ie Deftones werden seit ihrem Debütalbum “Adrenaline” (1995) als Vorreiter des New-Metal gefeiert. Trotzdem waren sie immer ganz anders als die erfolgreicheren Vertreter dieser Szene, wie Papa Roach, oder Linkin Park. Mittlerweile kann man aber einen gravierenden Authentizitätsverlust feststellen, der sich auf den sorglosen Einsatz von Studiotricks und Veränderungen im Songwriting stützt. Dieses Review ist eine sehr persönliche Einzelgeschichte, weil der Redakteur intensive Erfahrungen mit der Band gemacht hat. Gleichzeitig beschreibt sie archaische Strukturen, die jeden Einzelnen auf der Welt beeinflussen. Von der Initiationsgeschichte eines Einzelnen lesen Sie im Folgenden, erfahren aber auch eng verknüpft einiges über “Saturday Night Wrist”.
Prolog
Es ist mir unmöglich, über eine Deftones-Platte zu schreiben ohne persönlich zu werden. Es war vor sechs Jahren; “White Pony” war gerade erschienen und ich hatte mir die Platte gesaugt und auf den MD-Player gezogen. Dieses Bild steht glanzvoll vor meinen von nostalgischer Sehnsucht verzerrtem inneren Blick: Ich jogge Freitagabends mit Kopfhörern durch den Schnee zur Tankstelle, um Sangria in einer Eineinhalb-Liter-Flasche zu erwerben und mir diesen kurz darauf allein an einem Zufluchtsort einzuverleiben. Ich war 15 und wühlte in einem großen Berg, dessen Bodenschätze nicht materieller Art sind: Sex, Alkohol, Musik, Gras, etc. Dies ist eine kritische Phase im Leben eines Jungen, aber vielleicht ist es auch die schönste. Ich wollte und konnte nicht direkt gegen Eltern und Lehrer rebellieren; daher verlegte ich meine Exzesse ins Geheime. Das gestaltete sich unterschiedlich: Kiffen und Trinken musste man meist zu Freunden verlegen. Die Musik aber konnte ich laut und offen hören: Außer mir würde sie sowieso keiner verstehen. Geprägt, beeinflusst, inspiriert - die Deftones waren bei mir in der Schule, im Probenraum und bei Partys dabei. Als wunderbaren Nebeneffekt produzierte diese Huldigung auch eine gewisse soziale Abgrenzung, weil nur die engsten Freunde sich auf den Sound einließen. Ich halte die Deftones immer noch für eine der am meisten polarisierenden Bands. Du liebst es, oder du hasst es.
Klar, leicht bekömmlich war die Musik des Quintetts aus Sacramento noch nie, auch nicht, als sie noch ein Quartett waren. Die Hereinnahme von Frank Delgado an den Turntables hat sich aber anscheinend nachhaltig auf den Stil ausgewirkt. Was bei “Bored”, dem ersten Titel der Debütplatte “Adrenaline” noch so typisch als auffälliger, aber simpler Kompressoreffekt auf der Gesangsspur begann, explodierte auf dem innovativen Meisterwerk “White Pony” zu einer Fülle von Ideen. Kalte, industrial-artige Sounds verband diese Platte mit sägenden Gitarren und ekstatischen Stimmen. Bereits der Nachfolger, schlicht “Deftones” benannt, wartete mit einer Hightech-Produktion auf und hatte passend dazu mit “Lucky You” auch einen Song auf dem Soundtrack “The Matrix Reloaded”. Auf “Saturday Night Wrist” schließlich - zum ersten Mal nicht mit Terry Date, sondern Bob Ezrin als Produzentem - lauscht man einem hochgradig künstlichen Output - einem hochgezüchteten Metal-Monster.
Vorab-Single und Opener “Hole In The Earth” macht dies bereits exemplarisch für die weiteren Songs klar: Da singt Chino “ah”s zwischen die Zeilen, holt im Refrain einen massiven Echo-Effekt aus der Kiste und versteckt die Bridge in einem Wust von überlagerten Stimmen. Man erinnere sich nur mal an die Bridge von “Mascara” auf der “Around The Fur”: Chino singt: “It’s too bad, well it’s too bad”. Chino spricht: “You’re married”. Chino flüstert: “To me.” Und ab geht der nächste Part. Unabhängig von der emotionalen Aufwertung, die solche Stellen bei mir erfahren, kann man hier ein lineares Zeitkonzept im Gesang feststellen. Sobald aber mehrere Spuren übereinander liegen, geht diese Linearität zwangsläufig verloren. Dabei entsteht ein Effekt, der den heutigen Zustand der Band treffend charakterisiert: Es hört sich nicht mehr nach “live” an. Damit ist lediglich gemeint, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, wie die Band im Studio steht und den Song einspielt. Man denkt statt dessen an Bastelabende vor Computern, wie sie die Beatkünstler Timbaland oder die Neptunes bewerkstelligen. Es ist nun auch allgemein bekannt, dass die Band ungeachtet aller anderen Live-Qualitäten bei ihren Konzerten einen ganz miesen Sound produziert.
