r. Seltsam im Zeitalter des Terrors“ – Dr. Seltsam hat sich den Kampf gegen den „Terrorismus“ als großes weltpolitisches Ziel auf die Fahne geschrieben. Er ist somit kein Doktor im klassischen Sinne. Vielmehr ein Doktor, auf dessen Prioritätenliste das Überleben des Homo sapiens ziemlich weit unten steht. – Dr. Seltsam sind die USA und ihre führenden Eliten.
Diese Diagnose über den charakterlichen Zustand der USA wagt einer der bedeutendsten linken Intellektuellen Amerikas, Noam Chomsky, in seinem neuesten Buch „Interventionen“. „Dr. Seltsam im Zeitalter des Terrors“ ist der Titel von einem der 49 Essays des Buchs, die weltweite politische Ereignisse unter der Federführung der USA von 2001 bis 2007 bissig kommentieren. Vom Irakkrieg über Konflikte in Südamerika, von Somalia bis zum „Schurkenstaat“ Iran und den Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina wirbelt Chomsky dabei eine Menge dreckigen Staubes auf – er holt Vergehen der amerikanischen Außenpolitik hervor, die sonst im journalistischen Mainstream der USA keine Erwähnung finden würden.
Chomsky schafft es, die doppelte Zunge der Außenpolitik von Bush und Co. darzustellen, wenn er neben weitreichenden Zitaten von einflussreichen Personen aus Politik und Gesellschaft einfache Fakten bringt: Der Nichtverbreitungsvertrag von Atomwaffen des Abrüstungskomitees der Vereinten Nationen wurde beispielsweise mit 147 Stimmen gegen eine Stimme unterzeichnet. Aber die eine Stimme, die der USA, die diesen Abrüstungsverträge nicht unterzeichnete, ist weltweit am stärksten zu vernehmen wenn es darum geht, atomare Produktionen zu verurteilen.
Außenpolitisch ist ein gesundes Maß der Verhältnismäßigkeit nicht immer die Sache der Amerikaner gewesen. Als gutes Anschauungsmaterial dafür nennt Chomsky das weltweit bekannte amerikanische Projekt der „Demokratieförderung“. Seiner Meinung nach stellt sich die Frage: „ob es nicht das Beste wäre, mit einer Demokratieförderung, die den Namen verdiente, gleich in den USA anzufangen.“ Nach Chomsky ist das politische System der USA gerade in den Wahlen nur noch auf die Persönlichkeiten der Kandidaten ausgerichtet und viel zu wenig auf politische Inhalte. Außerdem untergraben die machtstrategischen Interessen der amerikanischen Konzerne die außenpolitischen Interessen der Wähler. So sind nach einer Umfrage anscheinend 75 % der amerikanischen Bürger an einer diplomatischen Lösung mit dem Iran interessiert. Wenn man sich das reale Vorgehen der amerikanischen Politiker und deren Umgang mit „Dämon“ Mahmud Ahmadinedschad betrachtet, bemerkt man wie Chomsky, dass die Politiker nicht so viel von den Interessen ihrer Wähler zu halten scheinen.
„Die Welt gehört uns, also was schert es uns, was die anderen denken?“ Diese anderen sind – mit dem Wort des britischen Diplomatiehistorikers Mark Curtis, der die Verbrechen des britischen Imperiums beleuchtet hat – unpeople, Leute, die für die Weltmacht Nummer eins schlicht Luft sind. Zu ihnen werden neben den Irakern routinemäßig auch die US-Amerikaner gezählt, denn was sie wollen, ist für die Washingtoner Politikgestaltung ebenfalls völlig unerheblich.“
Da die Amerikaner mit „Propaganda und Lügen zugeschüttet“ werden, sieht Chomsky seine Aufgabe darin, dem Durchschnitts-Amerikaner durch seine Kommentare und auch Vorträge die Augen zu öffnen. Er ruft die Bürger der USA in fast allen Essays dazu auf, die Politikgestaltung selbst in die Hand zu nehmen und appelliert an die individuelle Verantwortung: „Folglich liegt es an uns, dafür zu sorgen das endlich Schluss ist.“
Noam Chomsky pinkelt gerne an amerikanische Beine, so gern, dass ihm zum Teil das Recht abgesprochen wird „überhaupt Teil der politischen Kultur“ der USA zu sein, wie der der britische Journalist Tariq Ali im Vorwort bemerkt. Dennoch veröffentlichte er die Essays von „Interventionen“ auch in der New York Times Syndicate, der etwas kleineren und leiseren Schwester der New York Times. Chomsky schafft es, umfassende politische Sachverhalte kurz und präzise darzustellen. So werden beispielsweise auch der ehemalige amerikanische Präsident Jimmy Carter, der Chef der Atomenergiebehörde El Baradei und sogar Einstein zitiert. Er deckt zwar keine CIA-Geheimakten auf, verweist dafür aber auf einige eher unbekannte politische Ereignisse und Entscheidungen, wie zum Beispiel das Vorgehen der USA in Somalia oder die Besetzung des Botschafterpostens im Irak.
„Interventionen“ ist ein interessantes und lesenswertes Zeitdokument über die seltsame Politik der USA und sicher nicht nur für politische Bücherregale ein guter Platzhalter.
„Interventionen“ von Noam Chomsky ist erschienen im August 2008 in der Edition Nautilus (http://www.edition-nautilus.de/). Aus dem Englischen übersetzt von Maren Hackmann. Broschur, 224 Seiten, 18,00 €, ISBN: 978-3-89401-582-4







