as sehnlich erwartete Minitek-Festival sollte die New Yorker Techno-Szene aus dem Untergrund führen und etablieren. Mit einem mehr als ansehnlichen Staraufgebot mit vielen deutschen Künstlern wurden Besucher aus der ganzen Welt angelockt – und enttäuscht. Ein Bericht über eine kleine Musikszene, die nach europäischer Clubkultur dürstet und mit einem Festival kämpft, wo alles schief geht, was schiefgehen kann.
Techno in New York?
Mir war es auch lange Zeit gar nicht klar, dass New York kaum eine Techno-Szene hat. Ich dachte in so einer Stadt gibt es selbst Milliarden von Fans für finnischen Merengue. Von wegen. Was uns Deutschen im Mutterland elektronischer Musik völlig selbstverständlich ist, gedeiht im großen Apfel noch als grüner Spross. Aber die Techno- und Elektro-Szene ist im kommen, wovon zum Beispiel auch A-Traks neue Party-Reihe Flashing Lights zeugt. Oder aber eben das Minitek. Und da das Minitek-Festival gleich in dieser ersten Auflage das Who is Who des Minimals verpflichtet hatte, war man schon geneigt dem Event einen gewissen konstitutiven Charakter für die Szene zuzusprechen. Dementsprechend groß war auch die Vorfreude – zum einen seitens der Fans in den gesamten USA, wie die Facebook-Gruppe erkennen lässt, aber eben auch seitens der Medien wovon ein umfangreiches Feature der Printausgabe der New York Times zeugt.
What the fuck is Minitek?
Die meisten Festivals entstehen, weil enthusiastische junge Menschen etwas schaffen wollen, um andere Leute für ihre Sache zu begeistern und versuchen so mit viel persönlichen Risiken ein eindrucksvolles Event auf die Beine zu stellen. So auch beim Minitel-Festival, deren Hauptorganisatoren die Deutsche Jenny Tan und Daniele Laudonio sind, die bereits durch eine Reihe ähnlicher, aber kleinerer Events in den gesamten Staaten von sich reden machen ließen.
Die Organisation im Vorfeld schien großartig zu sein. Regelmäßige Podcasts (u.a. von Pan Pot) zählten wöchentlich den Countdown, ein seriöses Umweltkonzept lag vor, die Bezahlung von Drinks sollte über RFID-Technologie im Eintrittsbändchen geschehen und das LineUp konnte unter anderem mit Richie Hawtin, Magda, M.A.N.D.Y. vs. Tiefschwarz, Troy Pierce, Guido Schneider, Konrad Black und Pan Pot jedem anderen europäischen Festival das Wasser reichen. Hinzu kommt ein ganzheitlicher Ansatz, Innovationen nicht nur aus dem Bereich Musik, sondern auch aus Design, Kunst (insbesondere Visuals) und Technologie unter einem Dach zu vereinen. Das ganze sollte dann von Freitag, dem 12 September bis zum nachfolgenden Sonntag stattfinden; praktisch rund um die Uhr. Location für den Tag ist Coney Island im Süden Brooklyns, ein Slot inmitten des umliegenden Astroland Amusement Parks mit Holzachterbahn und Dosenwerfen, in dem seit den 70ern die Zeit still steht. Nachts sollte dann im Penn Plaza Pavilion in Manhatten direkt gegenüber dem Madison Square Garden gefeiert werden. Die einzige Frage, die bleibt, besitzt leider eine gewisse Brisanz: Ist das zu schön um wahr zu sein?
Das Festival: Vom Regen in die Traufe
Freitagabend begann schon scheiße. Weil fälschlicherweise angenommen wurde, dass zu viele Leute im Club seien, wurden auch Inhaber regulärer Tickets nicht in den Penn Plaza Pavilion gelassen. Um zwei Uhr morgens, sechs Stunden vor dem offiziellen Ende der nächtlichen Party, zog das NYPD die Stecker und die Party war für erste vorbei. Gottlob konnte schnell ein naher Ersatzclub gefunden werden, den aber natürlich nicht alle Besucher erreichten. Dort begeisterten dann insbesondere Paco Osuna (Plus 8 Records/Unpolite Records) und Marco Carola (Plus 8 Records; verantwortlich für den Fabric 31-Mix), sodass der Abend zumindest für einige Besucher noch ein gutes Ende fand.
Samstag war wieder schwierig. Massenweise technische Probleme auf der Coney Island-Location führten dazu, dass statt um 10 Uhr morgens erst um 14 Uhr überhaupt Musik am Start war. Die zweite Bühne startete noch mal einige Stunden später. Das war natürlich nicht alles dem strikten Folgen des Zeitplans zwingend zuträglich .