Ok - dass die Deftones anscheinend immer mehr zur Studioband mutieren muss ja nicht nur schlecht sein. Kann “Saturday Night Wrist” nicht gerade durch die genannte Produktionsweise revolutionär sein? Stellenweise ist es das. Ich denke da z. B. an “Pink Cellphone”, wo eine Frauenstimme auf einem minimalistischen Beat abstruses Zeug redet. Chino hat da einen Part, wo er in einem Mischmasch aus Rufen und Rappen immer wieder die Zeile “Bet you gonna get sex, that’s right, grow up” reinrotzt, natürlich mit einem Megafon-Sound. Das ist eine gute Stelle. Oder nehmen wir “Rats!rats!rats”, das mit einem sehr komplexen Riffing und einer geilen Bridge daherkommt. Dieser Song ist vier Minuten astreines Screaming à la Chino Moreno und auch mit sehr coolen Keyboard-Sounds versehen. Auch zu nennen ist der Schlussteil von “Mein”, in dem die Textzeile “Universe, breaking us down” vor einem gnadenlos apokalyptischen Szenario wiederholt wird.
Auf der anderen Seite steht da “Cherry Waves”, das zunächst mit einem lumpigen Bassgekuschel enttäuscht, am Ende auch noch das ganze Dilemma dieser Platte aufzeigt: Endlich ist mal wieder einer dieser Parts da, wo sich alles so entfesselt gehen lassen will wie noch bei “Knife Party” oder “Change” - da setzt der Refrain gleich wieder ein. Total ärgerlich. Auch, weil Chino in diesem Refrain ein Nebelhorn auf dem Wort “You” imitiert. Diese immer gleichen Songstrukturen sind für mich neben dem angesprochenen inflationären Gebrauch von Effektrickserei das Stigma dieser Platte. “Beware”, “Hole In The Earth”, “Xerces” und “Kimdracula” geht es nämlich ähnlich. Es ist nun nicht gerade langweilig, diese Platte zu hören, aber die Band kitzelt nicht ansatzweise die Ekstase raus, die noch auf “White Pony” zu hören war. Klar sind die Gitarren fetter, aber soviel Anderes ist auf der Strecke geblieben. Sicher sollte man als Band nicht ein Erfolgsrezept wiederholen - “White Pony” aber hatte es geschafft, den Stil der Band mit einer vergleichsweise simplen Produktion auf einen Höhepunkt zu bringen. Jetzt flüchtet man sich über technische Spielereien in neue Gewässer, die mir persönlich aber einfach zu flach sind.
Übrigens geht es inhaltlich wie immer abstrakt zu. Diesmal kann ich jedoch recht deutlich zwei semantische Bezüge aus den Texten fischen: Da ist der Hurrikan “Katrina”, der mutmaßlich die Songs “Beware” und “Cherry Waves” mit ihrer Wassermotivik geprägt hat. Und da ist der Weltraum, der nicht nur im Video zu “Hole In The Earth” dem effektschwangeren Sound durch das technische Science-Fiction-Instrumentarium die passenden Bilder liefert, sondern auch den Stoff von “Xerces” und “Combat” motivisch verstrickt. In Anbetracht der häufigen Stilwechsel auf Metal-Basis überrascht es aber doch, wie schlüssig die Saturday Night einen thematischen Rahmen um die 12 Songs spannt.
Abschließend: “Saturday Night Wrist” ist keine schlechte Platte. Vielleicht bist du, lieber Leser, erst 15 Jahre alt und hörst die Deftones zum ersten Mal. Genieß es. Auch jeder andere kann natürlich Gefallen finden - lass dich dann bitte von den Promo-Infos (http://www.warnermusic.de/deftones/bio/) bei Warner begeistern - ich aber halte dieses Album für die zweite Station eines Niedergangs. Meine subjektiven Erfahrungen, gekoppelt mit den im Lauf der Rezension aufgezeigten Mängeln, lassen einfach keine höhere Einstufung zu.
Epilog
Ein Blick auf die Uhr: Es ist Freitagabend, 22 Uhr. Ich werd mich jetzt ins Bett legen, ein Buch lesen und Pfeffernüsse mampfen. Meine Freunde von damals hören jetzt andere Bands; auch ich versuche mich jetzt in die Erwachsenenwelt der gesellschaftlichen Konventionen vollständig zu integrieren. Vielleicht kram ich ja mal wieder die alten Probenmitschnitte von “Back To School” oder “Head Up” raus, die meine damalige Band gemacht hat. Zur Tankstelle rennen werd ich heute aber nicht mehr.











