eim Promo-Text durchlesen hatte ich schon dieses Gefühl, dass dieser 25 Jahre alte Thomas P. aus Frankreich gar nicht so verkehrt sein kann. Wer H. P. Lovecraft mag und E. A. Poe und Kafka, wer Stanley Kubrick und David Lynch schätzt, der muss einfach ein Guter sein – von seinen musikalischen Vorlieben wie Aphex Twin, Amon Tobin oder Squarepusher mal ganz abgesehen…
Unter dem Pseudonym „Nebulo“ legt uns nun Thomas P. sein musikalisches Erstlingswerk mit Titel „Kolia“ vor. Es beeindruckt durch ein hohes Maß an Kreativität und Sinn für Abwechslungsreichtum ohne dabei den Gesamtrahmen zu vergessen. Ich will sagen, dass wir es hier mit einem Mann zu tun haben, der sein Handwerk versteht, der weiß was er tut.
Der Opener heißt „Ant“ und das hektische Knistern und Rauschen lässt schon ein Bild im Kopf entstehen, in dem eine kleine Ameise verwirrt durch die Gegend trippelt, kleine Spuren hinterlässt. Das vorsichtige Glockenspiel schafft nebenbei noch eine seltsame Atmosphäre, die von Melancholie und stiller Freundlichkeit geprägt ist.
Der zweite Track „automnal“ ist phantastisch. Für mich ist der Track ein vertonter Sternenhimmel. Das hastige Glockenspiel steht dabei für mich für die vielen kleinen blinkenden Sternen am Firmament. Die so zahllos strahlen, wie auch die Glockentöne im Lied erklingen. Nach etwa einem Drittel des Tracks gibt es einen Bruch, bei dem plötzlich der Beat explodiert und alles durcheinander bricht. Mein Himmelsbild hat dafür mit einer Supernova eine sehr passende Entsprechung.
Weil ich bei „dr-ill“ eine lustige, weil konkrete Assoziation hatte, will ich den Track auch noch mal erwähnen. Zunächst einmal erinnert er mich an die Spätwerke von Amon Tobin, meinem Lieblings-Ninja-Tune-Artist. Besondere Parallelen kann man zu dessen Soundtrack zum Splinter Cell-Spiel ziehen, zumindest die Breakbeat-Parts erinnern stark daran. Der Sound ist fragil, zerbrechlich, brüchig und erinnert mich an die dürre Vulkanlandschaft von Lanzarote. Die Dürre und die Abwesenheit von grünen Pflanzen, ja von Leben klingt in dem Song mit.
Dieses Kopfkino was mir hier passiert ist kein Zufall. „Nebulo“ hat eine starke Affinität zur Filmmusik, sucht auch Möglichkeiten sich in diesem Bereich einmal austoben zu dürfen. Aber er lässt es sich auf diesem Album nicht nehmen nicht trotzdem schon mal seinen Füller in die Filmmusiktinte zu tauchen. Besonders stechen diesbezüglich die Tracks 4, 6, 7 und 11 heraus. „Darkopale“ ist fiebrig und finster, verfügt über einen harten Breakbeat-Part und lässt nicht nur im Outro mit langsamem Piano seinen Sinn für Pathos erkennen. Feldaufnahmen kommen in den Tracks 6 und 11 vor. „Reverse“ beginnt mit Großstadtgeräuschen. Man hört Menschen reden und hört sie doch nicht. Hinzu fügt sich vorsichtiges Pianospiel. Der Track ist wie das kurze Aufblicken eines Betrunken, der an einem großen Platz in der Innenstadt auf einem Bordstein sitzt und ein wenig Zeit braucht um seine Umgebung wahrzunehmen. „mecaniduction“ knüpft an den vorangegangenen Track an. Dumpfe Scratches und bouncige Beats, die nicht selten interessanten Rhythmuswechseln folgen müssen, schaffen eine Atmosphäre von Gleichgültigkeit und erinnern an das teilnahmslose Eilen durch die Straßen einer Stadt. „nokta“ trägt bereits im Titel die den Track charakterisierende Dunkelheit. Dichter Regen fällt hörbar. Ein dumpfes Dröhnen schafft ein Gefühl von Taubheit, auch dem Widerwillen und der Unfähigkeit äußere Einflüsse wahrzunehmen. Hinzu fügt sich ein weiches rhythmisches Klopfen, das stark an einen Herzschlag erinnert. Schnell lässt sich daraus das Bild ableiten, dass man von der Freundin weggeschickt wie betäubt durch den nächtlichen Regen irrt, weder Weg noch Ziel im Sinn. Unfähig die Umgebung wahrzunehmen und den eigenen Herzschlag hörend läuft und läuft man in der Hoffnung irgendwo anzukommen.
Ja, so könnte ich jetzt noch ewig weiterschreiben. Zu jedem Song meine Assoziationen rausfeuern, denn die Musik lädt einfach so richtig dazu ein. Das ist natürlich wunderschön, aber auch nicht der einzige Vorzug dieser Platte. Nebulo macht nämlich während er diese Geschichten erzählt – wohl für jeden Hörer eine andere – auch Musik, die auch für das Ohr ganz angenehm ist. Klar – manchmal auch mit wilden Breaks, harten Beats und so weiter, aber „Kolia“ ist einfach eine Platte, die wie auch eingangs schon erwähnt ganz und gar aus einem Guss ist, dabei aber höchst vielseitig bleibt mit den zahlreichen Variationen in Rhythmus und Songstruktur. Meine Damen und Herren: Steffen Krutzinna zieht mal wieder seinen Hut!










