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Immergut-Rocken: Festivalbericht
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Immergut-Rocken: Festivalbericht

amstagnacht, gegen 0h liege ich auf dem Bauch und strecke meinen Kopf aus einem Zelt. Meine beiden Mitfahrer Sascha und Jonas tun es mir gleich; so rauchen wir und lassen das vergangene Festival noch einmal Revue passieren. Es regnet in kleinen Mengen, wir sind kaputt und müde, Beine schmerzen vom Stehen und Hüpfen, nicht betrunken genug um los zu lassen, nicht berauscht genug, um uns ausschließlich mit unseren individuellen Eindrücken und Gedanken zu beschäftigen.

Eigentlich ist dies der schmale Grat, den ich mir bei Festivals immer wünsche: Ausgeglichen zwischen desillusionierender Nüchternheit und Karusselltrunkenheit, soviel THC im Blut, dass die Musik an Farbe gewinnt, aber nicht soviel, dass mitgebrachte Süßigkeiten interessanter werden als Musik, Freundschaft, Festival. Diese Werte pegeln sich im Verlauf des Wochenendes aus, immer wieder berührt der Festivalbesucher Extreme und erfährt seine Grenzen - bis es einfach nur noch flach wird. Flach, aber süß raunen Broken Social Scene über das Wäldchen zu unserem Zeltplatz. Flach, aber zufrieden schmiegen wir uns an die Isomatten. So kreisen auch unsere Gedanken in den flacheren Gefilden des Bewusstseinssees.

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Blumfeld sind nicht jedermanns Ding, Jochen Diestlmeyer nicht jedermanns Stimme und Früchte nicht jedermanns Kultobjekt. An diesem Abend spielen Blumfeld zum ersten Mal in Neustrelitz, warum eigentlich erst in diesem Jahr? Und warum so früh, und so kurz? Die Menge ist noch recht licht bei Showbeginn, viel Platz. Es ist schade, wenn potentielle Headliner nicht all die Songs spielen können, die man hören will. Es reicht heute immerhin zu Klassikern wie “Verstärker”, “Der Sturm” und “Die Diktatur der Angepassten” - viele andere Lieder bleiben aber ungesungen. Mein Blick wandert über die Bühne, links steht der Diestlmeyer, Gesicht zweifarbig beleuchtet - und ich muss an John McClane denken. Es reihen sich Bassist und Pianist ein, die beide ordentlich zu tun haben. Blumfeld haben oft sehr coole Backgroundgesangsstellen - so klatsche ich bei “Strobohobo” wie von Sinnen in die Hände, die Arme weit über meinen Kopf schwingend. Es ist Wahnsinn. “Der Apfelmann” bringt mich zum Gähnen, aber sie haben mich schon beim nächsten Song wieder. Etwas anderes lässt dieser Gig nicht zu, der Aufmerksamkeit wie ein Schwamm aufsaugt. Welche Band ist um diese Uhrzeit so geil, so intensiv, so präsent - und das auf der Hauptbühne?

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Gerade angekommen, Zelt aufgebaut, Bier aufgemacht. Auf der Nebenbühne spielen just Klez.e, wir machen uns bereit für den großen Zirkus. Delbo spielen auch einen Song im Set ihrer Tour- und Labelmates, das hätt’ ich gern gesehen. Man streckt sich - lange Fahrt von Göttingen nach Neustrelitz. Ich schau mich um, wer denn unsere Nachbarn sind und entdecke ein Baby, es wechselt seinen Wohnort in Form von Armen, zu mehreren bärtigen Frauen und Männern gehörend so oft wie seine Windeln und gluckst. Ich gluckse auch, als das zweite Bier meine Kehle hinab rinnt.

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Radio 4 kommen aus New York und machen schon seit drei Alben nur Live-Musik. Jedenfalls sagt das schon eine Menge über das Quartett aus - es soll halt ein Monstertanz aus Disco und Punk werden. Die Hauptbühne ist heute aber nicht die ideale Spielwiese für die wirklich bemühte Band, vielleicht bin ich auch einfach zu weit weg, das Publikum zu nüchtern und der Tag zu früh? Jedenfalls stimmt es hervorragend ein, bevor ich auf die Flowerpornoes verzichte und mit meinen Kumpanen wieder zum Zelt laufe, um etwas Nahrung und Gin zu vertilgen. Eine knappe Stunde später aber stehe ich vor der gleichen Bühne, ganz nah, mitten im Moshpit. Jetzt ist alles zu spät: Menschen fliegen um mich herum, der Wahnsinn grassiert und es ist klar, welche Band da auf der Bühne die lässigen Gesten cool und abgezockt verteilt: Art Brut spielen und es machen alle mit. Ich fühle mich ein paar Jahre jünger und springe ein bisschen rum, schau mir dann die Show aber lieber aus einer sichereren Distanz an. Ohne Ende fliegen hier Funken ins Publikum und es lodert ein Feuer nach dem anderen auf. Bang Bang Rock ‘n Roll!

