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Naked Lunch - bühnenreifer Befreiungsschlag
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Naked Lunch - bühnenreifer Befreiungsschlag

uasi direkt neben den Deftones machten Naked Lunch am 26.3.2007 während ihrer aktuellen Tour im Hamburger Molotow halt. Der sechste Gig in Deutschland war für mich die Möglichkeit, diese großartige Band endlich mit dem neuen Album live zu sehen. Etwas mehr als zwei Wochen sind Naked Lunch schon auf Tour, also bin ich gespannt, ob ich Routine oder kreative Explosionen zu sehen bekomme.

Als sich Naked Lunch im Jahr 2004 aus der Asche der eigenen Illusionen befreien mussten, taten sie dies mit einer unglaublich wundervollen Platte. "Songs for the Exhausted" war gleichermaßen ein Spiegel der Entwicklung dieser Band, sowie eines der großartigsten Alben, das ich je gehört habe. Durch die Platte gewannen sie viele Kredite zurück, die sie zuvor verspielt hatten; sei es durch puren Übermut oder einfach durch den Tagtraum, Musiker zu sein. Der Weg bis zum neuen Album war schwer und steinig. Nachdem die letzte Platte nur unter großen Anstrengungen und mit fast schon letzter Kraft entstand und veröffentlicht werden konnte, ist "This Atom Heart of Ours" nun die logische Folge. Hier (http://magagin.de/reviews_129.html) kann man sich das Review von Kilian Haller zum Album durchlesen.

Tonnenschwer wiegt jedes einzelne Stück auf den Schultern des Hörers. Eingeengt und losgelöst zugleich führt jeder einzelne Song eine Armee an Gefühlen und Rezeptionen in den Kampf gegen das eigene Ich. Was kann die Band also live mit den neuen Songs anfangen? Besonders bei einer so deutlichen emotionalen Färbung erwartete ich einen Oliver Welter, der absolut hinter seinen Stücken steht und das auch zeigt. Als ich Naked Lunch zum letzten Mal sah, präsentierten sie ein Akustik-Set, das so dermaßen ehrlich und persönlich war, dass ich mir im zuschauerarmen Veranstaltungsraum selbst etwas beengt vorkam. Aber Naked Lunch sind eine Rockband, und dem Anspruch werden sie im Molotow gerecht. Beim Hereinkommen kann ich eine Bestandsaufnahme der Bühne machen; neben dem üblichen Equipment für Gitarrst und Sänger Oliver Welter und Bassist Herwig Zamernik hat sich Stefan Deisenberger mit allerhand elektronischen Spielereien in eine Ecke verzogen. Der Multiinstrumetalist benötigt wohl auch jeden einzelnen Megabyte seines Rechners, will er die Atmosphäre der Platte so dicht rüberbringen, wie es notwendig ist und vor allem wenn er sich gegen seine Kollegen durchsetzen will. Neben verschiedenen Effektspielereien für den Gesang hat auch der Schlagzeuger ein schickes elektronsiches Drumset zur Unterstützung seiner mechanisch bearbeitbaren Teile bekommen.

Als Naked Lunch die Bühne betreten, ist es im gut gefüllten Saal sofort still. Diese Ehrerbietung für die Band ist einfach nur schön, aber Naked Lunch lassen in den folgenden Stunden ohnehin nicht zu, dass ein Wort das Ohr des Gesprächspartners in irgendeiner Hinsicht erreicht. Kalte Schauer jagen mir über den Rücken, als der gleichzeitige Opener des Albums und des Konzertes anklingt. "This Atom Heart of Ours" repräsentiert eben genau den Befreiungsschlag, den die Band vollführt hat und den sie nun zelebrieren. Ein Stück voller verzweifelter Energie, das in genau diesem Moment die Atmosphäre im Club ungaublich auflädt. Herwig Zamernik glänzt in den kommenden Stücken nicht nur als etwas unorthodox agierender Bassist, sondern eben auch als zweite Stimme, die mittlerweile ein elementarer Bestandteil der Musik von Naked Lunch ist. Außerdem ist er sehr gut gelaunt und bildet am Abend ein wenig das Gegenstück zu Oliver Welter, der etwas abgespannt wirkt, was ich aber bei einer Tour mit diesem Album durchaus verstehen kann. Wenn Herr Welter in der Lage ist, jedem Konzert dieser Tour eine solche Emotionalität zu verleihen, dann muss man sich wohl auch nicht wundern, wenn der Mann müde wird.

Die Tatsache, dass die Deftones quasi nebenan spielen, ist dem Herrn Welter immer wieder einen Komentar wert. Neben musikwissenschaftlichen Erläuterungen seiner eigenen Werke ("auch in G-Dur müssen Gitarren gestimmt sein") erklärt er den lernwilligen Zusachern gerne, warum der Rock'n'Roll-Mythos zumindest für NuMetal Bands wie die Deftones hinfällig ist. Natürlich wird ein Musiker, der bei den Deftones spielen mag, nicht den ganzen Tag saufen, huren und Drogen nehmen, sondern 8 Stunden am Tag üben. Ich kanns kaum glauben, aber das hört sich doch pausibel an. Einen besonderen Augenmerk möchte ich abschließend noch auf den großartigen Schlagzeuger der Band legen, der die quasi unmögliche Aufgabe erledigt, die ausgebufften Beats der Band wahnsinnig souverän rüberzubringen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die rhythmische Leitung der Band vielmehr von Oliver Welter ausgeht, obwohl das doch eigentlich der Job des Drummers wäre. Wie auch immer, die Band ist dermaßen tight, dass man ihnen ihre Erfahrung deutlich anmerkt.

Im Endeffekt gehe ich zufrieden fast als letzter und von einem Angestellten des Molotow getrieben an die frische Luft der Hamburger Reeperbahn. Es war ein außergewöhnliches Konzert mit einer Band, deren neuen Reichtum man an jeder Ecke spürt. Naked Lunch sind eine der großartigsten Bands, die man zur Zeit hören und live erleben kann. Da die Tour nicht mehr allzu lang ist, rufe ich also an dieser Stelle dazu auf, sich das Erlebnis Naked Lunch nicht entgehen zu lassen. Wer mehr Tourdaten und co. sehen will, der schaue auf der Naked Lunch-Homepage (http://www.nakedlunch.de) nach.

J. Ertelt