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Voyeuristentraining. Die Performance-Ausstellung "befiehlt" im Kasseler Stellwerk
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Voyeuristentraining. Die Performance-Ausstellung "befiehlt" im Kasseler Stellwerk

inzugstermin war der 1.2.2007, vier Tage lang lebten und arbeiteten die beiden Kunststudentinnen Angela Ender und Anja Köhne im Stellwerk. Vier Tage lang konnte jeder interessierte den beiden beim Leben zusehen. Aber das war nicht nur irgendwie leben. Die Tagespläne waren streng geregelt, für jede Aktivität gibt es einen Wecker, der befiehlt, was zu tun ist. Schlafen, Klo, Arbeiten, Essen, Klo, Arbeiten, usw. Nun hatte jeder Passant die Chance, mal ausserhalb des eigenen Fernsehers fremden Leuten bei ALLEM zuzusehen, was der Alltag so mit sich bringt, ohne eine Anzeige zu riskieren.

"Befehle, geben wir uns
Unserer Aufgabe gerecht zu werden und um mit ihr verantwortungsvoll und konsequent umzugehen
Wir befehlen um weiterzukommen
Wir befehlen uns, um dadurch, unter anderen Umständen - über diesen befehl der uns gestellt wurde unserer Aufgabe gerecht zu werden- über uns hinaus zu wachsen
Andere Bedingungen andere Erfahrungen =anderes Ergebnis
Oder
Wer befiehlt uns? ist es die Aufgabe, die uns notwendigerweise befehle erteilt
In der Räumlichkeit leben in der wir ausstellen
Für sie leben (die Ausstellung)
Versuchen zu gehorchen
Die Befehle entgegennehmen
Für Das leben und in Dem Leben
Innendrin sein um zu erreichen!"

(Angela Ender, Anja Köhne)

Wie gesagt, der Alltag ist streng durchgeplant, die beiden Künstlerinnen befehlen sich selbst und lassen sich befehlen, wie sie den Tag verbringen sollen. Der Raum des Stellwerks ist spärlich eingerichtet, zwei Matratzen dienen zum Schlafen, ein Tisch zur Kommunikation, eine Decke in der Mitte des Raumes zum Essen und ein Klo zum Kacken, wozu sonst? Die Performance ist allen Augen offen, jede Bewegung wird zusätzlich noch gefilmt und jedes Gespräch aufgenommen. Auch die Zeiten zum Sprechen sind klar geregelt. Der Tagesablauf wurde mit aller Konsequenz durchgezogen, es wurde produktiv gearbeitet, Brot und Obst verzehrt, fleißig das Klo benutzt und unter grellem Lichtschein einer Lampe geschlafen. Nichts wurde dem Blick des Publikums verweigert, im Gegenteil. Das Klo steht mitten im Raum und die Matratzen liegen vor dem Fenster.

Wozu das Ganze? Wenn man mal ehrlich ist, kennt man die Idee auch schon aus dem Fernsehen. Sich beim Tagesablauf filmen lassen ist nichts neues, das ist nun schon seit Urzeiten im öffentlichen Leben verankert. Aber genau darum geht es. Wer erinnert sich nicht mal an Situationen, in denen er sich auf einem öffentlichen Klo beobachtet gefühlt hat, wer hat sich nicht schon längst daran gewöhnt, dass er in Zügen und Stadtpassagen von "oben her" angestarrt wird? Jeder Schritt wird aufgezeichnet, auch jedes Gespräch. Genau unter solchen Bedingungen musss jeder Mensch jeden Tag funktionieren, also völlig vergessen, dass er überwacht wird, das ihm jeder zusehen kann. Wenn man so will, hat die öffentliche Überwachung das Miteinander verzerrt, auch im kleinen Mikrokosmos des Stellwerks. Wenn man sich vollkommen exponiert und sich zu zweit wohl auch innerhalb von vier Tagen auf engem Raum ohne Privatsphäre irgendwann gegenseitig nervt, dann sind das perfekte Bedingungen um zu arbeiten. Produziert haben die beiden viel. Fotos, Materialcollagen, bearbeitet mit Acrylfarbe, die farblich so verzerrt und übertrieben sind, dass sie sich in den Augen des Betrachters festkrallen, genauso wie die Performance selbst. Wenn man also will, spiegeln die Arbeiten direkt das viertägige Leben der beiden wider.

Die Ausstellung, die der Performance folgt, zeigt nun den Lebensraum noch direkter. Zwar ohne die Bewohner, aber ihre Spuren sind sichtbar. Am Ende haben die beiden zwar kein Geld und auch keinen Plattenvertrag bekommen, aber sie haben das erreicht, was sie wollten. Sie sind über sich hinausgewachsen, haben sich selbst befohlen, wie sie sich zu verhalten haben, alles für und wegen der Ausstellung. Aber nicht nur sie selbst waren die Befehlshabenden, auch die Voyeure, die Zuschauer, die Kamera und das Diktiergerät, all diese Komponenten haben zweifellos ihren Teil zur Durchführung der Befehle beigetragen. In diesem Sinne war es eben nicht nur die Aufgabe, die Befehle erteilt. Eine schöne, überwältigend-exhibitionistische Zurschaustellung persönlicher Entwicklungsprozesse. Mal schauen, was als nächstes kommt.

J. Ertelt