http://magagin.de/culture/274
Kommissarin Lund: Das Verbrechen (2 DVD-Boxen)
D
Kommissarin Lund: Das Verbrechen (2 DVD-Boxen)

ie Kopenhagener Polizei ermittelt: Wer hat Nanna Birk Larsen ermordet? In 10 Episoden in Über-(Tatort)-Länge steht das Who-done-it? im Mittelpunkt. 20 Tage und kaum weniger Hinweise auf Verdächtige – ein kniffliger Fall für Kommissarin Lund, den sie im Wettlauf mit der Zeit lösen muss.

Denn eigentlich ist Sarah Lund (Sofie Gråbøl) unlängst nach Schweden versetzt worden. Häusliches Glück mit Sohn Mark aus erster Ehe und ihrem schwedischen Lebensgefährten Bengt? Ein Job in der provinziellen Stockholmer Vorstadt? So verkorkst das Verhältnis der hassliebenden Geschwister Dänemark und Schweden ist, so verkorkst ist auch Lunds Privatleben. Der interkulturelle Konflikt der beiden skandinavischen Nachbarländer, über den sich Lunds Nachfolger Meyer (Søren Malling) nur zu gern mokiert, steht wohl symbolisch für Lunds Privatleben. Denn wie es sich für eine richtige Kommissarin gehört lebt sie allein erziehend, merkt nicht, wenn ihr Sohn die Schule schwänzt und kämpft ehrgeiziger gegen das Verbrechen als für ihre Beziehung.

Soweit ein (fast) traditionelles Arrangement. Lund, die einsame Großstadt-Wölfin, spröde und unnachgiebig, im Clinch mit den Kollegen – vor allem dem männlichen Antipoden Meyer. Aber eben nur fast, denn die dänische TV-Serie, die in Zusammenarbeit mit dem ZDF für sensationelle Einschaltquoten sorgte, verzichtet weitgehend auf Klischees. Vordergründig dürfte sich das auf die Tatsache gründen, dass die Story genug Raum für die nötige Darstellung aller Positionen im „Fall Nanna Birk Larsen“ bietet. Drehbuch und Regie umschiffen gekonnt Schwarz-Weiß-Malerei und Generalisierung: Das Ermittlerteam, die betroffene Familie und der Kreis der Verdächtigen kommen gleichermaßen zu Wort; die Figuren entwickeln sich zu komplexen Charakteren, ihre Eigenschaften, ihr persönlicher Background entfalten sich mehr und mehr, sodass zunächst lose Fäden im Verlauf von Lunds scharfsinnigen Ermittlungen immer fester gesponnen werden.

Vor allem die Familie der ermordeten 19-jährigen Schülerin kommt zu Wort. Empathisch und sensibel fängt die Kamera ihre Sprachlosigkeit ein, die Unfähigkeit der Eltern ihre Trauer zu bewältigen, ihre Wut, die Hilflosigkeit. Nach und nach schwindet ihr Vertrauen zur Polizei: Die Mutter, Pernille (Ann Eleonore Jørgensen), versucht über die Presse Hinweise auf den Täter zu finden, der Vater, Theis (Bjarne Henriksen), schreitet zur Selbstjustiz.

So wird deutlich, dass in der dänischen Serie nicht die Ermittler die Helden sind. Zu häufig unterlaufen Lund und Meyer Fehler, zu schlecht ist ihre Zusammenarbeit, zu lange suchen sie den Schuldigen in den falschen Milieus. Als solche steht zum Einen Nannas schulisches Umfeld im Fokus der Ermittlungen, zum Anderen das Kopenhagener Rathaus. Komplizierte Verstrickungen tun sich auf, in die die Tote involviert zu sein scheint. Die Spur führt über den Exfreund zum Klassenlehrer, über Nachtclubs zu Chatprogrammen bis hin zur obersten Etage des Rathauses. Vor allem Troels Hartman (Lars Mikkelsen), Schulsenator und Kandidat der Liberalen für die bevorstehende Bürgermeisterwahl befindet sich im Fadenkreuz von Lunds und Meyers Fahndungen. Er hat kein Alibi, aber ist er der Täter? Mikkelsen, Bruder des bekannten dänischen Schauspielers Mads Mikkelsen, überzeugt in seiner Rolle als Idealist, der sich nach dem frühen Tod seiner Frau ins Berufsleben stürzt. Doch von Folge zu Folge bröckelt die Fassade. Das Bild des aufrechten Politikers verblasst, davor schiebt sich das des Trunkenbolds und Womanizers.

Einzig der Schluss hält nicht, was neun Folgen zuvor versprechen. Es war nicht der Gärtner, aber die Auflösung bewegt sich auf ähnlichem Niveau. Dennoch ist „Kommissarin Lund“ auf dem Feld des kriminalistischen Films vielen Produktionen um Einiges überlegen. Die Idee 1000 Minuten in einen Fall zu investieren ist mutig und geschickt umgesetzt. Der Spannungsbogen ist straff gespannt und die Story bewegt sich auf hohem Niveau. Die Produktion bietet eine angemessene Anzahl falscher Fährten und wird den Justus Jonassen unter uns ein aufregendes Weihnachtsfest bescheren, das mit „Komissarin Lund“ zu fast 17 Stunden sinnvoll, unterhaltsam und spannungsreich ausgefüllt werden kann.

Folgen 1-5 erschienen am 17.10., 6-10 am 28.11. bei edel motion (http://www.edel.de)
weitere Informationen zur Sendung (http://www.lund.zdf.de/)

L. Krutzinna