http://magagin.de/film/265
WALL-E – Der Letzte räumt die Erde auf
D
WALL-E – Der Letzte räumt die Erde auf

er Name „Pixar“ ist schon lange ein Synonym für familienfreundliche, digitale Animationsfilme. Angefangen bei „Toy Story“ bis zu „Findet Nemo“ und „Ratatouille“ gelang es den Kreativlingen immer wieder, neue Maßstäbe mit ihrer Animationskunst zu setzen – mehr als einmal gab es einen Oscarregen für das Studio und seine Mitarbeiter. Das neuste Machwerk aus dem Hause Pixar erzählt die Geschichte des kleinen Roboters Wall-E, dem die zweifelhafte Aufgabe zufällt, die Erde aufzuräumen… alleine.

Disney-X: The Next Generation

Früher war es ja eigentlich so, dass (meist um die Weihnachtszeit) ein Zeichentrickfilm von Disney in den deutschen Kinos startete und kleine Kinder mit ihren Eltern, große Brüder mit ihren kleinen Schwestern oder schrullige Onkel mit ihren verdrehten Neffen das mollig warme Winterkino aufsuchten, um die Abenteuer von Aladin, Arielle oder dem König der Löwen mitzuerleben. Nach und nach wurden aber Stift und Papier immer uninteressanter. Computer hinterließen ihre ersten Fußabdrücke im klassischen Genre – erst mit einigen kleineren Effektsequenzen (das erste Mal in „Aladin“ zu sehen), dann mit kompletten Animationsfilmen. Die ersten dieser vollständig am Computer entstandenen Werke („Toy Story“ ff.) waren eine Kollaboration von Disney und Pixar. Doch nachdem der Vertrag zwischen den beiden Gesellschaften ausgelaufen war, machte sich Pixar selbstständig und nutzte seinen guten Ruf um die eigene Erfolgsstory weiterzuschreiben. Mittlerweile sind es die Pixarfilme, die den Platz des alljährlichen Familienfilmhighlights eingenommen haben und es ist kein Ende in Sicht. Ein Vorwurf, der oft gemacht wurde (und auch gemacht werden kann) ist, dass die am Computer entstandenen Welten relativ kühl und synthetisch wirken. Ein Kritikpunkt, den Pixar mit ihrem neusten Werk „WALL-E“ gerne entkräften wollen und uns so mit einer der liebenswertesten Animationsfiguren aller Zeiten beglückt.

Der letzte räumt die Erde auf – die Story

Irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft sind die Menschen gezwungen die Erde zu verlassen, weil sie schlicht und ergreifend zugemüllt ist. Zurückgelassen werden Schwadronen von Reinigungsrobotern, deren Aufgabe es ist, Müll zu sammeln und ihn zu Würfeln zu pressen. Leider sind 800 Jahre später alle Roboter nach und nach kaputt gegangen und nur der kleine WALL-E (selbst kaum größer als ein Mülleimer) ist übrig geblieben. Sein einziger Freund ist eine Kakerlake, die sich ziemlich wie ein Hund verhält, und zusammen mit ihr geht WALL-E Tag ein, Tag aus auf Entdeckungstour um Würfel zu pressen und Andenken zu sammeln. Irgendwo in der langsam rostenden Hülle aus Blech hat der kleine Roboter jedoch Sehnsucht nach mehr Gesellschaft und mehr (*hust*) Liebe in seinem Leben. Seine Wünsche scheinen auf wunderbare Weise erfüllt zu werden, als die Drone EVE auf der Erde landet und den toten Planeten zu erforschen beginnt. Sofort verliebt sich WALL-E unsterblich in die mechanische Schönheit und für die beiden beginnt ein großes Abenteuer, sowohl auf der Erde, als auch im Weltraum.

Die Story ist (im Gegensatz zur spannenden Prämisse) sehr simpel, sehr voraussehbar und steckt voller moralischer Fingerzeige, die nichts erzählen, was man selbst nicht schon wüsste – aber es ist ja schließlich ein Film für die ganze Familie, wie die früheren Pixar Werke. Das wirklich Interessante ist die Liebe zum Detail und die Unmengen an kleinen Ideen, die sich am Rande der Reißbrettstory auftürmen. Vieles, was im Film passiert, bringt die Story nicht unbedingt voran, ist aber so kreativ und liebenswert, dass man WALL-E gerne auf Erkundungstouren beobachtet oder ihn bei seinen ersten Flirtversuchen begleitet.

