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Berichte aus Bergen - Nr. 5: Beim Phonofestival
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Berichte aus Bergen - Nr. 5: Beim Phonofestival

as Phonofestival ist eine sechstägige Veranstaltung, die quasi Bergens komplette Nachtclub und Konzertsaal-Szene aktiviert. So kommt auch der Langzeit-Touri K. Haller mal in den Genuss, mit nur einem Ticket gleich mehrere verschiedene Clubs und Bands kennen zu lernen. Allerdings erwische ich das Festival so ziemlich auf dem falschen Fuß.

Denn an fünf von den sechs Festivaltagen bin ich aus verschiedensten Gründen gar nicht am Start. Es ist ja auch so, dass meine Teilnahme bei vielen Veranstaltungen gar keinen Sinn machen würde, weil mir die Sprachkenntnisse fehlen. Es wird nämlich nicht nur gefeiert beim Phonofestival, sondern auch Film geguckt, gekocht, debattiert und Theater gespielt. Für alle frischen Studenten ist das eine Supersache, da sie auf diese Art und Weise die Stadt kennen lernen können und nicht nur auf O-Phasen-Touren angewiesen sind. Obwohl das Semester hier in Norwegen schon im August begonnen hat.

Im Vorhinein kannte ich so gut wie gar keine der Bands, die beim Phono performen sollten. Jens Lekman sagt mir was, aber das war es auch schon. Wenn ihr mit Namen wie Witchcraft, Jahcoozi, Sworn, The Ghost, Greenland Whalefishers, Molly Go-Go, Quit Your Dayjob, Le Muhr, New Violators, Jerome Drive, Blue Machine, Tuna Laguna, MT Six, Funerapolis oder Sons Of Saturn etwas anfangen könnt, bitte. Ich kann damit leben, keine von diesen Bands gesehen zu haben. Was ich gesehen habe, war jedenfalls ziemlich enttäuschend: In der Garage spielt eine Shoegaze-Noise-Band namens Sally Suicide, die mir auch recht sympathisch ist, vor nur einer Hand voll Leuten. Mit unglaublicher Langsamkeit steigert das Quartett den Spannungsbogen, wie ein Mantra wiederholen sich Riffs und Zupfmuster mit kleinsten Abweichungen. Dann löst sich alles, wenn der ausdrucksstarke Gesang einsetzt. Beklemmend und depressiv bleibt es trotzdem. Talentiert und gut!
Danach betritt eine aus vier Mädchen bestehende Formation namens Lyd (bedeutet “laut”) die Bühne und nach wenigen Stücken billigen Görenrocks habe ich davon genug. Riot Grrl ist was anderes, das steht fest. Trotzdem erstaunlich, dass diese sicher minderjährigen Mädchen so etwas auf die Beine stellen. Von der Perfektion, mit der Sally Suicide ihre Instrumente bedient haben, ist hier aber nichts zu sehen: Es wackelt und hinkt und knistert. Also weg aus der Garage, die übrigens die in Norwegen reichlich vorhandenen “dunklen Figuren” mit Rock-, Gothic- und Metallook magisch anzuziehen scheint - also sonst. Hier kann man wirklich tagsüber rein gehen und fühlt sich gleich wie bei der Hauptversammlung der Hells Angels. Oder wie wenn die Gewerkschaft der Wikinger-Metalbands ein Plenum abhält.

Der Club, den ich aber danach besuchen möchte, stellt die Garage in den Punkten Kult, Verruchtheit und Legendenstatus locker in den Schatten. Das Hulen nennt sich “ältester Rockclub Europas” und hat die unglaubliche Besonderheit, mitten im Fels situiert zu sein. Ein ehemaliger Zufluchtsraum wurde in den 60ern zur Veranstaltungshalle umgebaut. Das heißt, es riecht mindestens so muffig wie in dem Proberaum, in dem ich große Teile meiner Jugend zugebracht habe und ständig beeindrucken Steinmassen rund um einen herum (ohne jede Abdeckung oder nachträglichen Schliff) durch ihre bloße Präsenz. Hier ist das Bier billig, die Leute sind voll - beste Voraussetzungen für den heutigen “Hardrock-Abend”.
Den müssen ich und meine Begleitung allerdings recht bald vorzeitig beenden, weil die Band namens Lucky Lew mich quasi persönlich fortjagt. Stehen da drei Typen, einer mit Sonnenbrille, sonst auch tätowiert und alles. Legen mit eingängigen Rockriffs los. Kommt eine Frau auf die Bühne, bewegt sich peinlich zum Groove und fängt dann auch noch an zu singen. Das kann ich auf den Tod nicht ab. Zuschauer sind auch hier wieder nur sehr spärlich gesät.
Ein bisschen schade ist das alles schon, weil das Festival - wie eingangs erwähnt - eigentlich ein gutes Konzept verfolgt. Vielleicht hätte ich mein Glück in einer der anderen, zahlreichen Locations versuchen sollen, z.B. bei der HipHop-Show im Hulen am Donnerstag oder einer der vielen Indie-Veranstaltungen in der USF Werft, der Kunsthalle, etc. Es bleiben kaum Erkenntnisse - aber immerhin bin ich im coolsten Konzertraum aller Zeiten gewesen!
Checkt die Website vom Phonofestival (http://phonofestivalen.no/).

K. Haller