ach dem Konzert ist vor dem Konzert. Blödsinn. Das gilt weder für den Zuschauer, den die Band Naked Lunch nach dem Konzert im Hamburger Molotow gleichermaßen paralysiert wie begeistert zurück lässt. Noch gilt das für Sänger Oliver Welter, der von dem do-it-yourself Abbauen der Technik im Speziellen und zwei Wochen Tourleben im Allgemeinen gezeichnet ist. Müde setzt er sich mit zwei Bierflaschen in der Hand neben mich und widersteht sogar noch der Versuchung, mein anhimmelnd-verschüchtertes Wesen auf den Arm zu nehmen. Keine Ahnung, wie er das immer wieder durchsteht - denn nach so einem Konzert (vgl. den Konzertbericht von J. Ertelt (http://magagin.de/articles_99.html)) werden auch viele Journalistenkollegen erstmal ins Stottern geraten.
Magagin: Wie war denn das, eure letzte Platte “This Atom Heart Of Ours” zu machen, “Songs For The Exhausted” ist ja unter ganz anderen Bedingungen entstanden. Ich hab das Gefühl, dass davor eine Zäsur in eurer Biografie war. Es fühlt sich ja auch so an, als hättet ihr mit “Songs For The Exhausted” eine Plattform erklommen und konntet jetzt ganz befreit “This Atom Heart Of Ours” machen.
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Oliver Welter: Ja, das ist schon richtig. Also eine Zäsur hats geben müssen, jemand hat mal gemeint “Naked Lunch mussten sich irgendwann mal dekonstruieren” und das mussten wir wohl. Seitdem, seit “Songs For The Exhausted”, liegt es an uns wohin wir gehen, ob wir ne vermeintliche Pop-Platte machen so wie jetzt oder ob wir ein Elektronik-Instrumental-Album machen - es erscheint alles richtig. Es ist halt so, dass wir mit der Musik seit der “Songs For The Exhausted” einfach nur noch ein Abbild unserer Befindlichkeiten dokumentieren wollen. Also eher fotografisch arbeiten: So ist der Zustand und den versuchen wir musikalisch umzusetzen. Und deswegen ist jetzt “This Atom Heart” auch ne andere Platte geworden - logischerweise, weil halt viel passiert ist, was uns zu anderen Menschen gemacht hat.
Magagin: Kannst du dir denn schon vorstellen wie es dann weitergeht?
Oliver Welter: Keine Ahnung. weil wir auch in unserem Bandkontext ganz anders arbeiten, ist das ein offenes Feld - das macht es auch so spannend und toll. Wir proben NIE bevor wir ins Studio gehen; das gibt einen nackten Song.
Magagin: Ok. Also ich weiß nicht, ob ihr das nicht vielleicht schon ein bisschen leid seid, aber in den Rezensionen werdet ihr ja gerne mit The Notwist verglichen. Ich persönlich finde es einfach auffällig wie ihr euch in dieser Zäsur ähnelt - die kommen ja auch mehr aus der gitarrenlastigen Musik und haben dann später mit der Elektronik angefangen. Seit ihr die Vergleiche denn leid oder sind die euch gar nicht so aufgefallen bisher?
Oliver Welter: Bei der “Songs For The Exhausted” ist es mir aufgefallen und da waren sie auch berechtigt, das muss ich sagen. Aber jetzt... Notwist würden niemals einen Song machen wie “Military Of The Heart”...
Magagin: (lacht) Ja, das ist richtig.
Oliver Welter: Das ist eine Form der Offensive, die The Notwist nicht bringen. Also im Fußball wären die eher eine defensive Mannschaft, die taktisch sehr gut ist und sehr gut plant. Unser Begehr war es offensiver zu arbeiten - bei manchen Stücken, bei anderen auch wieder nicht. Aber ich kann noch mal dazu sagen: Die Vergleiche haben sich zwar in der Rezeption auch sehr erübrigt mittlerweile, aber es gibt ja auch echt schlechtere Bands mit denen man verglichen werden kann. Also insofern ist es ja nicht so tragisch (lacht).
Magagin: Also Olaf Opal (Produzent von The Notwist, Anm. des Autors) hat dann auch wirklich weniger gemacht beim neuen Album?
