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Bastian Pastewka liest "Neuerscheinung" von Thomas Gantenberg
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Bastian Pastewka liest "Neuerscheinung" von Thomas Gantenberg

en Titel „Buch des Monats“ hat Thomas Gantenbergs Debütroman „Neuerscheinung“ schon sicher, zumindest in der Buchhandlung im Kieler Hauptbahnhof. Jau. Das kann einem wirklich scheißegal sein. – Damit ihr trotzdem ein Urteil bekommt, rotiert gerade Bastian Pastewkas Lesung von „Neuerscheinung“ in meinem CD-Player.

Nicht nur Fernsehpreise wie der Kerkeling

"Warum eigentlich nicht?“ mag sich Thomas Gantenberg gedacht haben, als er Hape Kerkelings Erfolge auf dem (Hör-)Buchbuchmarkt bemerkte. Für einen Comedian ist es doch kein Problem, einen Roman zu schreiben, der mit wilder Story, lustiger Sprache und einer nachdenklichen Message versehen mal wieder ein bisschen frisches Geld in die Kasse spült.
Doch, genau so wirkt „Neuerscheinung“. Gantenberg ist zwar selbst kein Comedian, dafür aber hoch angesehen in der Zunft der Gagschreiber für ungepflegte Abendunterhaltung im Fernsehen. Sein Œuvre umfasst preisgekrönte Sendungen wie „Ritas Welt“, „Alles Atze“ oder „Nikola“; im Regal stehen der Deutsche Comedypreis, der Adolf-Grimme-Preis sowie der Deutsche Fernsehpreis. Nicht erst seit Marcel Reich-Ranickis Ablehnung des letztgenannten Preises darf man sich ja fragen, was diese Dinger überhaupt wert sind – für mein Urteil jedenfalls genau so viel wie oben genannte Auszeichnung einer Bahnhofsbuchhandlung: Nüscht. Nun kann ja jemand, der lange fürs Fernsehen geschrieben hat, trotzdem einen tollen Roman abliefern. Darüber kann ich nichts sagen, denn die Romanfassung von „Neuerscheinung“ liegt mir nicht vor. Eines weiß ich aber: Aus „Neuerscheinung“ ein tolles Hörbuch zusammenkürzen, das konnte Gantenberg nicht.

Das Würstchen und die Messias

Paul Elmar Litten ist ein Würstchen. Als Chef des Lokalanzeigers in Münden, Westfalen, hat er es beruflich nicht besonders weit gebracht, schaut sich wortlos an, wie seine Frau mit ihrem Chef flirtet und veröffentlicht unter Pseudonym einen Fortsetzungsroman für Frauen in der eigenen Zeitung. Stop! Dieser Fortsetzungsroman ist alles andere als das Werk eines Würstchens, rüttelt er doch die ganze miefige Spießbürgerwelt rund um Litten gehört durcheinander. Das liegt an der berühmten Protagonistin, die mit Partnersuche im Internet, Reflexionen über ihr Körpergewicht und einer kitschigen Liebesgeschichte traktiert wird: Es handelt sich um Hanna von Nazareth, die Schwester Jesu. Littens Frau, in einer katholischen Einrichtung beschäftigt und gläubige Katholikin, nimmt die Geschichte bald recht gut auf und sieht wie ihre Freundin Karola, Gynäkologin im ebenfalls unter katholischem Einfluss stehenden Krankenhaus, einen feministischen und kirchenkritischen Tenor in dem Groschenroman („Die Messias“). In den Augen von Littens Herausgeber Masuch funktioniert die Serie lediglich als Gelddruckmaschine; so übt er reichlich Druck auf den ängstlichen Autoren aus. So begeistert sind aber natürlich sind aber nicht alle Figuren in „Neuerscheinung“, was Litten von einem Regen in die nächste Traufe tapsen lässt.

Story, Sprache, Message

Gantenberg strickt sich da eine nette, simple Story zusammen, deren Figuren aber in Entwicklungsdynamik und Tiefgründigkeit an selbstgetöpferte Tonstatuen erinnern. Immer mal wieder passiert tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, das aber weder Hand noch Fuß hat. Der Weg der Hauptfigur Litten vom Würstchen zur Oberwurst zeichnet sich so früh ab, dass man die Schlussakte nicht ohne Gähnen belauschen kann. Etwas Anspruchsvolles stellt ein Hape Kerkeling zwar auch nicht auf die Beine, aber doch geriet sein Hörspiel "Ein Mann, ein Fjord" um einiges liebenswürdiger als "Neuerscheinung".
Der Autor agiert zwar nicht ohne einen illustren Sprachwitz, der sich aber doch allzuoft auf alberne Vergleiche beschränkt: „Jetzt wusste ich, wie sich ein Hühnchen beim Schockfrosten fühlt“ oder „durch seine Stirn zogen sich Falten, so tief wie der Andreasgraben“. Bastian Pastewkas ganz hervorragendes Mundwerk reicht nicht, um dieses Projekt zu retten.
Dass sich der feministische Unterton aus „Die Messias“ auf das übergelagerte „Neuerscheinung“ widerspiegelt, ist eine gute Sache. Jede gute Absicht aber verpufft, wenn sie nicht vernünftig umgesetzt wird. Davon abgesehen verpackt „Neuerscheinung“ in seiner tiefgründigen Aufmachung doch eine ganz schlimme Aussage: Es wird schon alles gut, auch wenn man in einer Ehe nicht alles auf den Tisch bringt. Immer unter den Teppich mit dem Mist? Das ist, mit Verlaub, rotzkonservativ.

Erschienen ist das Hörbuch am 23.01.2009 bei tacheles! und dauert 4 Stunden und 36 Minuten. Mehr Infos bei roofmusic.de (http://www.roofmusic.de/de/?area=tacheles&content=productdetail&id=719). Die Buchausgabe ist bei Scherz (http://www.fischerverlage.de/sixcms/detail.php?template=fv_wide_wrapper&_content_template=buch_detail&_navi_area=fv_home&_navi_item=03.00.00.00&id=1074994) erschienen, umfasst ca. 320 Seiten, Broschur, ISBN: 978-3-502-11057-6.

K. Haller