as Ekkofest (31.08. - 01.09.2007) ist ein “Electronic Music & Arts Festival” in Bergen an der Westküste Norwegens. Das zweitägige Programm wird in der Kunsthalle der Stadt absolviert und umfasste dieses Jahr vor allem Electro- und Discopunk-Acts aus Skandinavien, aber auch ein paar Perlen aus der Rest-Welt wurden eingeladen. Mit 460 Kronen (umgerechnet ca. 61 €) ist der Eintrittspreis machbar und für norwegische Verhältnisse sogar absolut in Ordnung. Hier mein Bericht vom Freitag.
Schon als ich den Konzertraum betrete, richtet sich das Festival einen gemütlichen Platz in meinem Herzen ein. Auf der von drei Seiten einsehbaren Bühne, die - ungewöhnlich! - an der Längsseite des Raumes aufgebaut ist, befinden sich vier Musiker, die gerade eine wilde Schlacht des Lärms austragen und dabei eine ungeheure physische Präsenz zeigen. Da ist ein Schlagzeuger, der mal mit verzerrtem Gesicht die Geräusche seiner Kollegen aushält und dann wieder selbst mittut, je nach Stimmung filigran, leicht und akzentuiert oder laut und wild polternd; immer aber dem Sammelsurium an Schlaginstrumenten alles abverlangend. Da ist der Pianist in der als geschlossenes Karo formierten Aufstellung, der auf seinem Hocker unruhig auf- und abhüpfend quasi mit seinem ganzen Körper in die Tasten einzusteigen scheint und mit Stage-Piano wie Synthesizer wahnsinnigen Krach machen oder improvisierte Melodien spielen kann. Komplettiert werden Puma - so heißt das Improvisations-Noise-Trio - durch den Gitarristen, der sowohl durch die wild abstehenden, blonden Haare als auch durch viel Raum einnehmenden und mit verzerrter Mimik ausgeführten Gesten auffällt. Sein Output fließt durch eine ganze Fabrik an Verzerrern und anderen Effektgeräten und gerne bemüht er sich an den Gitarrenverstärker, um sein Signal durch helle Feedback-Klänge anzureichern. Dann ist da noch DJ Lasse Marhaug - noch der Ruhigste im Bunde, weil er sitzt, eine Cappy trägt und in erster Linie den Arm des Plattenspielers kratzend über die farbigen Vinyl-Scheiben bewegt. Unheimlich wird dieser Musikant, wenn er mit einem Messer als Musikinstrument in die Platte sticht und dreht oder anderweitig durch Klopfen, Kratzen und Schaben Geräusche erzeugt.
(Puma bei MySpace (http://www.myspace.com/pumapumapuma))
Das Festival stellt sich mir vor als Kunst, denn diese Musik kann kaum unterhalten. Hier werden Grenzen ausgelotet, was die Aufführung für den Zuschauer vor allem durch den Happening-Charakter interessant macht. Mir fällt es schwer, mich auf dieses Inferno einzulassen, alles andere um mich zu vergessen und den Körper quasi Teil der sowieso alles einnehmenden Schallwellen werden zu lassen. Ist man dann erstmal soweit, ist es großartig - wenn auch nachher ein kleiner Mann im Ohr das in den Dienst der Kunst gestellte Gewissen lautstark bemüht. Aber mit Gehörschutz wäre es doch nur der halbe Spaß gewesen.
Ärgerlich dann, dass auch durch eigene Unachtsamkeit, aber vor allem durch die nicht besonders praktische Informationspolitik des Festivals der Auftritt von Svarte Greiner verpasst wurde und statt dessen schon Me At Sea im zweiten Konzertraum die Schlagzeugsticks über den E-Drums schwingt. - Einerseits überzeugt das Design von Programm und Ankündigungen absolut - allerdings ist letzteres äußerst unpraktisch: Das auch auf der Webseite eingesetzte Layout bekommt man im Großformat, muss es falten und kann den extra klein gedruckten Zeitplan in der Ecke so gut wie gar nicht lesen. Der Norweger Isak Strand aka Me At Sea leistet aber auch feine Klänge - ein echtes One-Man-Projekt, das sich in seinem “Solipsismus”, wenn man den kleinen, glatzköpfigen Mann dann später auch im Flur seine CDs feilbieten sieht, wohl nicht nur auf dem musikalischen Bereich beschränkt. Das Publikum nimmt die perkussive Performance, die durch simple, aber effektvolle Glockenmelodien unterstützt wird jedenfalls sehr wohlwollend an.
(Svarte Greiner bei MySpace (http://www.myspace.com/svartegreiner))
(Me At Sea bei Myspace (http://www.myspace.com/meatsea))
Ich aber warte hier nicht das Ende der Show ab, weil sich im größeren Raum die Band Kommode um den Kings Of Convenience-Sänger Eirik Glambæk Bøe angekündigt hat und auch bereits ihre sanften, discofreundlichen New Wave-Songs darbietet. Gerne mit zweistimmigem Gesang, wie man ihn aus besten Kings-Zeiten kennt, laden die fünf Jungs zum leichten Mitschwingen ein und könnten für mein Gefühl noch stundenlang spielen. Der Kommode-Schlagzeuger aber scheint einen schlechten Tag erwischt zu haben oder am Aufbau stimmt etwas nicht oder er kann es einfach nicht besser - die Beats laufen nicht besonders rund.