Leider waren die Sets am Nachmittag manchmal auch nicht so ambitioniert und dümpelten stattdessen in zeitweise wirklich lethargischen Minimal-Loops vor sich hin. Immerhin Jeremy Caulfield (Trapez/Dumb-Unit) und Heartthrob (M_nus) konnten definitiv überzeugen.
Man könnte jetzt denken, dass die Probleme vom Vorabend dazu führten, dass sich die Veranstalter darum kümmern würden, für Samstagabend eine praktikable, gut kommunizierte Lösung zu finden. War leider nicht so. Dutzende Menschen fanden sich abermals vor dem Penn Plaza Pavilion ein, nicht wissend, dass das Minitek in das Studio B nach Brooklyn umgezogen war. Das sprach sich bloß so langsam rum. Aber gerade als Nicht-New Yorker – und das traf nicht nur auf mich zu – war man damit schnell überfordert, beziehungsweise hatte schon kein Bock mehr – das traf auf mich zu. Ärgerlich: Kein Schild am Club mit Info oder Wegbeschreibung, kein Minitek-Mitarbeiter weit und breit, einzige Nachricht war auf der Minitek-Website, die man natürlich auch ständig während des Festivals aufruft. Wer dann aber doch den Weg ins Studio B gefunden hatte (und trotz Festival-Ticket noch mal Eintritt zahlte), durfte großartige Sets von Pan Pot (Mobilee) und Marc Houle (M_nus) bewundern und Magda (M_nus), die leider relativ schnell die Bühne räumen musste.
Der Sonntag ließ sich dann etwas besser an. Besonders gefreut hatte ich mich auf Konrad Black, der immer noch eher Geheimtipp als Star ist. Leider war das Wetter einfach zu sonnig für seine düsteren Traumreisen. Aber ansonsten konnten vielen die Sets von u.a. Francois K (Mixes für diverse Labels), Richie Hawtin (M_nus) und Audion (Spectral Sound) immerhin noch einen entspannten Abschluss geben. Und auch einige Anzeichen der angekündigten Technologie-Geschichten konnten endlich in den Zelten stattfinden. Das war alles nett, aber konnte mich nicht vom Hocker hauen. Z.B. hat so ein Junge mit einer Wii-Konsole Musik mit Bewegungen gemacht. Ein anderer hat mit sogenannten Audio Cubes experimentiert, so Würfel, deren Abstand zueinander bestimmte Musik-Parameter beeinflusst. Nix weltbewegendes, gibt’s im Handel.
Fazit
Im Prinzip übertreibt man nicht, wenn man sagt, dass das Festival weitgehend ein Desaster war. Durch die genannten organisatorischen Probleme ist der ganze Innovationskram ziemlich unter den Tisch gefallen, dass die verrückten Armbändchen nicht gingen, war da noch leicht zu verschmerzen. Schade war auch, dass die ausstellenden Labels keinen Strom hatten und so ihre Musik nicht präsentieren konnten.
Besonders hart getroffen waren sicherlich die Veranstalter, die durch die vielen Planänderungen sicher eine Menge zusätzlicher Kosten hatten und wohl auch weniger Besucher hatten als schön gewesen wäre (gibt keine offiziellen Zahlen). Und klar, die Besucher: Je weiter die Anreise und je höher die Erwartungen, desto größer war die Enttäuschung.
Nichtsdestotrotz war das Minitek in welcher Form auch immer nun das erste große Techno/Minimal-Festival in NYC und es hatte auch unbestreitbar seine schönen Momente. Man konnte regelrecht spüren, wie gut es der erstaunlich heterogenen Szene tat, ein großes vereinendes Event zu haben. Weiße Hippies mit Hulahup-Ringen feierten mit Dolce&Gabbana-Latinos und Evisu-Stüssy-Kids, während drei Meter weiter karierte Hosen in Doc Martens steckten und cutting-edge fashion victims in goldglänzenden 80er-Jahre Superheldenkostümen herumspazierten. Bunter geht’s eigentlich nicht. Und gerade wo so langsam der Ärger über alles Schiefgelaufene verfliegt, die Organisatoren sich glaubhaft für alles entschuldigen, ist es doch im Sinne aller, dass Veranstalterin Jenny Tan bereits ein Minitek 2009 versprochen hat.
Anmerkung
Ich war nicht immer überall dabei. Daher beruhen einige Infos auf folgenden Quellen:
Big Shot Mag: „Police Shut Down Minitek’s First Night, Festival Manages to Go On“ (http://newsflash.bigshotmag.com/?p=1311)
Big Shot Mag: „Minitek Tanks, Promoters Apologize“ (http://newsflash.bigshotmag.com/?p=1343)
Residentadvisor: „Minitek organizers speak out“ (http://www.residentadvisor.net/news.aspx?id=9643)
Daily Session: Review: Minitek Festival (http://dailysession.com/2008/09/15/review-minitek-festival/)










