as Haldern Pop-Festival findet zwischen Kühen und Schafen statt, zwischen Dung und Dünger. Zum 23. Mal ging es Open-Air hoch her in der verschlafenen Gemeinde Haldern westlich vom Ruhrpott.
Es lohnt sich diese Anhaltspunkte etwas einzuschränken; ich baue mein Zelt auf und befinde mich dabei in einem Dreieck unterschiedlichster Gestalten. Links zeltet eine Armee von Jüngern der Adoleszenz, die wohl bei Rock am Ring in der gar nicht so weit entfernten Eiffel besser aufgehoben wären und durch ständige Anwesenheit auf dem Zeltplatz, lautstarke kehlbrüchige Trinkaufforderungen und eine Schwadron Fahrräder auffallen. Ich drehe mich um 60° und bemerke eine Gruppe, die zunächst einen netten Eindruck macht, aber schnell durch die Fixierung auf mitgebrachte Autos auffällt und sich wie auf dem Parkplatz einer amerikanischen Fast-Food-Ketten benimmt. Nochmal 60° gedreht ist mir ein kleines Zelt am nächsten, dessen Bewohner, ein Pärchen aus Holland, sich nicht nur im Gegensatz zu den Kids und den Clowns außergewöhnlich sympathisch verhalten. Meine Gruppe besteht aus meiner Freundin, einem weiteren Paar und meinem ehemaligen Mitschüler Leonard - so weit also das Set-Up.
Ankunft am Donnerstag in Haldern. Direkt am Bahnhof wartet freundlicherweise ein Trupp Angestellter einer großen Brauerei und nimmt mir mein Gepäck ab - im Tausch gegen eine nummerierte Flasche Bier. Das ist klasse. Meinen Kram bekomme ich natürlich am ca. 2 km entfernten Zeltplatz wieder (statt des Gepäcks musste ich aber mit Leonard eine Kiste Bier tragen). Heute soll es losgehen mit fünf Bands im “Spiegelzelt” - einer Location, die an ein Zirkuszelt erinnert und mit bunten Glasfenstern, Holzverschalungen und ein paar Sitzgelegenheiten an der Zeltwand prunkt. Bevor ich aber die Waking Eyes ebendieses Zelt erschüttern sehen darf, muss ich mich anstellen. In einer Schlange. Ich merke gerade, dass es vielleicht der Philosophie dieses Festivals entspricht, dem Verzögerungsgenuss zu huldigen - ich aber hasse langes Anstehen und rege mich schonmal dementsprechend auf. Ich wechsle halt gern zwischen Location und eigenem Zelt - um zu essen, Alkohol zu tanken und auszuruhen. Die Waking Eyes jedenfalls spielen ein tolles Set, es steigert sich angenehm und dient als ausgezeichneter Appetithappen. Danach aber ist die Schlange (Schlangen, ich hasse Schlangen...) vor dem Zelt schon beträchtlich gewachsen. Anstatt den Kampf Mann gegen Python aufzunehmen erdreistet sich Leonard kurzerhand, einfach mal in der Mitte anzufangen.
Das funktioniert ganz gut und schließlich darf ich gespannt auf Martha Wainwright das Zelt erneut betreten. Was die New Yorkerin und Schwester von Rufus Wainwright allerdings bietet, passt mir gar nicht, aber sowas von überhaupt nicht. Allein mit einer Akustik-Gitarre auf der Bühne zu stehen ist etwas, wo man grandios, witzig oder schlecht ist. Die gute Frau ist definitiv letzteres, was nicht zuletzt auf ihre merkwürdige Art zu singen zurück zu führen ist: Überakzentuiertes Singen ist etwas, wo man grandios, witzig, oder gnadenlos schlecht ist. Ihr ahnt es, Frau Wainwright ist letzteres. Also wieder raus aus dem Zelt, was mich die Auftritte von Novastar und Lambchop kostet. Wie viele quälen sich wohl durch das Programm? Immerhin passen nur 900 von 7000 zahlenden Besuchern in das Spiegelzelt; ich treffe später Menschen, die zwei einhalb Stunden anstanden und keine Band mehr sehen konnten - von wegen “Schön einfach, einfach schön”.
