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Open Flair 2006 - Festivalbericht
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Open Flair 2006 - Festivalbericht

in Festival so gut wie ohne Regen. Eine Ausnahme, die zumindest diesen Sommer das Open-Flair fast einzigartig macht. Ob das Festival, bei dem man vergeblich nach dem richtig großen Namen sucht, den anderen, vorrangigeren Ansprüchen gerecht wurde, werde ich euch hier erzählen.

Anreise


Das beschauliche Eschwege im Nordhessischem musste von mir zunächst fünfstündig erreist werden und dementsprechend angekotzt war ich auch als ich ankam. Einen ungenügenden Beitrag zur Hebung meiner Stimmung brachte die Zeltplatzverwaltung, die von mir 10 EUR verlangte um im Dreck pennen zu können. Frei nach dem „Sounds for Nature“-Motto, das ein Festival so ökologisch verträglich wie möglich gestalten möchte, kostete ein Auto auf dem Zeltplatz 2 EUR und ein Mensch 10 EUR. Von meiner Befürchtung abgesehen, dass im nächsten Jahr vermutlich auch auf mitgeführte Topfpflanzen Gebühren erhoben werden, verwunderte mich die Zeltgebührpolitik nicht wenig. So ist es doch im Grunde die Regel, dass Zelten im Festival-Ticket mit inbegriffen ist. Schlägt man nun diese tatsächlich versteckten Kosten auf das Festival-Ticket drauf, landet man bei 62 EUR fürs Wochenende, was dazu führt, dass das Open-Flair seinen Regional-Bonus verliert und sich mit renommierten Festivals messen lassen muss, wie etwa dem Halden-Pop, das sogar noch günstiger ist.
Nun, einziger Ausweg aus der Misere wird von mir mitgeführt und befindet sich in braunen Halbliterflaschen. Bei meiner großen Gang von so 10 Boys und so 2-3 Mädels löte ich mir dann erstmal ein paar Pullen rein und die Welt sieht schon viel besser aus.

Freitag

Das Nachmittagsprogramm hab ich natürlich verpasst und so lass ich mich jetzt noch zu den Donots schleppen, die ich schon ungefähr hundertausend Mal gesehen habe und die mich nicht interessieren. Sie spielen allerdings eine respektable Show und bringen das Publikum richtig zum kochen. Der Sänger Dings Bums crowdsurft um die Wette mit einem Fan bis zu einer im Publikum befindlichen Plattform die zu erreichen das Ziel der Unternehmung ist. Die Songs hauen mich nicht so richtig vom Hocker, was aber am Genre und nicht an der Performance an sich liegt. Einen Schnitzer erlauben sich die Donots allerdings doch noch. Schlußendlich verabschieden sie sich gebührend und bevor sie gehen, spielen sie noch ein langsames Unplugged-Stück, während alle Zuschauer von dannen schlurfen – schlechter kann man einen Abgang nicht inszenieren.
Ach ja: Dass ich Tomte verpasst hab stört mich wenig, die kann ich ohnehin nicht leiden. Allerdings war die Response von anderen willkürlich befragten Menschen auch weitestgehend uneuphorisch.

Weiter geht's mit der Bloodhound-Gang. Wegen eines angeblichen technischen Problems können die Amerikaner erst eine knappe Dreiviertelstunde später als geplant anfangen. Nicht nur ich unterstelle allerdings den Kotz-Rockern Star-Allüren, die alles andere als angemessen sind, den die Bloodhound Gang spielt nun doch schon seit einiger Zeit zweitklassig.

Die Show ist insgesamt beschissen. Das Zusammenspiel ist durchaus geübt und sauber, die berüchtigten Showeinlagen wirken allerdings total einstudiert und sind eben das was man unter primitiv versteht. Sie bescheren mir allerdings doch noch ein breites Schmunzeln, als sie es schaffen, das jugendliche Publikum, sowohl zum Nationalhymnensingen anzustiften (findet ja seit der WM auch jeder super) und gleichzeit Fuck-Bush und andere Staaten bewitzelnde Parolen zu grölen. Ein wenig beschleicht mich der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht so toll ist mit diesem Publikum ein Wochenende zu verbringen.

Der Kulturschock lässt nicht auf sich warten. Angenervt und abgekämpft wanken wir zu den Monsters of Liedermaching, die sich auch zum wiederholten aber nun auch letzten Mal beim Open Flair die Ehre geben. Sie können das Publikum durchaus begeistern, auch die jüngeren Besucher, was ich gut finde. Mir geht es leider ein wenig anders. Ich kenne die Lieder bereits und auch das Konzept, das hinter dieser Kollaboration steht. Für mich haben die Monsters immer ein ganzes Stück von dem Geist des Komm-Wir-Machen-Was-Zusammen gelebt, der halt über die Jahre für mich ein wenig verblichen ist. Aber ich glaube, dass das eben wirklich eine Sache ist, die in erster Linie mit mir zu tun hat, nicht mit den Monsters.
Das gemeinsame Fazit für diesen Freitag lautet: Für'n Arsch. Deswegen gehen wir auch pennen und hoffen auf Samstag, den Kerntag des Festivals.

