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Jan Seghers (Hg.) – „Der Tod hat 24 Türchen. Ein mörderischer Adventskalender“
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Jan Seghers (Hg.) – „Der Tod hat 24 Türchen. Ein mörderischer Adventskalender“

chokolade oder Bildchen, selbst genäht oder aus Jute – zuhauf hängen sie gerade in Küchen, Kinderzimmern und Studentenbuden. Adventskalender dienen wohl weniger der vorweihnachtlichen Besinnung, vielmehr repräsentieren sie den Zwiespalt von Materialismus und Symbolik.

Jostein Gaarder hat wohl den schönsten Adventskalender gemacht. Nichts zum Essen, nichts zum Spielen, kaum zum Anfassen, aber trotzdem hinterlässt Gaarders „Weihnachtsgeheimnis“ einen bleibenden Eindruck. Ein Rätsel, das nicht nur von Kindern voller Spannung in 24 Kapiteln entschlüsselt werden kann.

Spannung – das Zauberwort, das die Menschen zusammenkommen lässt, um gemeinsam Kultur zu feiern. Zum Beispiel Tatort-Public-Viewing, ein beliebtes Kneipen-Special, das aus den großen Städten nun auch seinen Weg in die Provinz gefunden hat. Krimi macht Spaß und ist unanstrengend. Sowas ähnliches muss sich Jan Seghers auch gedacht haben, als er sich – mitten im Hochsommer – überlegt hat, eine Krimi-Anthologie herauszugeben. Wahrscheinlich gab es im August schon Spekulatius zu kaufen und Herr Seghers wollte es deshalb den hysterischen Weihnachtsfreaks mal richtig zeigen.

Heute ist der 2. Dezember. „Holger tötete seit Jahren nur noch an Weihnachten.“ Das hat Potential zum zweitschönsten Romananfang deutscher Literatur gekürt zu werden, gleich nach Grass’ Anfang von „Der Butt“: „Ilsebill salzte nach“. Der Bezug zum Fest anlässlich Christi Geburt wird in „Der Tod hat 24 Türchen“ offensichtlich mal mehr, selten weniger mit der Holzhammermethode umgesetzt. Unterm Strich klingt das bemüht, der Leser hat den Eindruck, dass hier andere Geschichten durch ein paar Weihnachts-Features schnell umgemodelt wurden. Nikolaussocke, Weihnachtsmarkt, Geschenke und Christbaumverkäufer werden da gern mit dem Bösen belastet.

Spätestens ab dem zweiten Advent zeigt sich auch, dass das ohnehin schematische Genre ‚Krimi’ desto schematischer wird je kleiner der Raum ist, auf dem die Story entfaltet wird. Will heißen: Wenn da im Schnitt 10-15 Seiten sind, um eine Geschichte zu erzählen ist eine tiefergehende Entwicklung der Charaktere nicht möglich. Wer also an trashigen Bluttaten interessiert ist, die erzähltechnisch und tiefenpsychologisch unmotiviert sind, der wird hier bestens unterhalten. Wer das Genre aber aufgrund seiner sozialkritischen Substanz schätzt, wird gelangweilt vor dem Kamin wegdösen. Am Witzigsten ist noch Tag 0, das Vorwort, in dem selbstreferentiell in einem fiktiven Lektoren-Herausgeber-Dialog auf die Machart der Krimi-Gattung Bezug genommen wird.

Dass nicht wie in Jostein Gaarders „Weihnachtsgheimnis“ ein Spannungsbogen vom 1. bis zum 24. gespannt wird, ist den 24 unterschiedlichen Autoren geschuldet. Vielleicht wäre es witzig gewesen, wenn die Verfasser jeweils die gleiche Geschichte weiter geschrieben hätten, nach dem „Opa-sitzt-lachend-in-der-Badewanne-Prinzip“?

Nach der letzten Seite verfestigt sich leider der Eindruck, dass hier klar der Materialismus siegt, auch wenn es keine Schokolade zu essen gibt: Krimi ist in und Krimi verkauft sich gut. Echte Weihnachts-Hater haben vielleicht auch so ein bisschen Spaß. Alle anderen Leser mögen ein überraschungsreicheres Fest erleben, als der mörderische Adventskalender ankündigt.

Jan Seghers (Hg.) – „Der Tod hat 24 Türchen. Ein mörderischer Adventskalender“ ist erschienen im November 2008 bei Rowohlt (http://www.rowohlt.de/), 304 S., Taschenbuch, 8,95 €, ISBN: 978-3-499-24864-1

L. Krutzinna