Oliver Welter: Im Endeffekt hat er bei drei Stücken gearbeitet. Also gearbeitet... Das ist auch wieder was anderes, weil Olaf Opal so nen Freifahrtsschein hat. Das muss man sich so vorstellen: Das ist ein Typ der einfach mal reinkommt, auch einfach mal ne Woche bei uns abhängt - und wir nehmen in der Woche vielleicht gar nichts auf, sondern wir sprechen nur über Musik. Und da hat er dann eher einen mediativen Input, der sagt halt: Ihr habt jetzt die Nummer so und so weit getrieben, von dem was sie transportieren soll ist da nichts mehr übrig - oder sie halt geht in die richtige Richtung.
Magagin: Ihr habt ja ein eigenes Studio, im Keller oder so?
Oliver Welter: “Keller” ist ein bisschen übertrieben, das ist ne riesengroße Loft, mittlerweile... Wir haben ein Atelier gemeinsam mit bildenden Künstlern und Leuten, die da in anderen Bereichen der Kunst arbeiten. Insgesamt gesehen sind das 260 qm für sechs, sieben Leute.
Magagin: Das ist ja spannend, gibt es denn auch Wechselwirkungen mit den anderen Künstlern?
Oliver Welter: Klar, deswegen haben wir es ja auch gemacht. Das ist natürlich spannend da einfach mal rauszugehen und dann den Maler zu sehen wie er sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Magagin: Okay. Ich hab gerade ein Interview gelesen mit Nick Cave und Grinderman, wo es darum geht, dass man älter wird, auch ein bisschen ruhiger - bzw. er besinnt sich ja sozusagen wieder auf seine Wurzeln. Wie ist das, wenn man eigentlich Rockmusik macht, aber es eben nicht mehr so wie früher ist; wenn Familie dazu kommt und man die klassischen Rock’n’Roll-Exzesse gar nicht mehr macht... Wie fühlt sich das an?
Zitat:
Oliver Welter: Das fühlt sich super an. Aber: Das eine ist nicht besser als das andere, sondern eben nur anders. Mittlerweile ist “Rock” für uns so ein Wort geworden, das wir auch als Feindbild hernehmen. Also wenn wir “rocken”, dann versuchen wir sämtliche Plattitüden zu vermeiden. Das ist auch beim Studioprozess so - sobald das einfach nur so straighter Rock ist, klingeln bei uns die Alarmglocken. Aber nur deshalb, weil wir glauben, dass dieses Feld total abgegrast ist und ich auch mit vielen dieser Revival-Bands nur ganz wenig anfangen kann, weil ich nicht verstehe, dass man sich im Jahr 2007 zu 100% auf Bands berufen muss, die vor 25 Jahren das gleiche gemacht haben. Wenn man das als Einfluss nimmt und daraus was macht geht das in Ordnung. Aber da kommt von jungen Menschen eine Reproduktion dessen, was mal ihre Väter gemacht haben - das finde ich einfach erbärmlich. Da läuft ja irgendwas falsch, und das versuchen wir halt zu vermeiden, auch weil jetzt ständig diese Klischees bemüht werden. Rock funktioniert mit breitbeiniger Beinhaltung, mit schwingenden Gitarren, mit anschließend 20 Bier saufen und sich dann Koks reinziehen, ich weiß nicht was noch für einen Schwachsinn.
Magagin: Geht es euch denn auch um die Show oder einfach nur um das, was ihr machen wollt? Ich meine ist es euch egal, was die Zuschauer von euch denken?
Oliver Welter: Eigentlich ist es zweitrangig. Also die Erwartungshaltung muss man echt mal wegschrauben - wir spielen auf einem Riesengefälle von 1200 Leuten in Wien bis heute 100 oder so. Wie viele da sind ist natürlich nicht Wurst, es ist schöner wenn mehr da sind, aber es muss egal sein. Im Endeffekt muss es einfach der Band behagen, das ist immer das wichtigste. Nur dann kann es nach außen gehen, das spürt das Publikum dann auch.
Magagin: Es gibt ja auch viele Musiker die sagen, die Musik sei am Ende. Sting zum Beispiel, der diese 500 Jahre alte Lautenmusik macht...
