as Langzeitgedächtnis wird häufig mit einer archäologischen Ausgrabungsstätte verglichen. Bruchstücke und Fragmente werden vom Individuum geordnet und sinnvoll zusammengesetzt. Dabei kann es zu Fehlern kommen, die fiktive Erinnerungen in den Vordergrund rücken. Dieses Phänomen nennt man “Herkunftsfehler”. Am besten kennt man ihn wohl aus Zeugenaussagen, die häufig nicht in der Lage sind, explizit das wiederzugeben, was sie tatsächlich gesehen haben. Ein Erklärungsansatz für dieses Phänomen ist die automatische Verknüpfung neuer Informationen mit existierenden kognitiven Schemata, also mit Vorwissen.
Warum? Wegen Munoz. Ich habe mich weniger bewusst dazu entschlossen, dieses Phänomen an mir selbst auszuprobieren, nachdem ich schon vor einiger Zeit die Ausstellung “rooms of my mind” in Düsseldorf gesehen hatte. Ich hoffe, dass Eindrücke verschiedenster Art, die ich über unterschiedliche Eingangskanäle wahrgenommen habe, heute in ebenjener bruchstückhaften Form in meinem Gedächtnis gespeichert sind und ich jetzt Hirnarchäologe spielen kann. Na denn...
Die Ausstellung kreist um das Thema Kommunikation, größtenteils im Verhältnis zum Raum und zum Zuschauer. Auch die wohl bekannteste Arbeit des Spaniers ist hier zu sehen, die lächelnden Chinesen in den verschiedensten Konstellationen und Positionen. Eine raumgreifende Installation von 100 Figuren asiatischen Aussehens, die in kleinen und größeren Grüppchen angeordnet sind und miteinander zu kommunizieren scheinen - sie tun es aber nicht wirklich. Der Betrachter kann keinen Wortführer finden, alle Figuren stehen da und grinsen, dabei schließen sie den Betrachter größtenteils aus, nur teilweise habe ich den Eindruck, in die Gruppe einbezogen zu werden, dabei komme ich mir aber so vor, als würde ich stören. Die Figuren sind gut einen Kopf kleiner als ich, aber dennoch tonangebend, denn ich bin hier nur Zaungast.
Munoz` Bronzeskulpturen beziehen sich ebenfalls auf das Thema “zwischenmenschliche Kommunikation”, jedoch wird hier die Vereinzelung und das sich gegeneinander ignorieren immer stärker. Eine seiner deformierten Figuren steht lauschend an einer Wand in der Hoffnung, von irgendwoher etwas unterhalten zu werden. Deutlicher werden die gegenseitigen Ausgrenzungen der Figuren in anderen Arbeiten, in denen Munoz teilweise auch Tonmaterial verwendet hat. So sitzen in den “Communication Pieces” zwei recht amorphe Figürchen nebeneinander und führen immer wieder das gleiche, stumpfsinnige Gespräch. Einer der beiden stottert heftig vor sich hin und fragt den anderen immer wieder, was er etwas gesagt habe, woraufhin der andere entgegnet, dass er keinen Laut von sich gegeben hat. Das Gespräch dreht sich um die ewige Langeweile, die beiden haben sich absolut nichts zu sagen. Verschärft wird die Situation in anderen Arbeiten, wie in “Neils last words”. Hier steht eine der asiatischen Figuren vor einem Spiegel und versucht, mit sich selbst zu sprechen. Nur der Mund bewegt sich, oder sollte sich zumindest bewegen, die Stimme bleibt allerdings aus. Blöderweise war der Motor, der die Mundbewegungen der Figur hervorrufen sollte, defekt und so hatte Neil seine letzten Worte also schon längst gesprochen, nur nicht für mich. Schade.
Die zwischenmenschlichen Absurditäten wurden in der Ausstellung meiner Meinung nach hervorragend interpretiert. Munoz war ein großartiger Analytiker und Beobachter der Menschen, wie die Ausstellung zeigt. Teilweise beklemmend, aber auch einfach witzig lässt Munoz seine Skulpturen auf den Betrachter wirken. Auch Zeichungen und Audiosequenzen werden dargeboten, in denen beispielsweise Kartentricks Schritt für Schritt erläutert werden. Das ist auch eine Form der Kommunikation, die sehr gesellschaftsfähig ist.
“Rooms of my mind” ist natürlich ein sehr bedeutungsschwangerer Titel, wenn man die Ausstellung gesehen hat. Eben darum ist es auch sinnvoll, sich über die Räume des Verstandes Gedanken zu machen. Jeder einzelne vom Künstler produzierte Raum ist der Spiegel seiner Gedanken, aber auch Projektionsfläche für die des Betrachters. Genau das machte die Ausstellung für mich spannend. Wenn einem dieser Hokuspokus allerdings zu viel ist, kann man sich auch einfach vom humoristischen Anteil berieseln lassen, aber interessant ist dieser künstlerische Exkurs in die eigene Psychologie allemal. Ich denke, der Betrachter kann hervorragend mit den Arbeiten spielen, ihre Bedeutung auf seine eigenen Erinnerungen übertragen und sie mit ihnen verbinden, so dass die Ausstellungsräume tatsächlich zu den eigenen Gedankenräumen werden. Wenn man dabei Fehler macht, Tatsachen vertauscht oder neue hinzuerfindet, dann ist das für mich das beste Beispiel dafür, dass man vieles kapiert und mitgenommen hat. Nicht viele Künstler sind in der Lage, dem Zuschauer derartiges zu bieten. Juan Munoz war es.









