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"Technology Won`t Save Us" von Sophia
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"Technology Won`t Save Us" von Sophia

s kommt der Moment, wo, am nebelverhangenen Strand, Menschen aneinander vorbei gehen - obwohl sie durch Mobiltelefone in Verbindung stehen. Sie sehen sich nicht plastisch, sie hören sich nicht im Nordseesturm. Natürlich können können sich nicht anfassen. Einander helfen.

Natürlich ist dieser Moment schon gekommen und er hat Robin Proper-Sheppard alias Sophia zum Titel seines neuen Albums “Technology Won’t Save Us” inspiriert. Am Strand der englischen Kanalinseln ertranken während eines Sturmes Vater und Sohn, obwohl ständiger Kontakt per Mobiltelefon zu den Rettungsteams herrschte. Das Gefühl, das die Tragik dieser Situation auslöst, ist auch kennzeichnend für die Wirkung dieses Albums. Irgendwie ist es kitschig, aber trotzdem packt es jeden, der davon hört, direkt im Herz.
Natürlich ist es kein Konzeptalbum, auf dem sich Proper-Sheppard wie immer in kompletter Eigenregie austobt. Es erzählt auch von betrunkenen Spaziergängen im frühmorgendlichen London, bei denen Fragen nach dem “Ex” aufkommen (“Where Are You Now”). Es teilt die Erfahrung vom Tod von Robins Mutter, die an Krebs litt und in ihrer Vorstellung in ein Leben nach dem Tod überglitt (“Lost (She believed in angels...)”). Es vermittelt in einem atemberaubenden Instrumental die Stimmung, die das von einem Fluss reflektierte Licht in einem fernen Land auslösen kann (“Twilight at the Hotel Moscow”). Diesen Szenen widmet sich Robin mit allem, was er ist.
Natürlich spürt man wieder, wie sehr Sophia mehr ist als nur ein Musikprojekt. Der Selbermacher Proper-Sheppard spielte nahezu alle Spuren selbst ein: Gesang, Gitarren, Bass, Keyboards. Er ist der Typ, der ein eigenes Label gründet. Der alle Angebote von Booking-Agenten ablehnt und den Job lieber selbst macht. Der sich aber auch in den richtigen Momenten zurück lehnt und von den Fähigkeiten anderer profitiert. Sophia ist sein Ding, das ist klar; seine Handschrift spürt man von vorne bis hinten. Doch mit Jeff Townsin hat er einen großartigen Schlagzeuger engagiert und auch bei den Arrangements für Streicher und Bläser ließ er sich helfen.

Nicht ganz natürlich hat er dabei keine Kosten gescheut. Den Opener, der genauso wie das Album heißt, nennt er selbst “the single most expensive song I’ve ever recorded”. Das liegt sicher an den opulenten Streichern, die dieses instrumentelle Stück auf einer Gitarrenmelodie basierend beginnen und in ein großartiges, Sigur-Rós-trommelndes Inferno schicken. Man glaubt da kaum, dass diese Album um ein Haar nie entstanden wäre, weil Robin die erste Aufnahme-Session im Oktober 2005 vollkommen entnervt abbrach. Aus dieser Zeit bleibt noch der Song “Big City Rot”, der das “Another Trauma” dieses Albums ist. Mit gewohnt brüchiger Stimme spuckt Robin hier Blut aus miesen Zeiten. Im Vergleich zur Vorgängerplatte “Peoples Are Like Seasons” ist Sophia aber reifer geworden, hantiert geschickter und effektiver mit klassischen Instrumenten und verliert dadurch vielleicht auch eine Spur von Authentizität. Was wurde aus Bright Eyes, als sie nicht mehr nach Wohnzimmer-Aufnahme klangen? Aus Tocotronic, als sie Tobias Levin zum Produzieren einluden? Aus The Faint, als der Punk für sie zum Pop wurde?
Natürlich es trotzdem grandioser Pop, hier auch. “Pace” ist ein Hit, definitiv. “Weightless” auch. Proper-Sheppard steckt voller kerniger Songs, die seine Perspektive punktgenau wiedergeben. Er muss ein fatalistischer Mensch sein, einer von der Sorte, denen der Tod manchmal mehr bedeutet als das Leben. “Technology Won’t Save Us” ist düster, aber wie es Robin in den Notizen zu “Pace” ausdrückt: ”Darkly positive”. Ganz am Ende, in “Theme for the May Queen No. 3” packt er sogar die Kettensäge aus: ”I really wanted the guitars in the second verse to sound like you were getting your head cut off with a chainsaw”. Die wahnwitzige Dynamik zwischen Streicherintro und Metalverse steht modellhaft für dieses Album. Insgesamt finde ich die Produktion etwas zu schillernd, wobei dadurch das Zuhören im zweiten Teil der CD etwas müßig wird. Aber nur ein klein bisschen: Proper-Sheppard hört im richtigen Moment auf - und hinterlässt einen Hörer im Vakuum der Wirklichkeit, der nach mehr lechzt und gleich wieder auf “Play” drückt.
Natürlich gibt es die volle Punktzahl für so ein Meisterwerk.

K. Haller
titel
01 Technology Won`t Save Us | 02 Pace | 03 Where Are You Now | 04 Big City Rot | 05 Twilight at the Hotel Moscow | 06 Birds | 07 Lost (She believed in angels...) | 08 Weightless | 09 P.1/P.2 (Cherry Trees and Debt Collectors) | 10 Theme for the May Queen No. 3
Release: 27.10.06 bei Cityslang
|http://www.cityslang.com/start/|
Künstler-Homepage: http://www.sophiamusic.net/
cover
Bewertung:
5/5