as Vorurteil, Zeichentrickfilme seien nur etwas für Kinder und Japaner, hält sich schon seit Jahren und ist nicht wirklich tot zu kriegen. Wer sich jedoch „Waltz with Bashir“ anguckt, wird sehen, dass Trickfilm durchaus anspruchsvoll, erwachsen und markerschütternd sein kann. Auf außergewöhnliche Art und Weise verarbeitet der Film nicht nur die Schrecken des Krieges im Libanon, sondern überschreitet ganz nonchalant mit einigen gezielten Pinselstrichen auch noch diverse Genregrenzen. Der „Golden Globe“ als bester ausländischer Film ist schon in der Tasche und nun wird der Oscar für diese Kategorie angepeilt – mit guten Chancen.
Die vielen Gesichter des Krieges
Es gibt immer eine Menge Wege, um ein Problem anzugehen oder ein Trauma zu verarbeiten. Gerade der Krieg als Trauma einer ganzen Nation wird ja häufig Objekt solcher Therapieversuche. Inzwischen gibt es hunderte von Filmen die den zweiten Weltkrieg oder den Vietnamkrieg auf die Leinwand werfen, aber der Konflikt im Libanon wurde (wenn man mal von einer Handvoll minder bekannter Versuche absieht) so gut wie noch nie angetastet. Die Variante, Krieg als Zeichentrick darzustellen, ist auch nicht ganz unbekannt (fabelhaft gemacht in „Das letzte Glühwürmchen“), aber eben auch nicht wirklich verbreitet. Doch nicht nur in diesen Bereichen betritt „Waltz with Bashir“ relativ frischen Boden, nein, auch die Art und Weise, wie er Elemente aus traditionellen Zeichnungen, Computeranimationen und Realfilmaufnahmen in einen ganz eigenen Mix taucht, ist etwas Neues. Um dieses Geflecht zusammenzubekommen arbeiteten die beteiligten Produktionsländer Israel, Deutschland und Frankreich dann auch ganze drei Jahre zusammen; das Endergebnis mag für viele etwas befremdend wirken.
Tanzschritte im Kugelhagel – die Story
Ein alter Kriegskamerad ruft eines nachts den Regisseur Ari Folman an und erzählt ihm von einem ständig wiederkehrenden Alptraum, in welchem er von 26 wilden Hunden verfolgt wird. Durch diesen Traum an den blutigen Konflikt im Libanon erinnert, bemerkt Ari, dass er selbst scheinbar nichts mehr über seine Rolle in diesem Krieg weiß. Damit er die Gedächtnislücke stopfen kann, macht er sich auf die Suche nach alten Bekannten und fremden Beobachtern der Ereignisse, die sich damals im Herbst ´82 nach der Ermordung von Bashir Gemayel zutrugen. Dabei stellt er sich seinen eigenen (Alp-)träumen und bemerkt, dass die Erinnerung an manche Dinge nicht immer der Realität entspricht.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, „Waltz with Bashir“ ist im Grunde genommen eine Dokumentation. In die eben umrissene Rahmenhandlung werden in verschiedenster Art und Weise authentische Interviews von Zeitzeugen eingearbeitet. Eine politische Vorbildung bezüglich des Konflikts zwischen Israel und Palästina ist zwar von Vorteil, aber nicht zwingend erforderlich, da der Film seine Zuschauer sehr gut an die Hand nimmt und an diese Thematik heranführt.
Regisseur Ari Folman spielt sich selbst, wie er Material für seinen eigenen Film sammelt. Er verknüpft surreale Elemente einer fiktiven Rahmenhandlung mit der harten Realität, an die sich seine Interviewpartner erinnern. Die Rahmung ist dabei selbst eine Instanz, in der Meta-Themen wie Erinnerung und Verdrängung problematisiert werden. Sie verknüpft die verschiedenen Kriegserinnerungen der Protagonisten in einer unaufdringlichen Art und Weise.
