„s ist nicht ungewöhnlich. Viele Leute leben so. Sie reisen und sehen sich die Welt an, und dann kommen sie zurück und arbeiten und wenn sie genug Geld verdient haben, fahren sie wieder los, woanders hin“. „Nichts als Gespenster“ handelt von Alltagsflucht und von Problemen, denen man sich nicht entziehen kann, egal auf welchem Fleck der Erde man sich befinden mag. Und von der Liebe, die überhaupt vielleicht an allem Schuld ist.
„Der Sound einer neuen Generation“ – so bezeichnet Hellmuth Karasek (einer der Kollegen von Marcel Reich-Ranicki in der Kritikersendung „Das literarische Quartett“) den Erzählstil Judith Hermanns. Judith Hermann hat zwei Erzählbände verfasst, aus denen die 5 Episoden entnommen sind, die in dem Film „Nichts als Gespenster“ zu einer filmischen Collage verschmelzen. Und die Probleme dieser neuen Generation sind Thema sowohl in Judith Hermanns Büchern als auch im Film. Zu dieser neuen Generation gehören die Protagonisten aus „Nichts als Gespenster“, sie sind zwischen zwanzig und dreißig und haben Probleme, andere Probleme als die der Väter- und Großvätergeneration. Weder hat die neue Generation einen Weltkrieg miterlebt noch Nachkriegs- und Versorgungsengpässe. Aber Probleme gibt es immer noch, nur sind diese weniger geprägt von existenziell erschwerten Lebensbedingungen, die Probleme haben sich stattdessen ins Innere verlagert: in die Psyche. Also, es geht hier nicht um Schizophrenie oder Magersucht, sondern um die latenten Alltagssorgen, die jeder mit sich herumträgt. Die Protagonisten in den fünf Sequenzen sind eigentlich ganz gewöhnliche Menschen: Sie sind erwachsen und doch noch nicht so richtig angekommen.
Marion (Fritzi Haberlandt) ist gerade 30 geworden und trotz ihres Erfolgs im Job kann sie ihr Privatleben nicht in geordnete Bahnen lenken. Sie hat sich gerade von ihrem Partner getrennt und sucht getrieben von innerer Unruhe und Verzweiflung Zuflucht in der Einsamkeit. Als sie diese nicht mehr aushält, macht sie sich auf den Weg nach Venedig, wo sie ihre Eltern zu treffen hofft, die sich ihren Lebensabend mit Reisen vertreiben. Doch auch im Schoß der Familie vermag Marion keine Erleichterung zu finden, so zeigt die redselige und direkte Mutter keinerlei Empathie, während der hilflose Vater es nicht schafft, zwischen Mutter und Tochter zu vermitteln.
Die Freundinnen Christine und Nora (Jessica Schwarz) machen Urlaub auf Jamaika. Nora bändelt erneut mit ihrem Ex Kasper an, der nach Jamaika ausgewandert ist. Christine beginnt einen Urlaubsflirt mit einem Coca-kauenden Jamaikaner, der just von Frau und Kind verlassen wurde. Die äußere Lethargie und Faulenzerei auf der sonnigen Insel entpuppt sich als krasser Gegensatz zu dem Gefühlschaos, in dem Christine und Nora sich befinden. Verbildlicht wird dies durch einen Hurrikan, der in den Wettervorhersagen angekündigt wird, aber nicht näher kommt und wie ein Unheil bringendes Phantom seine Schatten auf die Insel und die Urlauberinnen wirft.
Einmal quer durch die USA und wieder zurück geht es für das Pärchen Felix (August Diehl) und Ellen. Doch in der Wüste Arizonas, wo nichts mehr wächst, die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt, wird den beiden plötzlich deutlich, dass ihre Beziehung am Nullpunkt angelangt ist. Während Ellen im American Way Of Life vollkommen aufblüht, ist Felix genervt von Ellens touristischem Verhalten und der amerikanischen Oberflächlichkeit. Die kleinsten Lappalien führen zu Streitereien und Sticheleien, doch beide schaffen es nicht, sich den Problemen zu stellen, sie offen anzusprechen.