(Kommode bei MySpace (http://www.myspace.com/kommode))
Erstes Fazit: Hier ist jeder gleich
Nach den ersten Eindrücken ist nun einmal Zeit, zwei besondere Aspekte dieses Festivals anzusprechen, die mich aufmerken ließen. Erstens ist die ganze Geschichte wahnsinnig Independent. Der Begriff lässt sich natürlich unterschiedlich definieren, soll hier bezeichnend für eine Art Bewusstsein gebraucht werden, das den Musikern innewohnt. Da müssen die Musiker sich den Weg in den Backstage-Raum durch das Publikum bahnen. Dann stehen sie auf der Bühne, die nach drei Seiten hin offen ist und sind somit generell einer höheren Partizipation durch das Publikum ausgesetzt. Geboten werden da keine druchgestylten Pop-Shows, sondern man verhunzt die Songenden manchmal anscheinend sogar bewusst; man einigt sich eben nicht auf den finalen Akkord, mit dem der Gitarrist vom Schlagzeugpodest jumpt, der Bassmann sein Instrument brutal nach hinten reißt und der Drummer Anlass zum krachenden Wirbel findet, sondern lässt es irgendwie unprofessionell zu Ende gehen. Damit geht auch der zweite Punkt einher: Vor und nach dem Set halten sich fast alle Musiker permanent im Zuschauerbereich auf. Quasi omnipräsent ist der andere Kings-Kopf Erlend Øye, dem man beim ulkigen Spaß wie beim gelangweilten Sitz-Zuschauen wie beim relaxten Mittanzen begegnen kann. Ergo: Hier gibt es kaum Grenzen zwischen Musiker und Zuschauer, die hohen Mauern zwischen Bühne und Auditorium sind hier bis auf den letzten Stein eingerissen worden und das Autogramm wird so sinnlos wie ein ausgetrunkener Einwegbecher. Gefühlt die Hälfte der Besucher in der engen Lokalität stehen an einem der beiden Tage auch auf der Bühne.
Nach einem kurzen Besuch beim norwegischen Elektro-Pop-Duo The Work, das bezeichnend steht für die moderne Pop-Adaption von Italo-Disco, dabei aber etwas müde, unsicher und verstaubt wirkt, geht es auf der Hauptbühne weiter mit einer Sensation. Denn aus dem großen London haben die Veranstalter eine Girl-Group aufgetan, die die Zuschauer vor allem über ihr Alter rätseln lässt. The Duloks sind drei Gören, vielleicht 15 Jahre alt und für mich eine der Entdeckungen des Abends. Astreiner Casiotone, also einfachste Akkorde mit billigen Synthies, “fundiert” vom schrottig-wackligem Elektro-Schlagzeug. Technisch gesehen ist das Abfall - umso bemerkenswerter ist dann natürlich, wie Sängerin Mira das Publikum in ihren Bann zieht. Das ist ein kleiner, weiblicher Eddie Argos, der da als Lolitaverschnitt affenartig über die Bühne rast. Kürzer als kurze Songs mit einfachen, aber prägnanten Aussagen (z.B. “You’re a bad vegetarian”), vorgetragen mit aller Hingabe, der ein menschliches Wesen fähig sein kann. Dazwischen Anekdoten, Gespräche mit dem Publikum, etc. - The Duloks sind so schlagfertig, dass ich aus dem Dauergrinsen gar nicht mehr herauskomme.
(The Work bei MySpace (http://www.myspace.com/wearethework))
(The Duloks bei MySpace (http://www.myspace.com/theduloks))
Ich kann es nur ausdrücklich empfehlen: Wenn die drei Mädels mal bei euch in der Nähe zu Gast sind: Hingehen! Das gilt genauso für Konzerte der drei Italiener, die unter dem Namen Disco Drive firmieren. Eine so plausible wie mitreissende Show bester Tanz- und Schwitzmusik! Ob nun der Bassist mit kreischender Stimme singt oder der Gitarrist und (zweiter) Schlagzeuger, der seine Stimme auch gerne mal mit der Gitarre abnimmt und dann im Delay forthallen lässt - es kracht herrlich und alles hüpft, auch das Herz. Damit ist der Abend für mich auch beendet - soviel gesehen und gehört, immer von einem Raum in den anderen gehetzt, ein wenig getanzt - das kostet Energie. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag und die Zusammenfassung kann dann im zweiten Teil des Berichts nachgelesen werden.
(Disco Drive bei MySpace (http://www.myspace.com/discodrivepunk))
Schaut euch für mehr Infos die Myspace-Seite vom Ekkofest (http://www.myspace.com/ekkofest) an oder - in norwegischer Sprache - die offizielle Seite (http://www.ekkofest.no).