Es bleibt zwar alles sehr fragmentarisch und die einzelnen Interviews stehen oft nur im losen Zusammenhang. Das Erlebnis aber, mit der Hauptfigur diese Momente des Schreckens und der menschlichen Abgründe Revue passieren zu lassen, zieht einen nach und nach mehr in seinen Bann. Am Ende wird dasselbe Ereignis dann aus diversen Blickpunkten berichtet und die Wucht dieser letzten Minuten raubt einen fast den Atem.
Die Feder und das Schwert – Technische Aspekte
Das erste was dem deutschen Publikum von „Waltz with Bashir“ auffallen wird, ist, dass der Film hervorragend synchronisiert ist! Viele Stimmen, die man als Synchronsprecher aus großen Hollywood-Filmen kennt, geben sich die Klinke in die Hand und erledigen ihren Job fabelhaft. Das ist auch bitter nötig, denn die meisten Passagen des Filmes funktionieren erst richtig, weil sie so intensiv erzählt sind – dabei bleiben die Gesichter der animierten Figuren jedoch relativ regungslos.
Die Personen, die man im Film sieht, machen auf Anhieb einen etwas kuriosen Eindruck. Sie scheinen einerseits etwas zu glatt und synthetisch geraten zu sein – oft bewegen sich nur einzelne Bereiche (wie etwa die Augen). Da sie aber andererseits animierte Versionen ihrer realen Vorbilder sind, wirken Körpersprache und Bewegungsabläufe ultimativ lebensnah – ein ähnliches System (wenn auch technisch ausgereifter) wurde schon in „A Scanner Darkly“ erfolgreich angewandt und verfehlt auch diesmal nicht seine Wirkung. Der Film schafft seinen Spagat zwischen Ästhetik und Authentizität, wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat.
Abgerundet wird das ganze durch einen großartigen Soundtrack, der von Klassik bis Punk immer wieder die richtigen Klänge trifft um das Geschehen zu unterstreichen, sei es melodramatisch, humoristisch oder ironisch.
Auch ansonsten schöpfen die Künstler hinter den Kulissen aus dem Vollen und setzen ihre Akteure mal vor gemalte Hintergründe, mal vor computeranimierte und ab und zu auch vor real gefilmte Schauplätze – der Stil variiert dabei ständig. Die Animation von „Waltz with Bashir“ als revolutionär zu bezeichnen, wäre sicherlich unzutreffend, denn man hat schon Schöneres und Beeindruckenderes gesehen. Was den Film jedoch so besonders macht, ist die Art und Weise, wie er seine verschiedenen Elemente zu etwas völlig Neuem vereint und stets die richtige Stimmung trifft. Wenn an einem bestimmten Punkt der Zeichentrick verschwindet, um realen Aufnahmen Platz zu machen, trifft das genau den Nerv des Zuschauers. Immer wieder finden sich Bilder und Augenblicke, die man nicht so schnell vergessen wird.
Fazit
„Waltz with Bashir“ ist ein Film, der den Genrebegriff des Trickfilms sprengt. Diese Vorgehensweise, sowie der wilde Stilmix und die häufig auftretenden postmoderne-inszenierten Momente des Films werden sicherlich den einen oder anderen Zuschauer abschrecken. Wenn man sich in den Kinosessel sinken lässt, sollte man darauf gefasst sein, eine harsche, ehrliche Dokumentation über Menschen im Angesicht eines beinahe unfassbaren Kriegsverbrechens zu sehen und das auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Der Film ist weder kurzweilig, noch leicht zu sehen, aber wenn man sich auf ihn einlässt wird man nicht umher kommen, seine schreckliche Schönheit anzuerkennen und davon bewegt zu werden – und gerade heute ist eine seriöse Rekapitulation der Ereignisse, die damals im Libanon stattfanden, vielleicht sinnvoller denn je.