Island. Die besten Freunde Irene und Jonas wollen ihre gescheiterten Beziehungen mit Schnee, Dunkelheit und Winterkälte betäuben. Sie besuchen einen alten Bekannten von Irene, Magnus, der mit seiner Frau Jonina und seiner Tochter auf Island lebt. Der Fotograf Jonas ist hingerissen von der isländischen Natur, den heißen Quellen und dem Licht und blüht trotz seines Trennungsschmerzes in der neuen Umgebung auf. Irene hingegen sucht Jonas Nähe, um ihre Einsamkeit zu überwinden. Zwischen den beiden entwickelt sich eine komplizierte Beziehung, die noch dadurch erschwert wird, dass auch in Jonina Gefühle für Jonas aufflammen…
Zu guter letzt fällt die fünfte Episode aus dem internationalen Rahmen des Films. Während sich alle anderen
Protagonisten quer auf der Weltkarte verstreut befinden, spielt sich die Tragödie zwischen Ruth und Caro in irgendeiner Provinzstadt in Deutschland ab. Ruth und Caro sind beste Freundinnen, die in ihrer gemeinsamen Wohnung in Berlin nicht nur alle Sorgen, sondern auch das Bett geteilt haben. Nun hat Ruth einen Stelle am Provinztheater bekommen, wo sie sich zwar nicht besonders gefordert sieht, sich aber Hals über Kopf in ihren Schauspielerkollegen Raoul (Stipe Erceg) verliebt hat. Ruth erwartet Besuch von Caro und ist überglücklich, Caro und Raoul einander vorstellen zu können. „Versprich mir, dass du nie etwas mit ihm anfängst“, fordert sie jedoch von Caro, denn sie weiß über Raouls Wirkung auf Frauen Bescheid. Dennoch hintergeht Caro ihre Freundin.
„Nichts als Gespenster“ zeigt dem Zuschauer Beziehungsgeflechte. Egal, ob komplizierte Liebes- oder Drei- oder Mehrecksbeziehungen – es geht immer um zwischenmenschliche Komplikationen. Die kantige Struktur des Films unterstützt diese Aussageabsicht. Häufig werden nur einzelne kurze Szenen des einen Spielortes gezeigt und – cut - schon kommt die nächste Episode. Dennoch gelingt es dem Regisseur Martin Gypkens, der hier erst seinen Kinodebüt-Nachfolger präsentiert, aus den fünf Einzelgeschichten eine runde Sache zu machen. Er versteht es, die Episoden kontrastreich voneinander abzugrenzen, zum Beispiel durch die Variation der Orte, die durch viele Naturaufnahmen sehr gut zur Geltung kommt. Andererseits betont er immer wieder die Schnittmenge der Episoden, wie das Unvermögen zur Kommunikation bei den Protagonisten. Es sind meistens die nonverbalen Signale, die aufschlussreicher sind als die verbale Kommunikation. Sei es die Großaufnahme von Felix, der mit immer gleichem Gesichtsausdruck durch die nie enden wollende Wüste fährt, oder Irenes eifersüchtiger Blick auf Jonas und Jonina. Wenn Caro von Raoul zu verstehen bekommt, dass ihre gemeinsame Nacht nichts als ein One Night Stand war, verfolgt die Kamera die stolze und aufrechte Frau auf dem Weg in die Küche, wie sie sich eine Mandarine und einen Kaffee nimmt, an Raoul vorbei geht, sich auf eine Bank setzt, in die Morgensonne blinzelt, die Mandarine schält und in ihren Gedanken verweilt. Gerade durch diese nicht-Verbalisierung erhält der Film seinen Wert, was natürlich auch nur mit guten Schauspielern umzusetzen ist. Gerade Karina Plachetka in der Rolle der Caro überzeugt hier in höchstem Maße. Aber auch Wotan Wilke Möhring als Jonas und Fritzi Haberlandt als Marion sind besonders hervorzuheben. Bedauerlich ist, dass die deutschen Schauspielgrößen August Diehl, Jessica Schwarz und Stipe Erceg zu eher unwichtigeren Parts degradiert wurden. August Diehl spielt hervorragend, aber an der Seite von Maria Simon als Ellen wirkt er wie in einer Nebenrolle. Am auffälligsten ist dieser Faux Pas aber im Fall von Jessica Schwarz, die in der Jamaika-Episode kaum zu Wort kommt. So ganz erschließt sich die Logik des Castings hier nicht, beziehungsweise wird der Eindruck erweckt, dass ein paar große Namen für Kassenerfolge sorgen sollten.
Dennoch liegt hier ein beachtenswertes Kinowerk vor. Da es sich um eine Literaturverfilmung handelt, muss einmal mehr betont werden, dass es dem Regisseur sehr gut gelungen ist den Erzählstil Judith Hermanns filmisch umzusetzen. Wer Spannung, große Dialoge und Handlungsreichtum erwartet, wird sich bei „Nichts als Gespenster“ im Kinosessel vielleicht langweilen. Die Kamera fängt Ausschnitte aus dem Leben von Menschen ein und verlässt diese wieder, ohne dass es zu einer (Auf-)lösung kommt. Es wird zeitdeckend erzählt, es gibt im Großen und Ganzen keine Zeitsprünge oder Handlungsentwicklungen, die sich der Zuschauer erschließen muss. So leise und unauffällig wie der Film beginnt, verklingt er auch wieder. Was dem Zuschauer bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Leben trotz allem schön ist und dass „die Liebe keine Orte und keine Regeln kennt“.
Der Film bei imdb.org (http://www.imdb.com/title/tt0803047/)
Der Trailer zum Film bei YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=bAEzggdbicU)
Die Website zum Film (http://www.nichtsalsgespenster.de)