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Jetzt ist es 23.40h. The Appleseed Cast haben gerade gespielt und es war wundervoll. Euphorisch die Blumfelder hinter mir lassend stellte ich fest, dass die Band mittlerweile mehr Post-Rock verwendet, über ihre Instrumente gekrümmt wie man das mag und schätzt. Da kam vielleicht ein bisschen viel Gitarrengewittriges, aber wenn Sänger Christopher Crisci ins Mikrofon sang spritzte das Blut aus seinem Rachen - es benetzte das gierige Publikum, das das Zelt recht eng füllte. Am Ende wollten wir die Band nicht gehen lassen, forderten noch eine Zugabe - die leider aus Zeitgründen nicht mehr stattfinden konnte. Schade, denn die folgende Band fängt sowieso mit Verzögerung an und das wie wahnsinnig rufende, stampfende, klatschende, bittende Publikum wurde versetzt.

Zeit für mich, einen netten Platz vor der Hauptbühne zu suchen, um den Headliner zu erwarten: Das New Yorker Art Punk Trio Yeah Yeah Yeahs. Hier dreht alles durch, ich sehe nur noch die wahnsinnigen Farbenspiele, die die Bühne in immer neue Situationen tauchen, Sängerin Karen O. als wahnsinnig drehende Puppe darstellen und dem ganzen überhaupt einen Anstrich von großer Show verleihen. Die Songs gehen von einem Geräusch ins nächste über, keine Zeit zum Verschnaufen oder Wegschauen. Wahnsinnig sind auch die Kostüme, es ist ganz einfach eine großartige Show!

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Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich auf meiner Isomatte zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. “Was ist mit mir geschehen?” dachte ich. Um mich herum plappert es ohne Unterlass, Betrunkene feiern sich selbst, auf dem Boden sitzen müde Menschen. Auf der Bühne stehen Gregor Samsa und spielen so wahnsinnig langsame Songs, dass die Leute ab einer gewissen Entfernung zur Bühne nicht mehr bewusst zuhören, sondern die Musik als Soundtrack für sich interpretieren. Was man vielleicht als dekonstruktivistische Aktion bezeichnen kann, mir aber tierisch auf die Nüsse geht.

Selbst Phantom/Ghost, trotz Dirk von Lotzow und Thies Mynther, bekommen nicht die verdiente Aufmerksamkeit. Es ist wie in der Uni möchte man meinen, bei den witzigen Vorlesungen, die eigentlich keiner wegen des Inhalts besucht, sondern wegen der Scheine. Und so stelle ich fest, dass die Geister auf ihrem dritten Album, das das Gros der Songs einnimmt, kaum noch Beats, geschweige denn eine erfrischende, brachiale Bass-Drum verwenden - genau das, was die Leute hier jetzt nötig hätten. Da nützt alles nichts, von Lotzow sieht wirklich gut aus und singt auch ganz wunderbar, Mynther bedient Klavier und Elektronik in passionierter und gefühlvoller Weise, ach-

mich habt ihr gekriegt.

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Ganz selten muss man mal bei immerguter Musik über Neonazis nachdenken. Doch dieses Jahr wurden Mia eingeladen und das Forum der Festival-Website steht Kopf. Später wird es heißen, Deutschlandflaggen seien auch gesehen worden! Ich für meinen Teil verbiestere mich und verpasse das Polarisationsobjekt - obwohl Miezes nervige Stimme leider bis zum Zelt reicht. Anbiederungen, die funktionieren. Als wäre ich dabei und allein.

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Ideales Fußballwetter ist, wenn die Wolken so tief auf dem Platz stehen, dass man bei jeder Grätsche über das Grün gleitet, als sei man tatsächlich schon im Himmel. So sieht es heute aus und beim Fritz-Walter-Wetter hofft das Team Kanada, durch Kampf und Einsatz den Turniertitel erringen zu können. Natürlich gewinnen aber wie immer die Veranstalter: Das Turnier und drei Fans, die zum Ersten Mal beim Immergut-Zocken zuschauen und dabei viel Spaß haben. Nicht die spannenden Spiele, nicht der witzige Kommentar und auch nicht die schönen Louisville-Trikots von der Spielvereinigung Florian Horwath halten uns nach der Gruppenphase noch im Rudolf-Harbig-Stadion zu Neustrelitz: Bier und Trockenheit erwarten uns nur bei unserem Zelt. So wandern wir die eineinhalb Kilometer zurück, durch den Wald. Hier ist Immergut, in der Natur. Erfrischendes Grün leuchtet von allen Seiten entgegen, verbindet uns mit dem Regen zu einem Organismus, lädt müde Akkus auf und putzt die Seelen munter. Wo wir sonst am Samstagmorgen den See besuchen, lassen wir diesmal alle Badeeskapaden aus und schlendern vorbei an nassen Bäumen, Blumen, Tieren. Es ist schön.

