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It's a Free World...
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It's a Free World...

er britische Regisseur Ken Loach ist in diesem Jahr 72 Jahre alt geworden, sein neuer Film sitzt aber trotzdem mal wieder direkt am Puls der Zeit. Besser: Er bohrt am Nerv; denn viel schöner als eine Visite beim Zahnarzt ist der Besuch von „It's a Free World...“ nun nicht.

Seit 40 Jahren Zahnbehandlungen

Schön ist sowas nicht – wohl aber notwendig. Seit 40 Jahren greift der Kommunist Loach beherzt an die Eier der Cineasthen und lässt erst wieder los, wenn sein muskulöser Griff blaue Flecken hinterlassen hat. Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität, Immigration, Geisteskrankheit, Drogenabhängigkeit – alles Themen, mit denen Loach das soziale Drama geprägt und die Öffentlichkeit für Belange der von der Gesellschaft Benachteiligten sensibilisiert hat. Nicht nur die Inhalte gehen aber dahin, wo es weh tut, sondern auch die Erzählweise eckt an. Wo man nach „Carla's Song“, „Land and Freedom“ oder der sechsten Episode aus „11'09"01 – September 11“ zwar ordentlich bewegt, aber doch immerhin mit einer relativ klaren Position versehen das Kino verlassen konnte, fühlt man sich nach dem Schluss von „It's a Free World...“ doch sehr, sehr allein gelassen; der Film hört eigentlich mitten in der Geschichte auf.

Die Story

Und die beginnt so: Angie kann in ihrem Job als Arbeitsvermittlerin zwar hervorragende Zahlen vorweisen, wird aber trotzdem entlassen. Ob das damit zusammen hängt, dass sich die attraktive und energiegeladene Frau in den frühen 30ern die sexuelle Belästigung ihres Chefs nicht gefallen lässt? Nach einer Reihe von frustrierenden Jobs hat sie auf jeden Fall keinen Bock mehr, sich von älteren Herren ausnutzen zu lassen und gründet mit ihrer Mitbewohnerin Rose eine eigene Agentur. Viel mehr als ihre Erfahrung, ein Motorrad zum Werben von Kunden und einen Hinterhof, um die Arbeitssuchenden zu sortieren, brauchen die beiden nicht.

Hier kippt aber langsam die Sympathie des Zuschauers; wo zunächst die alleinerziehende Mutter Angie als Arbeitnehmerin im Mittelpunkt stand, sind es jetzt meist osteuropäische Einwandererfamilien, denen schlechte Behandlung widerfährt. Der Leistungsdruck führt Angie zu immer riskanteren Aktionen: Erst unterschlägt sie Steuern, dann versorgt sie auch noch illegale Immigranten mit falschen Pässen. Einerseits hilft sie einer Familie aus dem Iran, die in ihrer Heimat politischen Gründen verfolgt wird und deren Asylgesuch in England abgelehnt wurde. Andererseits will sie auch um jeden Preis ihre Firma über Wasser halten und schreckt auch nicht davor zurück, Menschen aus ihrer Heimat nach Groß-Britannien zu locken, um sie dort auf engstem Raum einzuquartieren und mit unwürdigen Löhnen abzuspeisen. Von Versicherungen gegen Arbeitsunfälle und ähnliche Grundrechte ist sowieso keine Rede – zu kostbar ist das Gut Arbeit, als dass Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen gestellt werden könnten. Das fängt noch lustig an, als Angie den Van, der die Männer morgens zum Bau bringt, mit offen-gebliebener Hecktür losschickt – die Tür geht nicht zu, weil die Typen zu fett sind – und endet damit, dass sie eine ganze Reihe von illegalen Immigranten an die Einwanderungsbehörde verrät, um Platz für neue billige Arbeitskräfte zu haben.
Angie ist ein komplexer Charakter, der durch eine angedeutete Liebesgeschichte noch erweitert wird. Im permanenten Leistungsdruck ist es für sie selbstverständlich, die eigene Karriere über alles andere zu stellen. Ihren Sohn lässt sie bei ihren Eltern um 15 Stunden am Tag schuften zu können. Da bleibt kein Platz mehr für ein Gewissen. Die Frau ist nicht das eigentliche Problem, ihr Beruf ist es. Oder besser: Der Markt, in dem solche Agenturen gewinnträchtig sind. Und das Land, in dem Politiker solche Methoden der Vermittlung von Billigarbeit dulden.

Loach manipuliert geschickt die Sympathien der Zuschauer

Der Zuschauer weiß am Ende gar nicht mehr, wem er seine Sympathien geben soll: Der skrupellosen Angie oder den verzweifelten Männern, die sie bedrohen, nachdem sie für drei Wochen Arbeit am Bau nicht bezahlt wurden. In solche Situationen gerät man schon mal, wenn ein Filmemacher die bravouröse Aufgabe meistert, mehrere Seiten zu Wort kommen zu lassen. Das gelingt Loach mit „It's a Free World...“ zumindest für zwei Parteien, die auch eins gemeinsam haben: Beide kochen reichlich Wut auf die jeweils höhere Chefetage an. Die miese Situation der Arbeitssuchenden erzeugt berechtigten Zorn auf Angie, deren Behandlung von den Chauvinisten weiter oben ist allerdings auch recht harte Kost. Es bleibt eine Welt voller Verlierer, deren Verzweiflung sie zu immer skrupelloseren Taten schreiten lässt. Einig zeigt sich Loach dagegen mit formalen Konventionen: Keine Experimente in Schnitt und Kameraführung, dazu ruhige, lyrische Musik.

Ganz so schlimm ist der Besuch beim Zahnarzt nicht. Er schärft den Blick auf das eigene Gewissen – wie wichtig ist mir meine Karriere? – und sensibilisiert für die Belange der Niedriglohnjobber. Ein gutes Anliegen, gut umgesetzt. Da freue ich mich auch auf den nächsten Loach-Film.

K. Haller