sie immer wieder austrickst und dem wir - erzähltechnisch betrachtet - diesen Roman zu verdanken haben, da Geir Julie zum Tagebuchschreiben animiert. Natürlich lehnt sie diesen Vorschlag, wie alles was aus Geirs Mund zu ihr dringt, völlig ab. Dann lässt sie sich aber doch hinreißen und gewährt dem Leser Einblicke in die Psyche einer verwaisten Abiturientin.
Und da ist auch Constance, Julies Schulfreundin, die mit Pferde- und Hundetherapie ihre Freundin auf den Weg der Besserung geleiten will.
Schließlich gibt es noch den polnischen Fliesenleger, Krzysztof. Hingabevoll werkelt er in der Villa herum, ebenso hingabevoll erkundigt er sich per SMS nach Julies Befinden, während diese versucht, es der Familie gleichzutun. Nämlich zu sterben. Und zwar im Flugzeug. Leider erfolglos, denn Flugzeugabstürze kommen statistisch gesehen eben nur einmal in der Familie vor. Mit Papas Kreditkarte geht es also von Belgien nach Island, von Korea nach Rumänien, von dort nach Grand Canaria - doch weder eine Affäre mit einem Eisschnellläufer noch die Vogelgrippe können ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen.
Und schleichend langsam stürzt sich Julie so sehr ins Leben, dass der Leser ihre Bestrebungen zu Sterben nur noch kopfschüttelnd mitverfolgen kann. Ihre Selbsttherapie, denn Sinn des Lebens in der Erwartung des Todes zu sehen, schlägt an. Sie klammert sich an den seidenen Faden des Lebens, sie möchte leben. Über-leben.

Erlend Loe, noch keine 40 Jahre alt und als Juwel der norwegischen Gegenwartsautoren geahndet, hat erneut ein skurriles Stück Literatur geschaffen. Dank der leisen ironischen Distanz läuft der Autor nicht Gefahr, dass sein Buch rein identifikatorisch gelesen wird. Und doch entsteht da großer Respekt vor Loes Figuren: Vor Julie, die so tapfer ist, dass selbst Triebtäter ihr nichts antun können. Oder vor Krzysztof, der so treu ist, dass sein unmöglichster Wunsch Wirklichkeit wird. Schön ist auch das Spiel mit den Klischees anhand der Figuren Julie und Krzysztof. Sie, reich und snobistisch, hat alles außer Geborgenheit. Er, polnischer Gastarbeiter, wie sie zuhauf im heutigen Norwegen ackern, hat fast nichts und bietet vor allem: Geborgenheit. Und so wird aus einer schrägen Geschichte über Sinn und Unsinn, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens ein feines Sinnbild existentialistischer Grundfragen.

Erlend Loe – „Ich bring mich um die Ecke“ ist erschienen im September 2008 bei Kiepenheuer & Witsch (http://www.kiwi-verlag.de); Titel der Originalausgabe: „Muleum",
aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel; 192 S., Taschenbuch, 7,95€, ISBN: 978-3-462-04017-3

L. Krutzinna