Am nächsten Morgen, ein Freitag, will ich Verpasstes nachholen und schaue mir die Sieger des Zippo Flaming Talent Awards im Zelt an. Klasse, was die Hollywood Pornstars bieten, ausgezeichneter Rock aus Belgien, den man sich schonmal hinter die Ohren schreiben kann. Utah aus Dänemark dagegen finde ich langweilig: Wer Mew kennt, kann sich das einfach nicht mehr anhören, denn ein ähnliches Rezept wird total verkocht und ich bleibe eigentlich nur noch im Spiegelzelt, um mir die folgende Show vom neuen Signing des festivaleigenen Labels, Daniel Benjamin, anzuschauen. Aber wieso? Der Stuttgarter ist für mich ein Witz von Songwriter und fällt durch peinliche Ansagen und komisches Gehabe auf. Die Lieder sind fast schon nebensächlich schlecht. Raus aus dem verrucht-verrauchten Zelt, Freiheit und Bier warten.
Und The Veils, die auf der großen Bühne, endlich Open-Air, loslegen. In erster Linie gefällt mir die Konzentration auf den mit tragender Stimme geladenen Gesang. Es folgen Morning Runner, die mich aber auch überhaupt nicht vom Hocker reißen können. Bisher ist alles irgendwie “Talent”, “Durchschnitt” oder “Ganz mies”. Dann nimmt der zwischenzeitlich einsetzende Regen soweit überhand, dass ich mich lieber im Zelt verkrieche, Weißwein süffele und mit Freundin Leonie und dem anderen Pärchen Jens und Lina Faxen mache, während die Zutons und We are Scientists auf der Bühne stehen. Im Regen halbnackt und barfuß über den Campingplatz rennen ist bisher das Beste, das ich hier erlebt habe. Ich hab dann schon einen im Kahn, wenn The Cooper Temple Clause auftreten, Kollege Jens wird sich später von dieser wirklich großartigen Band volltrunken seinen Regenschirm signieren lassen. Total gekonnt und locker geht diese Band auf die Bühne, Sänger Ben schüttelt rotzigen wie klaren Gesang problemlos aus dem Handgelenk und ich glaube wieder daran, dass “The...”-Bands einen Sinn haben. Motorpsycho dagegen (es fängt wieder zu regnen an) versauen mir so ziemlich die Stimmung. Ich weiß auch nicht woran es liegt, aber ich entwickle einen regelrechten Hass auf die beiden langhaarigen Freaks, die da shoegazend auf der Bühne stehen. Vielleicht ist es an dieser Stelle mal passend, anzumerken, dass der Sound vor der großen Bühne tierisch laut ist beim Haldern-Pop. Von wegen “schön einfach”.
Bei Element of Crime gönne ich mir eine Pause, Pegel halten und was essen. Den Schluss sehe ich noch und denke: Man, sind die alt. Aber trotzdem schön, recht schön. Irgendwie merke ich ein wenig, was dieses Festival so besonders machen soll, aber es stellt sich kein Gefühl von innerem Frieden ein.
Erst als Mogwai auf die Bühne kommen, frage ich mich: “Warum nicht gleich so?”. Die Glasgower stehen da und zocken, als sei es das, was sie schon immer getan hätten. Bei den neuen Songs von “Mr. Beast” hauen sie die Riffs ganz locker raus, totaler Rock. Bei jedem Lied weiß ich sofort woran ich bin, was ich fühle. Das ist ganz stark, weil reich an Konnotationen und Assoziationen. Ich trage danach meine Freundin durch den Schlamm zurück zum Zelt. Paralysiert. Keinen Bock mehr auf Spiegelzelt, trotz The Revs und Final Fantasy. Meine Schuhe stehen innen wie außen mit allerlei Schlamm in Kontakt.
Hatte ich am Anfang nicht meine Nachbarn geschildert? Hatte ich auch von den Freaks mit den Autos geschrieben? Ebendiese spielen am Samstag morgen - laut und später noch lauter - den Schlager “Guten Morgen Sonnenschein”. Ahaha. Ich gehe mit meinen männlichen Mitfahrern in den Ort und kaufe Bier, Nutella und Wurst. Auf dem Rückweg habe ich eine fantastische Vision, wie so ein Festival sein könnte, mein Lieblings-Nachbar fährt auf dem Fahrrad vorbei, der ruhige (sagte ich schon, dass er Holländer ist?).