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So richtige Nudeln haben auf Festivals ja nichts verloren, dauern zu lange - stelle ich gerade fest. Ich bin ein bisschen absenter an diesem Samstagabend. Ich bin gar nicht mehr so richtig da, weil ich gerade vor Thees Uhlmann stehe und um ein Autogramm für meine Freundin bitte. Journalisten sollten da ja etwas normaler sein, aber Erscheinungen sind nunmal nicht so ganz ohne. Also bin ich nur für den Moment unseres Gesprächs betrunken und schwanke dann wieder davon, stecke eine Eintrittskarte mit Signatur “Für Leonie” in meinen Geldbeutel und versuche, mich auf Jason Collett einzulassen. Bob Dylan kommt mir recht flott in den Sinn und ich bin später stolz, als ich im Immergut-Heftchen lese, dass Mr. Collett ja viel mehr sei als nur ein kanadischer Dylan. Das “nur” kann man streichen, “viel mehr” muss man ja gar nicht unbedingt sein, scheiß egal.

Ich genieße flottes Songwriting, mit Bläsern und plötzlich steht der Thees zehn Meter neben mir und hört auch zu. Als er drei Stunden später selbst auf der gleichen Bühne steht, denke ich nicht mehr daran. Da spielen dann Tomte und ich freue mich. Über Thees’ emotionales Staunen, über “Mit dem Mofa nach England” und eine Menge, eine große Menge toller Menschen um mich herum. Das ist auch Immergut.

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16.50h: Mew, Hauptbühne. Laut, schillernd, düster. Tragik! Sänger fliegt auf die Bühne und wieder runter, wieder rauf und wieder runter. Ein Engel des Universums? Nur Däne, kein Isländer. Nur Mew, nicht Sigur Rós. Ach wie gemein: Die klingen aber auch gut. Einfach mal die Augen zumachen, da bin ich ganz schnell drin. Wenn das doch all die anderen auch täten, könnten wir für 50 Minuten verschmelzen und uns von der sengenden Düsterkeit verbrennen lassen. Ich würde sterben, immer und immer wieder. Langsame, strömende Tode, die immer weiter gehen. Ich mache die Augen auf und entdecke, dass ich mich verloren hatte.

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Samstagnacht. Letztes Posting. Im Zelt, Augenschließen. Nix war es mehr mit Feist, wo ich gleich merkte, dass die geteilte Aufmerksamkeit und meine müden Glieder ihren Auftritt ziemlich versauen würden. Ebenso war es nichts mit Okkervil River, die das Zelt so voll machten, dass ich nicht mehr reinkam und die Band mich nicht mal so eben überreden konnte, im Regen auf Plätze zu warten. Nichts war es mit Broken Social Scene, da ich mich am Liebsten einfach ins Gras mit nettem Abstand von der Bühne gesetzt hätte und der Regen uns allen Striche durch Rechnungen machte.
So bin ich jetzt, ganz berauscht, sehr berauscht, im Zelt schläft man neben mir und ich schließe wieder die Augen. Für den Moment: Vergessen sind Mückenstiche, Wetter, Uni. Verloren sind Angst, Frust und Einsamkeit.
Ich hebe noch einmal meine müden Lider und ich sehe, dass das Zelt mein eigenes Baumhaus ist. Die ewige Möglichkeit eines Rückzugs. Und drum herum, viel größer, liegt meine Insel. Und das “meine” ist ein Nenner. Und er entspricht dem Nenner von 5000. Und wir kichern und denken: “10000 geschlossene Augen gehören zu 5000 Paaren, die gehören - im besten Fall - 2500 Liebespaaren. Leider aber nicht einem einzigen.”

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Samstagnachmittag. Allein im Zelt, vermisse meine Freundin, die nicht mit dabei ist. Es regnet. Ich schaffe es nicht, mich richtig zu betrinken. Ich streichle mein Tomte-Autogramm und lasse meine Gedanken ein wenig schweifen. Das tut gut.

Vielen Dank für die Fotos an:
mujuk.de (http://www.mujuk.de)
let-there-be-rock.com (http://www.let-there-be-rock.com)

K. Haller