chon seit Indiana Jones das letzte Mal auf der Leinwand zu sehen war häuften sich Gerüchte über eine Fortsetzung der erfolgreichen Abenteuer-Saga. Nachdem hunderte von Drehbuchentwürfen über die Klinge springen mussten, kündigte Harrison Ford im Jahre 2006 an: „Wenn bis 2009 kein neuer Indy Film gedreht wird, sollte man es einfach sein lassen“ – diese Kampfansage wurde angenommen. Endlich, nach 19 Jahren Abwesenheit, kehrt eine der bekanntesten Leinwandikonen aller Zeiten ins Kino zurück. Spätestens, wenn die berühmte Titelmusik ertönt und die angestaubte Peitsche wieder knallt, besteht kein Zweifel mehr: The man with the hat is back! - fragt sich nur, in welcher Verfassung.
Kristallschädel im kalten Krieg – die Story
Mister Lucas und Mister Spielberg haben sich wirklich allergrößte Mühe gegeben, jegliche Storydetails über das neue Indiana Jones-Abenteuer geheim zu halten – und bis auf einen geschwätzigen Komparsen ging diese Politik auch wunderbar auf. Darum möchte ich jetzt auch nicht der Dumme sein, der die Spannung verdirbt, sondern gönne jedem Kinogänger selbst herauszufinden, welche Überraschungen das „Königreich des Kristallschädels“ bereithält. Kein Geheimnis ist, dass die Handlung des Filmes in den späten 50er Jahren spielt und somit die Antagonisten nicht mehr Nazis, sondern Russen sind, die den kalten Krieg zu ihren Gunsten wenden wollen. Anführerin der besagten Sowjet-Bande ist eine eiskalte Ukrainerin namens Irina Spalko (Cate Blanchett), die es immer wieder schafft Dr. Jones in scheinbar ausweglose Situationen zu manövrieren.
Unterstützung kriegt der mittlerweile leicht betagte Held von seinem alten Freund Mac (Ray Winstone) und dem jungen Mutt Williams (Shia LaBeouf), der in seiner heißblütigen James Dean / Marlon Brando-Art ein typisches Kind der aufkeimenden 60er zu sein scheint. Ohnehin wird alles, was mit diesem neuen Zeitabschnitt zu tun hat, akribisch skizziert: von Nuklearwaffentest und Hippiebewegung über
Grease-Einflüsse und Rock ‚n’ Roll – die Welt hat eben plötzlich Zeit und Raum für soziale Gefüge bekommen, die im zweiten Weltkrieg nicht möglich gewesen wären. Von dieser Detailverliebtheit abgesehen hat der Verlauf des eigentlichen Abenteuers durchaus ein paar Momente, die zum Stirnrunzeln hinreißen; einiges an Mythologie wirkt so modern und aufgesetzt, dass es nicht wirklich stimmig ist. Aber sobald man sich an diese etwas neue Gangart gewöhnt hat (und davon absieht das Mutt einmal Tarzan spielt), guckt sich “Das Königreich des Kristallschädels” wirklich wie ein echter „Indiana Jones“-Film. Mit vermeintlich allen Elementen, die man erwartet hat: das obligatorische Auftakt-Abenteuer, das altbekannte Linien-Flugzeug, mit dem es über mehrere Kontinente geht, die Mythologie, die Schlangen, die Verfolgungsjagden und Prügeleien. Kurzum: Zumindest gefühlt ist es ein richtiger Indy eben... nur Indy scheint nicht mehr der richtige zu sein.
Die alte, alte Schule - Schauspiel und Technik
Retro ist das Zauberwort, das sämtliche Schwächen dieses Filmes rechtfertigen könnte. Die Schauspieler sind etwas älter geworden – retro. Die Kulissen muten ab und zu etwas pappig an – retro. Die Spezialeffekte sehen etwas eckig aus und vieles wirkt etwas zu bunt – retro. Ja, es wurde sich redlich Mühe gegeben, Look, Stil und Akteure so aussehen zu lassen, als wären wir filmtechnisch immer noch in den späten 80ern und stiltechnisch irgendwo in den frühen 60ern. Diese Rechnung geht teilweise auf, wird aber auch oft genug komplett gegen die Wand gefahren, wenn man zu sehr merkt, dass man sich in einem Filmstudio befindet und die Kulissen aus Pappe sind. Konsequenterweise wirken dann auch die wirklich am Computer erstellten Effekte leicht deplatziert und zu knallig.
Die Schauspieler sind ein weiterer Faktor, der einen etwas ins ungewisse-Retro-Wasser schubst. Harrison Ford ist leider nicht mehr der kantige Actionheld von damals, Vieles kommt etwas gezwungen rüber. Kommentare und Reaktionen, die man Indiana damals abgenommen hätte, machen einen ungewohnt behäbigen Eindruck, leider. Am gleichen Problem krankt die doch schon sehr in die Jahre gekommene Karen Allen, deren Keckheit einfach nicht ihrem Alter zu entsprechen scheint. Als Konterpart kann Shia LeBeouf eigentlich auch nicht überzeugen, der zwar seine Momente hat, als heißblütiger Milchbubi dann aber doch recht zweidimensional wirkt und keine richtige Bezugsperson darstellt. Leider sind viele der Nebenfiguren mit grandiosen Schauspielern besetzt, die oft genug einfach unter die Räder der popcorn-lastigen Story geraten; sei es nun Cate Blanchett als bösartige Russin, Ray Winstone als Indys alter Kumpel Mac oder John Hurt, der tragischerweise nur einen dementen Tattergreis spielen darf (gleiches Problem wie in „Der verbotene Schlüssel“). Da helfen nicht einmal alle „retro“s der Welt, wenn soviel schauspielerisches Potential einfach nur als Dekoration genutzt wird; aber vielleicht ist genau das der Inbegriff des Wortes „Blockbuster“.
Fazit
Manche Filme sind einfach dazu verurteilt, an der hohen Erwartungshaltung zu scheitern. Wenn man knapp 20 Jahre auf die Fortsetzung einer fabelhaften Filmreihe wartet, möchte man einfach restlos und kompromisslos begeistert werden. Ohne Wenn und Aber oder irgendwelche Beigeschmäcke. Was hier präsentiert wird, ist zwar eine solide Fortsetzung, aber leider auch nicht mehr. Etwas derartiges hätte ein oder zwei Jahre nach dem letzten Indiana Jones-Film wohl fabelhaft geklappt, aber nach dieser langen Dürreperiode, in der sich soviel anderes auf der Leinwand abgespielt hat, will man einfach mehr. Aus reinem Interesse sollten alteingesessene Liebhaber von Dr. Jones vielleicht mal einen Blick riskieren, aber viele werden wohl merken, dass es doch etwas merkwürdig ist, diesen Film zu sehen, bei dem sich so viel Mühe gegeben wurde, dass „alles beim alten“ bleibt. In dieser Hinsicht ist es vielleicht tatsächlich so, dass dieser neue Indiana Jones gar nicht so extrem anders ist, als der alte… nur hat sich eben alles andere verändert. Wir zum Beispiel.










