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Berichte aus Bergen: Samstags beim Ekkofest
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Berichte aus Bergen: Samstags beim Ekkofest

as Ekkofest ist ein “Electronic Music & Arts Festival” in Bergen an der Westküste Norwegens. Das zweitägige Programm wird in der Kunsthalle der Stadt absolviert und umfasste dieses Jahr vor allem Electro- und Discopunk-Acts aus Skandinavien; aber auch ein paar Perlen aus der weiten Welt wurden eingeladen. Mit 460 Kronen (umgerechnet ca. 61 €) ist der Eintrittspreis machbar und für norwegische Verhältnisse sogar absolut in Ordnung. Hier fahre ich fort mit den Erlebnissem vom Samstag, den Bericht vom Freitag findet ihr hier (http://magagin.de/articles_135.html).

Mit dem Vorsatz, heute etwas länger zu bleiben, betrete ich die Festivallokalität diesmal erst später und verpasse dadurch Annies DJ-Set, was mir jetzt aber im Nachhinein auch nicht geschadet hat. Zunächst spielen die Rubies im großen Saal - der einzige amerikanische Act in diesem Jahr und ein Beweis mehr dafür, dass es viele gute Frauenbands auf der Welt gibt. Bei Veranstaltungen in der Heimat muss man doch zwangsläufig an dieser Tatsache zweifeln, weil die Festivals - auch wenn sie noch so Indie sind - meistens arg von Männern dominiert werden. Die Rubies nun kommen allerdings auch nicht ohne ihren - dafür aber langhaarigen - Schlagzeuger als Hahn im Korb aus. Sie machen einen ausgezeichneten Job und bieten gefühlvolle und tanzbare Musik aus der Rock/Disco-Ecke, manchmal auch mit wunderbarem Satzgesang, quietschenden Synthie-Soli und spontanen Duetten (mit Eirik Glambæk Bøe), immer aber mit funkenden Basslines.
(Annie bei MySpace (http://www.myspace.com/anniemusic))
(Rubies bei MySpace (http://www.myspace.com/rubies))
Them Shepherds: Diabolische Muntermacher

So finde ich mich gleich wieder wunderbar in das Musikfest ein und trete mutig in den Raum “No.5”, wo Them Shepherds aus Finnland angekündigt sind. Da stehen dann zwei unheimlich anzusehende, wahnsinnig kompakt-kräftige Männer mit Bärten, Tattoos und allem drum und dran und powern basslastig verzerrte Beats aus den Boxen, begleitet von Distortion-Gitarre, merkwürdig konventionellem Gesang und fiependen Synthie-Lines. Ich traue mich kaum, ein Foto zu machen, fürchte um mein Körper- und Seelenheil in diesem dampfigen Raum des Bösen. Eine runde, natürlich auch trotzdem sympathische und gut sitzende Show bieten die Beiden, die ich aber dann auch nicht bis zum Ende durchstehen mag.
(Them Shepherds bei MySpace (http://www.myspace.com/themshepherds))
Back im Hauptraum spielen dann ja auch schon Sissy Wish Bizarre, die wieder mal tanzbaren Pop zum Besten geben. Der Gesang Sissy Wåhlbergs ist allerdings sicher nicht jedermanns Sache, ihre Haltung (durch nach vorne gerecktem Kopf einer Schildkröte nicht unähnlich) auch ganz bestimmt nicht von Gesangslehrern empfohlen. Viele Verspieler sind auch dabei - trotzdem jagt mir der eine oder andere schöne Schauer über den Rücken.
(Sissy Wish bei MySpace (http://www.myspace.com/sissywish))

Danach können weder Skatebård (sogenannter “Emo-Techno” von zwei Jungs und einem etwas älteren Herren mit Halbglatzenansatz) noch Familjen (schwedischer Big-Beat eines mehr feiernden als präzise musizierenden Trios) begeistern und somit ist eine Pause mit Bier für 6,50 € angesagt. Mittlerweile ist die Lust auf elektronische Musik in mir ziemlich abgeflaut - das Rezept vorproduzierte Beats mit stark behalltem Gesang zu versehen fühlt sich abgegriffen an. Es fällt dann - auch wenn ich an meine bisherigen Konzerterlebnisse auf norwegischem Boden denke - auf, dass man hier die Show gerne mal deutlich vor das Musizieren rückt. Party wird wichtiger als Präzision und es entstehen Bühnenhengste, die zwar eigene, aber doch geregelte und relativ schnell durchschaubare Posen, Gesten und Klischees entwickeln.
(Skatebård bei MySpace (http://www.myspace.com/skatebaard))
(Familjen bei MySpace (http://www.myspace.com/familjen))

