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Klaus Theweleit und Rainer Höltschl – „Jimi Hendrix. Eine Biographie“
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Klaus Theweleit und Rainer Höltschl – „Jimi Hendrix. Eine Biographie“

as soll man eigentlich mit noch einer Hendrix-Biografie? Standardwerke zu diesem heute eher als Kultfigur denn als Musiker verehrtem Genie sind bereits verfasst. Für Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker wie es Theweleit und Höltschl sind ist das erst der Nährboden weiterer Analysen.

So nähern sie sich dem Leben des Afroamerikaners mit indianischem Einschlag auf eine wohltuend wissenschaftliche Art. Das heißt sie wärmen keine Gerüchte auf und hauen auch keine Sex-Anekdote nach der anderen raus, wofür sicher genügend Stoff vorhanden gewesen wäre. So wird die Frage, ob Hendrix eine Affäre mit Brigitte Bardot hatte, komplett ausgeklammert. Gut so, denn Theweleit und Höltschl glauben, dass Hendrix Fähigkeiten als Lyriker unterschätzt werden. Da ist es nicht nur konsequent, sondern auch für die Glaubwürdigkeit wichtig, dass man sich an die Fakten hält.

Auf 224 Seiten zeichnen sie ein Hendrix-Portrait, das nicht erst am 27. November 1942 im King County Hospital von Seattle beginnt. Dass Jimis Mutter Lucille erst ein Jahr zuvor, 16jährig, Al Hendrix kennen lernte, gehört z.B. dazu. „Bürgerliche Berufe sind Afroamerikanern vor dem Aufkommen der Bürgerrechtsbewegung noch weitgehend verschlossen“ – auch das ist ein Teil der Geschichte. Gerade Theweleit hat das Zeichnen solcher Bilder einfach drauf: In seiner wissenschaftlichen Laufbahn setzte er sich besonders mit Sozialisationsfragen auseinander (Kernfragen: Wie wird ein Mensch zum Nazi? Wie zum tötungsbereiten Soldaten?), seine Artikel für die Spex zeugen zudem von popkulturellem Wissen und journalistischen Schreibfähigkeiten. Dementsprechend sind Zitate im Text sauber belegt, umgangreiche Diskografie, Bibliografie und Videografie wurden angehängt. Wo wir schon beim Formellen sind: Cover und Einband sind hübsch geworden und einige Farbfotos hat man auch noch hinzugefügt.

Die Autoren sprechen kulturtheoretische Gesichtspunkte an, nehmen Gender-Analysen vor, ordnen politische Aussagen in den Zeitkontext ein und können natürlich auch musiktheoretisch einiges auffahren. Trotzdem kann man das Buch auch lesen, wenn man kein Popkultur-Nerd ist; überhaupt verwenden sie eine allgemein zugängliche Sprache. Man muss sich aber schon ein bisschen mit dem Shit auseinander setzen, oder könnt ihr diesen Absatz aus dem Kapitel „Gender-Lyrics & musikalische Solidaritäten“ einfach so weglesen?

„Und nun in London nicht mehr herumgereichtes Straßenkind, sondern Guitar Hero, in großer Freiheit, Herr des eigenen Lebens. Absurde Verkehrung: The colored underdog-boy als Big-Artist & Hippie-Herr. Hendrix ist erst Mitte zwanzig bei seinem Durchbruch in London. Ein Teil dieses Herr-Seins schleppt er mit, schleppt er in die eigene Wohnung. Er schlägt, gelegentlich, zu. Nicht so krass, wie Vater Al auf Mutter Lucille einschlug, wo Jimi in der Abstellkammer such wünschte, er wäre weit weg, On Mars. Aber auch Jimi schlägt zu. Die getroffene Geliebte, Kathy Etchingham, der er versichert, sie sei die wirklich Einzige (Geliebte), sieht ihn im Gegenteil eingeflochten in eine Girlande anderer Frauen, er verhält sich, als wäre er schlicht unfähig, sie zurückzuweisen. Zudem sie sie die Leiber dieser Girlande eher freundlicher behandelt als sich selbst; weniger aggressiv.“

Am schwierigsten wird das Buch, wenn die Rede vom „dritten Körper“ ist. Hier ziehen die Autoren Parallelen zur Psychoanalyse, wo laut dem amerikanischen Analytiker Thomas Ogden „ein drittes Subjekt mit einem Eigenleben, vom analytischen Paar gemeinsam geschaffen“ entsteht. Im Interview mit der taz sagen die Autoren: „Wir behaupten, dass dieser Vorgang sich bei jeder intensiven Berührung von Körpern mit Kunstprodukten abspielt oder abspielen kann. Bekifftsein ist nicht die Voraussetzung; bei Hendrix-Musik aber eine bestimmte Lautstärke. Sonst kommt das nicht.“

Es lohnt sich aber bei den Hendrix'schen Gitarrenkünsten nicht nur, die Anlage aufzudrehen – auch ein Blick auf die dazu gesungenen Lyrics kann sehr fruchtbar sein. Theweleit und Höltschl gliedern Hendrix' Songs z.B. in den politischen Kontext ein (z.B. „House Burning Down“); ein Stück wie „Room Full of Mirrors“ wird mit einer postmodernen Ich-Konstruktion in Verbindung gebracht. Diese fruchtbaren Analysen gelingen sehr plausibel. Trotzdem bleibt nur zu hoffen, dass dieses Buch eher Anstoß für weitere Forschungen ist. Alles ist noch lange nicht gesagt, dank dieser Biografie wohl aber eine weitere sinnvolle Grundlage vorhanden, sich auch als „ernster“ Forscher mit Hendrix zu beschäftigen.

„Jimi Hendrix. Eine Biographie“ ist erschienen im November 2008 bei Rowohlt (http://www.rowohlt.de). Hardcover, 256 S., 17,90 €, ISBN: 978-3-87134-614-9

K. Haller