Oliver Welter: Sting? Der ist ja auch ein Trottel.
Magagin: (lacht) Das glaube ich gern, aber Bob Dylan sagt das ja auch...
Oliver Welter: Bob Dylan ist auch ein Trottel geworden, leider. Klar kann man das so sagen, wie ein befreundeter Journalist von mir, der sagt zum Beispiel “Die Messen sind gesungen, im Prinzip ist alles gesagt.” Aber ich glaube das halt nicht, ich mein’ es gibt immer noch soviel spannende Musik... Die Messen können noch nicht gesungen sein, weil sich eben auch die Zeiten verändern. Was eben vor 25 Jahren eine Aussage hatte, kann 2007 nicht die gleiche Aussage haben, das geht nicht, sonst würden wir uns ja immer im Kreis drehen. Aber es gibt eben gerade - für mich persönlich - in der Schnittmenge zwischen elektronischer Musik und Rockmusik, oder auch in der Schnittmenge zwischen “schwarzer” und “weißer” Musik extrem Spannendes. Zum Beispiel TV On The Radio, weil sie für mich jetzt genau in diesem Parameter einhaken und dort Fuß fassen, wo noch nie einer war. Da muss man jetzt nicht so anachronistisch werden wie Nick Cave oder so - wobei ich Grinderman gut finde - und sagen: So jetzt ist alles gesagt, ich geh zurück zu meinen Wurzeln. Ich weiß es nicht. Der braucht das wahrscheinlich alles, einfach mal wieder an die Gitarre gehen und so.
Magagin: Ist ja eigentlich auch ein logischer Gedanke. Man macht ja Musik nicht nur für andere, sondern auch ein ganzes Stück weit für sich selbst.
Oliver Welter: Eigentlich sollte das die Hauptmotivation sein. Grundsätzlich - da ist es egal ob es sich um ne Proberaumband handelt, die noch nie live gespielt hat oder ob es um Metallica geht - grundsätzlich muss die Erwartungshaltung erstmal sein: Wir machen Musik für uns. Nur für uns. Ob es draußen gut rezipiert wird oder nicht, ob es viele Leute gut finden werden oder nicht, das kann man eh schwer beeinflussen. Außer wenn man jetzt wirklich auf den Mainstream schielt. Das gilt übrigens für viele Bereiche. (lacht) Nicht nur für die Musik.
Magagin: Hättest du nicht vielleicht Lust eine kleine Anekdote zu erzählen - ich find eure Ansagen auf der Bühne, wenn ich das mal als Feedback geben darf, einfach super.
Oliver Welter: Ich schreib mir die Ansagen immer vorher auf und dann lern ich sie auswendig.
Magagin: Nicht ernst, oder?
Oliver Welter: Du kannst mir jetzt glauben oder nicht.
Magagin: (lacht)
Oliver Welter: Nee, natürlich nicht. Aber es gibt solche Bands, hab ich auch schon getroffen. Die sagen dann wirklich: Der Sänger erzählt Anekdote A zwischen Stück drei und vier und das wird ne halbe Minute dauern, dann machen wir zwei Stücke hintereinander, dann sagt der Sänger wieder was an und so weiter.
Magagin: Was hältst du dann von solchen Kollegen?
Oliver Welter: Wenig. Also wenn jetzt dann trotzdem die großartigste Musik rauskommen würde, dann wärs mir ja egal, aber meistens spiegelt die Musik dann ja auch genau so etwas wieder... Programmatische Menschen, die halt so ein Konzert als Vollblut-Veranstaltung betrachten, die durchchoreographiert ist bis zum Letzten.
Magagin: Baut ihr eigentlich auch Stellen in die Lieder ein, wo man vereinbart, komplett offen zu lassen was da kommt, um so ne Art Jam- oder Impro-Atmosphäre reinzukriegen? Für mich seid ihr schon in diesem Pop-Musik-Genre und Pop ist für mich immer so etwas kerniges und durchgestyltes, aber trotzdem ist es bei euch auch so lebendig.
