om Cover her ist alles klar: Da will jemand am Erfolg von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ anknüpfen. Wer anders als Heinz Strunk käme als Kronprinz in Frage?
Das hätte man sich fast denken können. Immerhin hat Strunk mit Hörspielsammlungen wie „Der Schorfopa“ schon klar gemacht, dass er keine Probleme hat, den menschlichen Körper mit all seinen Facetten zu thematisieren. Und gemeinsam mit Roche war er 2007 auf Tour, um aus der 70er-Jahre-Dissertation „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ vorzulesen. Die beiden Quereinsteiger im Schriftstellerzirkel – Strunk begann seine Karriere als Musiker, Roche wurde als Moderatorin bekannt – drängen sich (nicht nur) für literaturwissenschaftliche Vergleiche geradezu auf. Wo Roche mit ihrem Debütroman „Feuchtgebiete“ z.B. Wortschöpfungen wie „Kackeschwitze“ gelangen, kennen wir von Strunk schon die „Elchschaufeln“ (schaut euch die Problemzone Bauch mal genauer an, dann wisst ihr Bescheid). Menschen kacken, schwitzen, pupsen, usw. – als Roche das auf den Tisch der deutschen Literatur brachte, reagierte die Gesellschaft wie bei einem Stoß ins Wespennest. Allein diese Diskussionsanreize sind schon ein Grund, „Feuchtgebiete“ gut zu finden. Von älteren Menschen, die in ihrer Jugend Karl May gelesen haben, höre ich wiederholt: „Aber ich hab' mich immer gefragt, ob Old Shatterhand und Winnetou nie auf die Toilette müssen“. Die Zeiten sind nun vorbei.
Wo „Feuchtgebiete“ aber vor allem provoziert, vertraut „Fleckenteufel“ mehr auf erzählerische Qualitäten. Der Plot ist relativ simpel: Im Sommer '77 nimmt der 16jährige Thorsten an einer christlichen Jugendfreizeit im Ostseeort Scharbeutz teil. Die meisten Mitreisenden sind ziemlich beknackt. Thorstens Zeltnachbarn sind ein Leichenbestattersohn („der Namenlose“, „der Vampir“ oder auch „Mr. Spock“ genannt), ein debiler Junge namens Detlef, der ständig in der Nase bohrt, und der Vollidiot Andreas, dessen riesiges Genital Thorsten, der an allem interessiert ist, was mit Sex zusammenhängt, ganz wuschig macht. Durch verschiedene Versehen rutscht Thorsten in die komplette Isolation und ist schon kurz davor, mit einer vorzeitigen Abreise klein beizugeben – da wird er in die Doppelkopfrunde bei Tiedemann eingeladen: „Er ist der einzige, bei dem ich mir ernsthaft vorstellen kann, dass er nicht wichst. Weil er's nicht nötig hat. Meine Bewunderung für ihn kennt jetzt schon keine Grenzen. Tiedemann, geiler Typ.“
Die Ferien haben auch ihre guten Momente. Eine der schöneren Stellen hat der Rowohlt-Verlag dankbarerweise als Klappentext verwendet. Auf dem Programm steht abends Lagerfeuergesang, vom Gemeindehelfer an der Gitarre begleitet: „Deep in my heart, I do believe, we shall overcome some day. Ich atme tief ein. Meer, Holz, Salz, Mücken, verbranntes Stockbrot. Mein Arsch brennt wie das Osterfeuer, aber plötzlich laufen mir Tränen über das Gesicht: Ich spüre, dass ich so etwas wahrscheinlich nie wieder erleben werde. Wenn ich irgendwann einmal erwachsen bin, wird sich mein Herz verschließen, und ich werde mich mit der Erinnerung an die paar glücklichen Momente von Kindheit und Jugend begnügen müssen.“
„Fleckenteufel“ beschreibt den wichtigsten Abschnitt in Thorstens Adoleszenz. Sein noch zwergenhafter Körper erwartet genauso dringend den Wachstumsschub wie der mit „Fünf Freunde“-Büchern und „Landser“-Comics unterforderte Geist. Das erinnert nicht nur implizit (also inhaltlich und sprachlich) an Bukowskis „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“ – Strunk nennt den amerikanischen Schriftsteller auch explizit, indem er seinen Protagonisten über Tiedemann mit Bukowski-Literatur versorgt. Typisch für Strunk, dass er in die zugleich hochkomisch wie -tragische Geschichte auch einen notwendigen Prozess des „Sich-abfindens“ integriert. Anstatt sich in die mit kulinarischen Genüssen gespickte Welt der „Fünf Freunde“ zu träumen, lernt Thorsten mit Bukowski, dass es okay ist, in einem als „Nuttenbunker“ bezeichneten Hochhaus zu wohnen.
Im Gegensatz zu Roches künstlich-provozierendem „Feuchtgebiete“ ist der „Fleckenteufel“ also eine realistische Geschichte. Wer sich nicht zu schade ist, über einige Schwanz- und Furz-Witze zu lachen, und wer bei der kleinsten Popelbeschreibung nicht schon Schweißausbrüche bekommt, dürfte damit viel Freude haben.
Es lohnt sich übrigens auch diesmal wieder, die ungekürzte Autorenlesung auf vier CDs anzuhören (erschienen bei Tacheles! (http://www.roofmusic.de/shop/product_info.php?cPath=&info=p512_-fleckenteufel----heinz-strunk--4cdwaschlappen-.html)). Wie immer bei Strunk gilt aber auch hier: Vorher mal reinhören (http://www.roofmusic.de/files/hoerproben/fleckenteufel.m3u), ob man von der lispelnden Aussprache des Hamburgers nicht verrückt wird. Ich hab's nicht nur überlebt, sondern mich auch noch bestens unterhalten gefühlt. Mit dem der limitierten Auflage beiliegenden Waschlappen kann man auf den Spuren des „Fleckenteufel“-Protagonisten Thorsten wandeln – dessen erklärtes Lebensziel ist es nämlich, mit einer wunderschön-sauberen, rosaroten Rosette zu sterben.
„Fleckenteufel“ von Heinz Strunk ist erschienen im Januar 2009 bei Rowohlt (http://www.rowohlt.de/). Rororo Paperback, 224 S., 12,00 €, ISBN: 978-3-499-25224-2