Diese Entspanntheit inspiriert mich für einen Moment und ich entwickle das Potenzial für einen großen Samstag. Mal schauen, wie die erste Band auf der großen Bühne, GEM, so sind. Ich höre allerdings nur den Rest der Show vom Klo aus und stelle mich schonmal auf The Rifles ein. Ja: Noch eine “The”-Band. Schön und gut, englische Garage-Rock-Bands zu buchen, aber hier herrscht eine regelrechte Inflation. Dieses Exemplar der mittlerweile im Durchschnitt recht durchschnittlichen Gattung überzeugt aber. Wie schon am Vortag geht es ganz gut los für mich mit Eindrücken von den Smiths. Folgend können auch die Islands diese Laune nicht trüben, obwohl mich die Musik eher zu einem Rundgang über das Festivalgelände einlädt (das eigentlich kaum etwas besonderes zu bieten hat) und endlich mal ein farbiger Musiker auf der Bühne steht. Entweder machen die keinen Soundcheck oder wissen selbst nicht, wie viele da immer auf der Bühne stehen. Es sind 7. Und sie spielen durcheinander, auch wenn die Idee mit der Bassklarinette nett gemeint ist. Die Guillemots dagegen überzeugen mich voll: Es klingt zwar wie Radiohead auf Ecstasy, aber da hat doch mal jemand im Unterricht aufgepasst.
Die Multi-Ethnische Gruppe bietet mal noisige, mal poppige, meist aber freakige Parts, zu denen ich recht abgehackt tanze (was keiner aus unserer kleinen Reisegruppe lustig findet). Für mich DIE Entdeckung dieses Wochenendes, zusammen mit der folgenden Band. Denn in meiner guten Stimmung verkünde ich lauthals, bei The Wrens ein wenig direkt vor der Bühne bleiben und tanzen zu wollen. Obwohl sich meine Freundin verkrümelt bleibe ich auch tatsächlich da und erlebe eine grandiose Rockshow. Die mir völlig unbekannte Band packt mich sofort und erntet massenweise Pluspunkte - nicht nur, weil der Bassist und Hauptsänger weniger spielt als grandios rumzuhampeln, sondern auch, weil alles Sinn ergibt und mich auch berührt. Die Sonne scheint. Übrigens sind die auch schon im fortgeschrittenen Rockalter, aber stehen nicht rheumatisch auf der Bühne wie Element of Crime =). Danach, auch grandios, aber wesentlich jünger: The Kooks. Großes, neues Ding aus England - cool und locker.
Später laufen Sänger und Bassist mit Dönern bewaffnet an mir vorbei und zerstören einige meiner naiven Rock ‘n Roll-Mythen.
James Dean Bradfield ist für mich nur der Sänger einer Band, die ich ganz gern mag. Seine Solosow ist dann (nach einer erneuten Bierpause) eher enttäuschend, da ich seine Songs nicht kenne und ständig auf Lieder von den Manic Street Preachers hoffe - was für mich wie für ihn eher peinlich ist. Ähnlich wird es später Greg Dulli ergehen, der mit seiner alten Band Afghan Whigs super war und mir heute als Schlusspunkt noch einmal Langeweile mit den Twilight Singers um die Ohren bläst (es ist echt im ganzen Umkreis der Bühne tierisch laut). Ob er denn jetzt noch drogensüchtig ist kann ich auch nicht sehen. The Divine Comedy dagegen bieten wieder etwas besonderes - hoffentlich hören hier die Islands zu, denn der gute Herr Hannon arrangiert perfekt für die vielen Musiker, die da um ihn herum eilen. Allerdings ist die Geige, die eigentlich netterweise in vielen Passagen auftaucht, wahnsinnig ohrentötend abgemischt, weshalb meine arme Freundin sich früh ganz weit weg von der Bühne verkriecht.
Sie wird tatsächlich eine kleinere Infektion von diesem Wochenende mitnehmen und ihr hat es auch überhaupt nicht gefallen. Ich erfreue mich dagegen noch ein wenig an dem dandyhaften Auftreten Hannons und ärgere mich nur, dass einige Lieblingssongs nicht gespielt werden. Schließlich gehe ich nicht mehr zu Ed Harcourt oder gar Kante (um 2.45h nachts vor wachem wie nach Augenzeugenberichten auch schlafendem Publikum im Spiegelzelt).
Fazit: Rund 50 € kostete das Ticket, dafür will ich auch was sehen. Dass man dann ins Spiegelzelt gar nicht rein kommt finde ich überhaupt nicht in Ordnung. Die Atmosphäre hat mich nicht überzeugt, die Auswahl der Bands hat mir nicht gefallen. Meine Gruppe ist verärgert und ich kann es nachvollziehen, auch wenn der Samstag mir persönlich einiges gerettet hat. Ich gebe dem Haldern Pop-Festival wahrscheinlich eine zweite Chance, aber mein Festivalherz gehört unangefochten dem Immergut-Festival in Neustrelitz...
Die Fotos stammen von FlickR (http://www.flickr.com/groups/haldern/pool/). Falls die Urheber sich verletzt fühlen, bitte ich um eine kurze Mitteilung...