Oliver Welter: Ja, wir versuchen diesen Freiraum zu schaffen, aber innerhalb der Strukturen ist das immer ein bisschen schwierig. Es gibt Stücke die laufen halt mit einem durchgehenden Elektro-Beat, die sind bis auf freie Enden oder so total durchstrukturiert, da kommst du nicht weg. Und dann versuchen wir andere Stücke zu machen, total offen, was da passiert weiß man nie und das wollen wir uns halt bewahren, das macht sehr viel Spaß. Es kann aber auch total viel Spaß machen mit diesen mathematischen Strukturen zu arbeiten, weil es so konzentriert ist. Wir könnten uns momentan nicht vorstellen, nur das eine oder das andere zu machen, es funktioniert halt ganz gut so. Aber auch nicht ganz frei - also wenn du in der Popmusik ganz, ganz, ganz frei bist, dann bist du meistens hippiesk. Und das mögen wir dann nicht so.
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Magagin: Ja (lacht), kann ich verstehen. Wie ist es denn nun mit einer Anekdote, ihr seit ja schon seit zwei Wochen auf Tour...
Oliver Welter: Nee, bei uns passiert nie was Witziges. Immer alles nur traurig. Nee! Ich weiß jetzt nichts, so explizit, genau das ist der Punkt, wenn du mich jetzt fragst wüsst’ ich nichts.
Magagin: Das ist auch ne spannende Erkenntnis.
Oliver Welter: Ich kann jetzt gar nicht anekdotisch werden oder so. Kann ich gar nicht. Es bleibt jetzt auch nicht viel hängen, es kommen ja jeden Tag viele tausend Eindrücke auf uns zu. Ich kann dann nur sagen, dass es momentan extrem viel Spaß macht. Es ist kaum berechenbar: In Wien kommen 1200 Leute und dann spielst du hier in dem Laden, was aber auch gut ist...
Magagin: Ja, das finde ich auch. Als Zuschauer ist es immer eine ganz besondere Atmosphäre so etwas wie hier und heute mitzukriegen - das ist einfach unvergesslich. Ich finds wichtig auch mal so etwas dabei zu haben. 1000 Leute sind auch gut, klar - aber ist halt mal was anderes wenn man die Leute überschauen kann.
Oliver Welter: Ja... Für die Brieftasche ist besser 1000 Leute, aber egal.
Magagin: (lacht) Ja, das stimmt auch wieder. Aber ihr seid doch ziemlich sicher mit eurer Existenz, also auch mit dieser Zäsur... Ich hatte das Gefühl, dass vor “Songs For The Exhausted” alles unklar war, dann kam das Album, kam gut an und verkaufte sich auch anständig. Ich finde man hört den neuen Sachen diese Entspannung an, das hast du ja auch gesagt, man kann alles machen, sich auf alles einlassen - diese Entspannung habt ihr schon, oder?
Oliver Welter: Die Entspannung haben wir. Und der Punkt ist: Über die guten Rezeptionen im Feuilleton kommen plötzlich andere Sachen an, die das Leben existenziell und auch als Künstler erleichtern. Wir haben immer wieder Aufträge wie Film, Theater und so weiter. Das macht erstens mal total Spaß und zweitens bringts auch einfach Kohle. Die wollen dann auch nicht, dass du dich verbiegst, “mach jetzt mal Musik für nen Hollywood-Film und kling auch so”, sondern “mach genau das, was du eh kannst”. Und das ist halt toll. Also du kannst im Prinzip genau das sein, was du eh bist. Und da kann man ja überhaupt nicht klagen.
Schlagzeuger: Hier, wir fahren jetzt den Bus weg und gehen dann noch ein Bier trinken in irgendeiner Kneipe. Komm doch mit, wenn du auch ein Bier trinken magst oder was.
Oliver Welter: (zynisch) Nee, ich mag gern nen Pfefferminztee trinken allein zuhause und ein schönes Buch lesen.
Schlagzeuger: Mir stellen jetzt auf jeden Fall den Bus weg.
Und während Oliver Welter & Co. verschwinden, setzt sich auch der Magagin-Tross in Bewegung, um sich in einer Tankstelle an der Reeperbahn Bieren für den Heimweg einzudecken. Darüber denke ich erst jetzt im Nachhinein nach, aber diese Leichtigkeit, die sollte man sich solange es geht bewahren. Wenn sie erstmal weg ist, muss man sie vielleicht mühsam wieder entdecken.









