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Matias Faldbakken – „Unfun“
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Matias Faldbakken – „Unfun“

onfetti! „Unfun“ sieht nicht nur lustig aus, es ist auch ein Buch, in dem viel gelacht wird. Den Leser jedoch vermag das Lachen kaum anzustecken, es bleibt ihm schnell im Halse stecken. Denn Lachen ist nicht verknüpft mit Spaß, sondern mit Leid.

In „Unfun“ obliegt das Lachen einer semantischen Umdeutung. Nicht weil etwas lustig ist, wird gelacht, vielmehr ist das Lachen Teil eines anthropologischen Konzepts. Und das ist nur der Anfang einer radikalen Umwertung der Werte. Aber mal vorne angefangen: Lucy heißt die Ich-Erzählerin in „Unfun“. Sie ist halb ugandisch, halb norwegisch und in den Mittdreißigern. Lucy ist Mutter zweier erwachsener Söhne und die Handlung des Romans ist ihre blutige Abrechnung mit der Familie. Lucy lebt zusammen mit Slaktus als Aussteigerin, fröhlich vergreift sich dieser an ihr, bis Lucy 16-jährig schwanger wird. Sie gebärt Drillinge, findet aber, dass das asymmetrisch ist und lässt deshalb das schwächste Kind von einem befreundeten Arzt regelrecht einschläfern. Survival of the Fittest – die Darwinschen Gesetze sind in diesem Roman die einzigen, die nicht gebrochen werden.

Bis dahin ist keine, aber auch gar keine Figur in „Unfun“ sympathisch. Doch dieses anti-identifikatorische Konzept ist für Matias Faldbakkens Skandinavien-Trilogie kennzeichnend. „Unfun“ entsteht als letztes Buch der Reihe „skandinavische Misanthropie“. Teil 1, „The Cocka Hola Company“, behandelt Pornographie, Teil 2, „Macht und Rebel“, politische Extreme. In allen drei Büchern lässt Faldbakken die Kirche im Dorf. Wer hier mit Ethik und Moral kommt, hat schlechte Karten.
Lucy schafft es sich von Slaktus zu lösen, selbst zu ihren missratenen Söhnen hält sie eine gewisse Distanz. Doch dann tritt Slaktus plötzlich wieder in Lucys Leben und verwickelt das, was man Familie nennen könnte, in die Programmierung seines Online-Slasher-Games. Jetzt vermischen sich Spiel und Ernst, worin sich in erster Linie Lucy nicht mehr zurecht findet.

Bei Faldbakken wird gefickt, gepöbelt, getreten – und gemordet. Und zwar exzessiv. Gut und böse verschwimmen, der postmoderne Werte- und Moralsalat wird ordentlich durchgerührt. Vielleicht liest Faldbakken seine Texte deshalb auch nicht gern selbst vor Publikum. Weil der Leser dann das Gesicht des Autors vor seinem geistigen Auge zum Gesicht der Protagonisten machen könnte. Es ist schwer ein so ekelhaftes Buch zu lesen. Ein Buch, das immer noch mal nachtritt, wenn man als Leser schon am Boden liegt:

Zitat:

„Es war eine gute Zeit, solange ich allein war. Aber sobald Slaktus vor Ort war, hieß es: Ohrfeige auf Ohrfeige, Penetration auf Penetration, halbwegs freiwillig von meiner Seite aus, rape light, sozusagen. Irgendwann wuchsen dann Kinder in meinem Bauch.“



rape light oder auch ein stoisches Sich-Fügen in einer Welt, in der Widerstand nur in Form des Opportunismus möglich ist. Und untermalt wird eine solche Szenerie durch infernalisches Lachen. Denn die Ik, der ugandische Stamm, dem Lucys Vorfahren angehören, lachen über Elend. Je schlimmer der Schmerz, desto lauter das Gelächter. Die Weltordnung in diesem Roman ist abstoßend, bizarr und unangenehm real zugleich:

Zitat:

„Geschlechtsverkehr, der Reproduktionsakt im „natürlichen“ und „normalen“ Sinn bedeutet, dass der weibliche Körper eingenommen und besetzt wird und man wiederholt in ihn stößt. Es gebe keinen anderen Weg, es zu tun, sagt man uns, die Natur habe Männer und Frauen nun mal so geschaffen. So sei es eben. Wer dieses Argument akzeptiert, muss auch akzeptieren, dass Frauen Männern von Natur aus unterlegen sind, und zwar sozial, wirtschaftlich und in Bezug auf ihren allgemeinen Wert.“



So ein Gender-Trommelwirbel offenbart eine Welt, in der jedes Gefühl verloren gegangen ist. Faldbakken hat eine neue „Brave New World“ geschrieben. „Unfun“ vereint Thriller und Porno, Slasher und Philosophie. Und am Ende tabula rasa, eine Öde, die sogar die Existenz des Todes in Frage stellt. Lucys Racheakt ist ein Akt der Emanzipation. Er lehnt die Emanzipation nicht ab, er radikalisiert und pervertiert sie. Der Schluss erinnert nicht wenig an das, was bereits vor 100 Jahren ein Herr Ibsen, ebenfalls Norweger, mit seiner Nora gesagt hat. Ibsens Skandal lag darin, zum ersten Mal eine Frau auf die Bühne gebracht zu haben, die ihre Familie verlässt. Faldbakken zeigt was passiert, wenn sich niemand mehr dafür interessiert, wenn eine Frau die Familie verlässt. Und so ist Faldbakkens letzter Teil der Skandinavischen Misanthropie eine Hommage an die Frau - im Gewand der Frauenfeindlichkeit. Ein interessanter Ansatz, der über 260 Seiten hinweg schwer erträglich, aber zugleich doch literarisch geschickt und emotional aufwühlend ist.

„Unfun“ ist erschienen im März 2009 im Blumenbar-Verlag (http://www.blumenbar.de) und wurde übersetzt von Max Stadler. 270 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-936738-51-3, 19.90 EUR (D).

L. Krutzinna