Samstag

Ein wenig pflichtbewusst schlendere ich gut ausgeschlafen zu der Band „Julia“ aus Österreich, die mir relativ unbekannt ist, dafür aber eine erste positive Überraschung darstellt. Ihr Auftritt ist natürlich, unbefangen, freundlich und schwungvoll. Schöner recht schnörkelloser Rock'n'Roll, den ich fast als unwiderstehlich bezeichnen würde - einfach eine gute Show. Vielleicht sollten sie mal mit Blackmail auf Tour gehen.
Den Dänen von „The Alpine“ geben wir noch eine kurze Chance, haben aber nicht so richtig Bock auf freakigen Orgel-Pop. Das ist einfach zu fremdartig nach dem straighten Rock'n'Roll.
Aus unerfindlichen Gründen werde ich dann doch noch zu „Die Happy“ geschleppt, die ich aus Erfahrung kategorisch ablehne. Dennoch absolvieren sie eine tolle Show, die in erster Linie von der sehr energetischen Front-Frau Martha lebt, die mir Kinder gebären dürfte. Von den physiologischen Argumenten abgesehen, ist die Tennie-Quote auch nicht so unerträglich, dass man sagen kann: War eigentlich ganz cool.

Nun galt es schnell zurück zum Zelt zu pesen, wo die vorerst letzten Reste Bier die Vorfreude auf das „Culcha Candela“-Konzert steigern sollten, was auch durchaus gelingt. Für die meisten von uns, war damit schon der erste Höhepunkt des Festivals erreicht und die Berliner Combo enttäuschte uns nicht. Die Organisatoren entschieden richtig, die Musiker auf der kleineren Bühne im romantischen Baumkreis auftreten zu lassen und es waren auch zumeist Zuschauer da, die auch wirklich Raggae, Ragga und Hip-Hop hören wollten und so war die Stimmung großartig. Ein beinah zehnminütiges Percussionsolo war sogar auch in der Lage die schweißnassen Menschen weitertanzen zu lassen und man merkte „Culcha Candela“ auch die Freude an der Performance an. Prima!

Bei Millencollin war der Besucherandrang gigantisch. Für viele der stinkigen Punks war dies das wichtigste Konzert und so ging es auch entsprechend aggressiv vor der Bühne zur Sache. Die schwedischen Väter des europäischen Skatepunks spielten routiniert, vielleicht nicht unbedingt leidenschaftlich aber eben solide ihre Show runter und befriedigte die erwartungsreichen Fans vollkommen. Ich nutzte unterdessen die Zeit um noch ein paar Bier zu trinken und im Backstagebereich festzustellen, dass Very Important Persons in die gleichen Dixie Klos pissen wie der Mob auch.

Nach noch mehr Bier ging es dann zu Seeed. Ein bisschen zu spät waren wir natürlich und so musste ich mich mit meinen Leuten ordentlich nach vorne kämpfen. Doch was mussten wir sehen? Während Seeed feinsten Dancehall aus den Boxen jagte, standen die Zuschauer gemütlich im Takt wippend vor der Bühne, als wären sie bei einem scheiß Robby Williams Konzert!!! Vollkommen unbegreiflich was da abging – also dass nix abging. Wir bouncten wie die Blöden und feierten Seeed, aber sonst ging da nix. Seeed hat sich mächtig Mühe gegeben, gaben sich ausgesprochen sympathisch, aber schienen im Grunde auch nicht zu verstehen, weshalb die X-Tausend Menschen vor ihnen wie versteinert da standen. Natürlich scheint die nahe liegende zu sein, dass diese Penner einfach keine Ahnung von Dance Hall haben. Millencollin und Bloodhoundgang prima, aber mit Musik jenseits ihres scheinbar enorm begrenzten Horizonts können sie nix mit anfangen. Ein bisschen schwer tue ich mich allerdings auch mit dieser Erklärung, wo doch Seeed einer der wenigen großen Namen im deutschen Musikgeschehen ist. Aber die Menschen schienen wirklich nicht zu verstehen, was da vor sich ging, zeigten vielmehr Unverständnis für die Art und Weise wie wir feierten, obgleich wir vollkommen friedlichen waren und niemand von uns kotzte. Wie ein Hohn kommt einem dann noch die Tatsache vor, dass die beschissenen Lokalzeitungen, ob der großartigen Stimmung, natürlich total aus dem Häuschen waren. Ein bisschen ist das alles so, als geht man abends zu einer Party und wundert sich, wieso alles so blöd ist und stellt erst nach Stunden fest, dass es ein Kindergeburtstag ist. Fuck.

Fazit

Nach dieser herben Enttäuschung betrank ich mich noch weiter und ließ sogar am Sonntag den Gottesdienst auf der Waldbühne sausen – jaha! So frustriert war ich. Christina Stürmer und Revolverheld konnten mir auch gestohlen bleiben und so reiste ich ab und zwar für immer. Kein Bock mehr auf Open-Flair. Wenn da nicht in den nächsten Jahren ein Paradigmenwechsel gemacht wird, sehe ich auch überhaupt keinen Wert mehr in diesem Festival. Also in dem Sinne, dass das Festival keinen Wert mehr hat, wertlos ist. Natürlich eiern jedes Jahr mehr Leute zum Open Flair, aber das spricht einfach überhaupt nicht für das Flair. Vielmehr ist es so, dass die Besucher aus mangelndem Wissen über Alternativen hingehen und somit ein Publikum entsteht, das schwerpunktmäßig unter 18 oder über 30 Jahre alt und davon abgesehen vollkommen uninteressant ist.

Bilder von www.open-flair.de (http://www.open-flair.de) und www.kindamuzik.net (http://www.kindamuzik.net)

S. Krutzinna