ie Fabrik im Hamburger Stadtteil Altona ist ausverkauft: Calexico haben sich angesagt. Die Indie-Folk-Wüstenband spricht altersmäßig ein weit gestreutes Publikum an, ist aber vor allem bekannt für verlässliche Live-Qualitäten. So erwarte ich heute Abend einiges, nur nicht diese Überraschung.
Denn um Punkt 21.00h treten nicht Calexico auf die Bühne, sondern ihre Vorband Bodies Of Water. Okay, das hatte ich schon in der Ankündigung gesehen. Jetzt die Überraschung: Deren frischer Sound und das experimentierfreudige Songwriting stellen den Hauptact schon ein wenig in den Schatten. Gleich vier Frontmänner und -frauen stehen nebeneinander auf der Bühne; sie singen in gleichen Mengen und beackern dabei gekonnt ihre Instrumente (Geige/Gitarre, Gitarre, E-Piano, Bass). Im Rücken sitzt – aufgrund der ungewöhnlichen Konstellation mit einigem Abstand – der Drummer. Die Songs der Bodies Of Water bewegen sich für diesen Abend im richtigen Dunstfeld: Es klingt nach Wüste, nach Canyon und mit Bassist Kyle haben sie auch noch ein Lee Hazlewood-Look-Alike am Start. – Auf dem Zettel behalten.
Während die Vorband abgetreten ist und die Umbauphase läuft, versuche ich die Personen auf der Bühne in Roadies und Bandmitglieder zu unterscheiden. Das geht heute Abend leichter als sonst – vor allem Drummer John Convertino und Sänger Joey Burns haben echte Calexico-Gesichter. Da sind coole Falten im Gesicht, die mich mit Vorfreude auf meine ü40 schielen lassen; da sind Stil, Erfahrung, Lockerheit; ein „Ich habe die ganze Welt gesehen, aber in meinem kleinen Haus mit den Klapperschlangen als Nachbarn ist es am Schönsten“. Kurz: Die sehen genau so aus, wie sie auch klingen.
Wo die ersten Songs noch in kleiner Runde bestritten werden, treten nach und nach die anderen Bandmitglieder auf die Bühne. Es kommt eine beeindruckende Vielfalt an Instrumenten zum Einsatz: Sänger Burns nimmt nicht nur die elektrische, sondern auch die akustische Gitarre in die Hand; Bassist Volker Zander greift auch mal zum Kontrabass; Paul Niehaus spielt sowieso alles, was Saiten hat, egal ob horizontal oder vertikal geordnet; Jacob Valenzuela und Martin Wenk wuseln an der linken Seite der Bühne herum und machen sich an Rassel, Trompete, Vibraphon, Keyboard, Horn, Akkordeon, Gitarre oder Mikrofon zu schaffen. Calexico haben auch einen Song wie „Inspiración“ ins Programm genommen, bei dem Valenzuela die feurige Lead-Stimme gibt. Besonders Wenk tut sich als Multiinstrumentalist hervor – er spielt das Vibraphon nicht nur mit Klöppeln, sondern auch mit einem Cellobogen.
Das Set ist dann auch alles andere als schlecht, und trotzdem gibt’s was zu mäkeln. Okay – dass sie es geschafft haben, beim Zusammenstellen einer stimmigen Liste älterer und neuerer Lieder regelmäßig meine Lieblingslieder zu umgehen – geschenkt. Aber die manische Perfektion, mit der diese Band so exakt wie im Studio klingt, eigentlich alles richtig macht und doch nicht, das fühlt sich ein bisschen zu sehr nach Korsett an. Die Mariachi-Trompeten beschränken sich meist auf eine staksige Background-Aktivität, Burns' Ansagen kommen klar und wohl formuliert – keiner patzt, keiner verspielt sich. Das ist natürlich Geschmackssache, ob man für sein Geld lieber eine etwas individuellere Performance bekommt oder halt das, was schon auf den Platten zu hören war, noch mal in laut und eindrucksvoll rezitiert haben möchte. Vielleicht sind meine Ohren nach dem gestrigen Motorpsycho-Lärm auch einfach nur zu angepisst, um die feinen Unterschiede hören zu können, die gerade dieses Konzert zu etwas Besonderem machen würden. Vielleicht will man sich so was auch einfach nur lieber im Sitzen mit 'nem langen Whisky vor sich anhören, und nicht dicht gedrängt in einer angesichts des herrschenden Rauchverbots vor allem mit Schweißgeruch auffallenden Menschenmenge, in der man selbst zu den Top5 der „Jüngsten Männer im Publikum“ gewählt werden würde. In diesem Zusammenhang kommt mir auch die Lightshow etwas pompös vor.
Wie dem auch sei. Trotzdem hat dieser Abend echte Klasse. Ich kauf mir eine Platte von Bodies Of Water. Und zumindest einer Person wird dieses Konzert unvergesslich: Der gut gelaunte Joey Burns bekommt kurz vor Schluss einen Brief zugesteckt und liest ihn vor – ein gewisser Holger wünscht sich, dass er das nächste Lied seiner Frau widmen möchte, die heute Geburtstag hat. Wie schön. Helden bleiben sie nun mal, auch für mich.










