er Name Kassel dürfte jedem Menschen hierzulande geläufig sein und besonders im Bereich Kunst und visuelle Freuden klingelt es wohl bei den meisten spätestens, wenn jemand „Documenta“ dahersäuselt. Tatsächlich geht die Wahnsinnsschau 2007 in die 12. Runde, aber Kassel bietet neben Documenta und Museum Fridericianum noch anderes, dem es sich zuzuwenden lohnt.
Ich komme wie schon nicht selten zuvor nach einer langatmigen Regionalbahnfahrt am Kasseler Hauptbahnhof an und eile Richtung Ausgang, denn ich möchte die Strassenbahn erwischen. Gegenüber meines Ankunftsgleises aber hält mich die unwiderstehliche Offerte auf, eine Ausstellung zu besuchen und ich frage mich kurz, ob ich da nun hineinblinzeln oder meinen Weg fortsetzen soll. Kurzum entschliesse ich mich, die Bahn ohne mich fahren zu lassen und ersteren Weg zu gehen.
Der Austellungsraum „Stellwerk“ im Bahnhof Kassel ist ein von den Studenten der hiesigen Kunstakademie geführtes Projekt, welches den angehenden Künstlern die Möglichkeit geben soll, erste Kontakte mit der Öffentlichkeit zu suchen. Diesmal heisst die Künstlerin, die dieses Experiment wagt, Eva-Maria Grüneberg. Sie betritt allerdings kein Neuland, denn sie war Solo auch unter Anderem schon auf der Buchmesse in Frankfurt 2004 zu sehen. Zudem habe ich ihre Sachen auch schon auf dem Künstlerfest im Kasseler Kulturbahnhof gesichtet. Ein paar Takte zur Person sind vielleicht angesagt, denn die gebürtige Berlinerin ist auch schon eine Weile dabei. Sie ist Jahrgang 1976 und studiert seit 1999 in Kassel, sie wird aber im Februar kommenden Jahres ihr Studium abschliessen.
Ok. Genug platzfüllendes Geplapper, wichtig ist schliesslich in allererster Linie das Dargebotene, also zur Sache. Ich betrete nun das „Stellwerk“, welches nur aus einem einzigen Raum besteht und treffe auch die Künstlerin selbst an, kann ihr somit einige Informationen zu den Exponaten abknöpfen. Zu Tun bekommt es der Betrachter hauptsächlich mit grossformatigen Tuschezeichnungen, die sofort meinen Blick einfangen. Kraftvolle, recht minimalistisch gehaltene Szenen der teilweise gewaltvollen menschlichen Interaktion sind dargestellt, die hart gesetzten Linien und die nicht vorhandene Abstufung zwischen Schwarz und Weiss spitzen die Wirkung der Arbeiten zu. Die Produzentin erklärt mir, sie habe Szenen ihres Lieblingscomics nachgestellt, jedoch die Personenkonstellation um ihr eigenes Subjekt erweitert. Da hier ausschliesslich Kampf- und heroische Rettungsszenen dargestellt sind, möchte sie sich also aus kniffligen Situationen befreien lassen, erklärt sie. Hört sich nett an, ich finde die Idee spontan witzig. Ich finde, die Werke spiegeln ebenfalls eine knallharte Ehrlichkeit wieder, man merkt ihnen deutlich an, dass hier eine Hand im Spiel war, dass sich niemand an seinen PC gesetzt und rumretuschiert hat. Da macht der Strich eben was er will, ist spontan und dynamisch. Weiteren Erläuterungen zur Sache enthüllen, dass die Abbildungen wohl „sehr nahe“ an die 60er Jahre-Lieblingscomic-Vorlage kommen, mir aber als Original komplett eigenständig erscheinen, das frei aus der Hand der Künstlerin kommt. Ich kenne die Comics zwar nicht, bestehe aber auch nicht darauf, denn es ist eindeutig, dass hier nicht kopiert wird, sondern der eigene Strich vorherrscht und die Inspiration nicht nur von einer Seite kommen kann. Neben den Tuschezeichnungen gibt es aber auch noch Malerei zu sehen, die ähnliche Ansprüche formuliert, mir aber nicht ganz so zufliegt, wie die Zeichnungen. Das kann zum Einen daran liegen, dass ich selbst nicht so der Malereiexperte bin, zum Anderen aber auch daran, dass sich Eva Grüneberg auch primär als Zeichnerin versteht. Trotzdem sei auch zu diesen Sachen ein bisschen was erzählt, schließlich stellt das werte Fachpublikum hier auch einen Anspruch auf ganzheitliche Berichterstattung, hm? Die malerischen Werke erzählen mit Landschaftsmotiven und Gesichtern in Nahaufnahme von Abenteuer, Weite und Fernweh. Die Farbwahl kommt mir unnatürlich, eher Spielzeugautomässig vor, während die Künstlerin sowieso nicht auf naturalistisches Arbeiten geachtet zu haben scheint. Trotzdem erzählen die Bilder ihre Geschichte interessant und laden zum Verweilen ein und das ist doch grundsätzlich schon mal Klasse, oder?
Na gut, das war erstmal alles, was ich mir so vorgenoimmen habe, über diese Ausstellung an inhaltlichen Worten zu verlieren. Sie ist ja jetzt auch nicht so gross, aber hauptsächlich möchte ich in meinen Artikelchen auch immer ein bisschen was über die Sachen hinausschreiben (hoho: transzendent arbeiten), heute mal was zur Philisophie des Betrachtens von Kunst. Hört sich hochgegriffen an, ist es aber praktisch gesehen gar nicht, denn wir machen uns ja nur Gedanken warum wir Kunst interessant finden und sie unter Umständen anschauen, oder eben auch nicht. Eva Grüneberg zufolge kommen am Wochenende die meisten Leute in der Ausstellung vorbei, manche riskieren aber nun nur einen kurzen Blick in den Raum und trauen sich nicht so recht, reinzugehen, winken ab, weil sie ja „keine Ahnung von Kunst“ haben. Warum aber haben viele Angst, sich den visuellen Erlebnissen zu stellen? Kunst kann doch niemand vollständig begreifen, mal davon abgesehen, dass es doch grundsätzlich sowieso scheißegal ist, was der Künstler sagen wollte. Es geht darum, dass der Betrachter seine zwei Augen dabei hat und bereit ist, sich mit dem Dargebotenen auseinanderzusetzen. Ist da ein Festmahl oder Fasten fürs Auge angesagt? Muss ich kotzen oder würde ich am liebsten gar nicht mehr gehen? Solche Fragen kann man sich doch auch ohne Kunstwissenschaftsstudium stellen, denn die Kunst lebt von ihren Betrachtern und besonders von denjenigen, die einfach die Form zu schätzen wissen, die ihrem ästhetischen Blick trauen. In diesem Sinne schauen hoffentlich noch ein Paar Leute mehr im Stellwerk am Bahnhof in Kassel vorbei, wenn sie gerade mal warten müssen. Für mich hat sich es auf jeden Fall gelohnt und ich habe dann einfach eine Bahn später genommen.
Eine handvoll Dollar für jeden, der sich traut