Das wird dann vom Slagsmållsklubben endgültig auf die Spitze getrieben und irgendwie auch schon wieder dekonstruiert. Denn die sechs Jungs - das sind wirklich Jungs, also altersmäßig - haben ihre Synthies samt Gerätschaften nebeneinander aufgestellt, so dass sie alle schön das Publikum im Blick haben, sich gegenseitig aber nicht so gut verständigen können. Diese Art des Frontalunterrichts wird aber dadurch gebrochen, dass der Club ständig - auch während der Songs - die Klaviaturen und Manuale wechselt, sich einer mal ein Mikro schnappt und damit Geräusche produziert und der nächste plötzlich von irgendwo her zwei Sticks nimmt und mittrommelt. Dabei entsteht eine vielschichtige, schnelle und unheimlich dichte Synthie-Mucke, gefüttert mit klaren Drum-Loops, die den Saal endgültig zum Kochen und die Leute zum Springen bringt. Es ist einfach kaum zu glauben, wie diese Kids das regeln: Einer mit Nerdbrille, Cappy und BlingBling-Kette feuert die Leute mit ausgestreckten Armen an, der nächste, mit angeklatschter Emo-Frisur, klimpert auf dem Synthesizer rum, daneben quietscht der Inbegriff eines Jurastudenten auf einem mir nicht bekannten und umso spektakuläreren Instrument Sinustöne im Takt - und diese Reihe ließe sich noch fortsetzen. Am Ende der Show wird dann das Metronom so hoch gesetzt wie es nur geht, das Strobokob blitzt den Zuschauer in den Wahnsinn (haben diese Dinger nicht gesetzlich geregelte Maximaleinsatzzeiten? - fordere ich hiermit!) und wahnsinnig überfröhliche Melodien stapeln sich und jagen durch den Raum. Ein echtes Erlebnis, soviel steht schon mal fest. Ob man es positiv oder negativ in Erinnerung behält, muss dann selbst entschieden werden - ein Kunstwerk ist es allemal.
(Slagsmållsklubben bei MySpace (http://www.myspace.com/slagsmalsklubben))

Doch es tut ganz gut, dass Erlend Øye danach mit einem Schuss “sophisticatedness” auflegt. Ich finds ein bisschen schade, dass der Gute hier so als Lückenfüller missbraucht wird, denn nur eine knappe halbe Stunde darf er die Platten auf dem Podest über der Eingangstür schwingen. Das tut er - wie spätestens seit seiner DJ Kicks-Compilation allseits bekannt - mit Hingabe und dem Einsatz des Mikrofons. Das ist auch gut so, denn noch bekannter ist der Mann ja für seine wunderbaren Vokalleistungen nicht nur bei den Kings Of Convenience, sondern auch The Whitest Boy Alive und als Gastsänger für Röyksopp, Marco Passarani und Cornelius. So richtig warm wird er in der kurzen Zeit aber nicht.
(Erlend Øye bei MySpace (http://www.myspace.com/erlendoyeplease))

Eigentlich hatte ich mich sehr gefreut auf den nachfolgenden Act, die finnischen Op:l Bastards. Allerdings wird hier der bis dahin gute Eindruck widerlegt, den ich von den Leuten hinterm Mischpult hatte - es ist für meinen Geschmack einfach zu laut. Damit schließt sich der Kreis, denn die Impro-Session von Puma und Lasse Marhaug am Freitag ging ja auch schon an die Grenzen des Ertragbaren. Ich muss aber sagen, dass der Sound an diesem Wochenende ansonsten immer hervorragend ist: Man kann sich noch relativ problemlos nebenbei verständigen und trotzdem kickt es immer wie Sau. So muss es sein. Auch die Visuals mit Beamer und einfacheren Scheinwerfern sind ausgesprochen gelungen und verdienen sich dieses extra Lob selbstredend!
(Op:l Bastards bei MySpace (http://www.myspace.com/opelbastards))
Alles in Allem geht das Ekkofest für mich dann etwas früher als geplant zu Ende, aber das macht eigentlich nichts. Ich habe an diesem Wochenende viel Musik konsumiert, interessante Bands kennen gelernt und das Gefühl genossen, direkt neben den drei Mädels von den Rubies tanzen zu können. Die Skala zur Bewertung eines solchen Festivals liegt nicht zwischen gut und schlecht sondern kann nach Belieben um die Begriffe “liebenswürdig”, “tanzbar” und “anspruchsvoll” herum gebastelt werden. Die meisten Acts hatten von allem etwas - und das ist für mich eine ausgezeichnete Grundlage für ein Festival.
Schaut euch für mehr Infos die MySpace-Seite vom Ekkofest (http://www.myspace.com/ekkofest) an oder - in norwegischer Sprache - die offizielle Seite (http://www.ekkofest.no).

K. Haller