http://magagin.de/inc/21
Exceed versus Goethe
A
Exceed versus Goethe

m vergangenen Wochenende war es mir vergönnt an zwei sehr unterschiedlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Die Eine war ein Konzert der Rock-Band „Exceed“ aus Düsseldorf, die Andere war die Aufführung des „Faust I“ mit Musik von Konstantin Wecker bei den Bad Hersfelder Festspielen. Macht es Sinn daraus einen gemeinsamen Artikel zu machen? Mal sehen…

Ich möchte chronologisch vorgehen. Das Konzert. Gemütlich schlendere ich in den Abendstunden des vergangenen Freitags durch die Straßen meiner beschaulichen Heimatstadt und beschließe angesichts finsterer Wolken, die die Oberhand am Himmel gewonnen haben, die Stammkneipe meiner Jugend aufzusuchen. Aber was muss ich sehen? Scheiße, Band spielt… Ich wollte doch nur Kickern und mit meiner Wirtin Scrabble spielen… Na was soll’s. Auf der Bühne stehen die Göttinger Band Scad und die Düsseldorfer Exceed, die einen Zwischenstopp auf ihrer Fahrt nach Berlin einlegen.
Linda singt für Exceed. Es ist furchbar – ich muss sofort an Die Happy denken, auch wenn ich das überhaupt nicht möchte. Lindas Habitus auf der Bühne scheint auf jeden Fall nicht ganz unbeeinflusst zu sein von Marta Jandová, oder muss man sich so als Rock’n’Roll-Front-Frau bewegen? Weiß nicht, ist aber nicht so wichtig, denn Linda rechtfertigt mit ihrem Gesang schon ganz gut ihre Position in der Band. Sie singt nämlich schön! Ihre Stimme ist recht tief, was sie viel älter klingen lässt, als sie tatsächlich ist und… ja, verdammt – sie trinkt öffentlich

Apfelschorle von Aldi. Das ist schon scheiße. Aber dafür schafft sie es eben auch in der kleinen Kneipe die wenigen Gäste zum schunkeln zu bringen.
René (Schlagzeug) und Daniel (Bass) sind die Rhythmusmacher und spielen halt in erster Linie mit, so scheint mir. Auch wenn René soeben sein Schlagzeugstudium abgeschlossen hat, so hat er – nun – nicht gerade mit seinen Skills geprahlt.
Der Quasi-Geheimfrontmann ist Gitarrist Philipp. Er ist handwerklich gut, wirkt sympathisch und ist am meisten von allen auf der Bühne er selbst. Das beeindruckt und verzückt, zumal er ein wenig mit seinen Bewegungen auf der Bühne an Johnny Cash erinnert (YEAH!). Gespielt wird ein Querschnitt der Rockmusik. Mal langsam und nachdenklich, dann wieder fröhlich und hüpfend aber auch beizeiten krachig mit Metalriffs. Die meisten Songs sind in sich stimmig und abwechslungsreich – nur selten findet sich ein Song, bei dem man sich gut losreißen kann um ein neues Bier zu bestellen.

Die Faustinszenierung ist sehr gelungen. Ein minimalistisches Bühnenbild ist die Grundlage für die Aufführung in der Stiftsruine im Herzen der Stadt Bad Hersfeld. Jeder Winkel der Bühne wird genutzt, Konstantin Weckers dezente Musik passt immer ganz hervorragend. Rufus Beck, den hoffentlich niemand als die Hörbuchstimme von Harry Potter kennt, spielt in einer großartigen

Leistung Mephisto und bleibt jede Sekunde konsequent in seiner komplexen Rolle. Extrem effektvoll setzt Regisseur Torsten Fischer sehr große Menschengruppen ein, die als Engel, Bürger, Geister und Hexen auftreten und wunderbar koordiniert sind. Besonders die Walpurgisnacht raubt dem Zuschauer den Atem. Das Stück ist in Bezug auf die Garderobe dezent modernisiert, die Chronologie mutig, aber gekonnt verändert worden. Über fast drei Stunden wird der Zuschauer unterbrechungsfrei gefesselt, Goethes Lebenswerk trägt an diesem Abend ein schlichtes Gewand, schränkt die offene Textvorlage aber interpretatorisch überhaupt nicht ein und ist somit eine durchweg gelungene Inszenierung.

Aber was haben jetzt Faust und Ruhrpott-Rocker miteinander zu tun? Ich finde eine Menge.
Bereits zu Beginn Goethes Tragödie ist Faust schon ziemlich in die Jahre gekommen, doch sein komplettes bisheriges Leben hat er

damit verbracht nach Vollkommenheit zu streben.
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Genau das macht ein junger Musiker auch: Ausprobieren, was es so gibt. Verschiedene Disziplinen abtasten. So finden sich etwa auch Funk-Elemente in den Riffs von Gitarrist Philipp. Würde man in diesen ersten vier Versen Fausts die Substantive durch verschiedene Musikgenres ersetzen, so erhielte man einen Satz, die die Musiker von Exceed sicherlich auch unterschreiben würden, wobei sie natürlich noch dabei sind ihre Erfahrungen zu sammeln – Faust hatte da ja auch ein paar Jahrzehnte mehr Zeit.

Interessant ist ferner auch, welche Ziele eigentlich Goethe mit dem Faust verfolgt. Spontan fallen mir folgende ein:
a) Unterhaltung (besonders mittels spektakulärer Effekte wie Zauberei, Teufel, etc.)
b) Gesellschaftskritik (zum Beispiel Kritik an der Kirche)
c) Eigene Erlebnisse verarbeiten (Beteiligung am Todesurteil der Kindsmörderin Anna Catharina Höhne
d) Freude am Schreiben
e) Anerkennung
f) Geld verdienen

Was macht eine Rockband anderes? Exceed spielt viele Live-Konzerte. Sie werden trotz der jungen Bandgeschichte noch in diesem Jahr zum 50ten Mal auf der Bühne stehen. Sie unterhalten dabei das Publikum, ernten Anerkennung und verdienen nebenbei auch noch ein bisschen Geld. Von der Freude, die das gemeinsame Musizieren im Proberaum macht, muss ich anderen Musiker sicher nichts erzählen.
In den Texten werden häufig – natürlich nicht immer – eigene Erfahrungen verarbeitet. Ich würde sogar soweit gehen, dass kein guter Text geschrieben worden ist, ohne dass der Verfasser etwas von sich selbst hineinfließen ließ.
Die letzte Parallele ist die Gesellschaftskritik, die in weiten Bereichen der Rockmusik wirklich elementar ist, man denke nur an Punkrock.

Es ist leicht zu erkennen: Kunst ist Kunst. Und Kunst ist immer mit Kunst vergleichbar, egal wie eklatant die Unterschiede zu sein scheinen. Niemand muss sich vor irgendeinem anderen Künstler verstecken. Auch Goethe war nur ein Mensch, auch wenn er von der ganzen Welt vergöttert wird.
Als abschließende Frage bleibt dann nur noch, ob Exceed wohl in Zukunft auch noch die Art von Teufelspakt schließen will, dem auch Musiker wie Johnny Cash, Bob Marley, Jimmy Hendrix, The Beatles, Elliott Smith und Elvis Presley zumindest zu einem Teil das gewisse Etwas ihrer Songs verdanken? Nun – ein gutes Stück werden sie sicher noch von alleine die Erfolgstreppe hinausklettern können…

Bilder:
Bandfotos von Exceed
Faust-Zeichnung von Rembrandt
Goethe-Portrait

Bandhomepage Exceed: http://www.exceedmusic.com/ (http://www.exceedmusic.com/)

S. Krutzinna