Traditionsgemäß setzt Pixar vor jeden Langfilm noch einen Kurzfilm (der regelmäßig für einen Oscar nominiert wird) und auch diesmal können wir zuerst den Zauberer „Presto“ bestaunen, ehe wir uns in die Roboterwelt stürzen. Das Filmchen ist wie immer sowohl nett als auch pointiert und bietet mit seiner Machart und seinem Humor eine schöne Einstimmung auf das, was uns in „WALL-E“ erwartet. Im Gegensatz zu den letzten Filmen aus dem Hause Pixar sind wir diesmal nämlich mit relativ wortkargen Figuren konfrontiert. Der Spaß entsteht aus Situationskomik und Slapstickmomenten – …und im Endeffekt sagt ja auch ein Blick mehr als tausend Worte.

Das blecherne Herz aus Gold – Schauspiel und Technik

Es ist zwar etwas seltsam, bei einem Animationsfilm von „Schauspiel“ zu reden – wenn es aber jemals berechtigt war, dann bei „WALL-E“. Die Figuren in diesem Film vermitteln durch ihre Körpersprache und Mimik mehr Gefühl und Sympathie als so mancher überbezahlter Hollywoodschauspieler aus Fleisch und Blut. Die Grundlage dafür ist das charakteristische Design jedes einzelnen Protagonisten; sei es der quadratische, rostige WALL-E, mit seinen leicht verschobenen Augen, oder die kantenlose, auf Hochglanz polierte EVE mit ihrem LCD Gesicht. Sogar der (relativ dreist aus „2001 – Odyssee im Weltraum“ geklaute) Bordcomputer in seiner schlichten Form und mit Steuerradumrandung hat alle Möglichkeiten, die „Persönlichkeit“, die seine äußere Form bereits andeutet, auszuspielen. Dazu kommt ein nahezu perfektes Sounddesign, das all diesen Aspekten noch zusätzliche Tiefe verleiht – Detailverliebtheit wird hier in allen Belangen groß geschrieben. Etwas Stirnrunzeln verursacht der Fakt, dass eine Menge Dinge in der „WALL-E“-Welt scheinbar von Apple produziert wurden, denn immer wieder erinnern Designs und Soundeffekte an iPods, iBooks und Co. In der Zukunftsvision, die „WALL-E“ malt, scheint Apple also

tatsächlich Microsoft überwunden zu haben. Seltsames Statement. Zudem sind zum ersten Mal auch reale Menschen in einem Pixar-Film zu sehen – ein interessanter Schritt, der aber nicht wirklich weltbewegend und storytechnisch nicht sonderlich relevant ist. Aber eben auch nicht störend. Generell jedoch ist das Universum um WALL-E grandios in Szene gesetzt und von den poetischen Bildern der wolkenkratzerhohen Schrottberge über die schimmernden Nebel in den Tiefen des Alls bis hin zum wunderbar kreativen Abspann zeigt Pixar mal wieder allen Konkurrenten, wie State-of-the-Art-Animation aussieht – diesmal ohne eine Revolution einzuläuten, aber dennoch auch, ohne die geringste Schwäche zu zeigen.

Fazit

WALL-E ist ein leicht bekömmliches und rundum liebenswertes kleines Filmchen, das die Kleineren auf jeden Fall genießen werden und an dem sich auch Ältere nicht stoßen werden. Der leicht sarkastische Unterton, die vielen Bezüge auf Science-Fiction-Klassiker und das düstere aber nett verpackte Setting machen den Film sehenswert, wenn auch nicht zum Pflichtprogramm. Generell folgt der Film vielen altbewährten Kinder-/Familien-/Disney-/Animationsfilm-Formeln und man kann pauschal sagen: Wer Pixar-Filme mag, wird „WALL-E“ lieben. Alle anderen werden sich ein wenig verschaukelt fühlen.

C. Dobbitsch