„r ist momentan einer der umstrittensten Rapper“ sagt Stefan Raab im Intro zum Track „Goldjunge“ fachmännisch, „viele hassen ihn, viele mögen ihn“. Das hat der Herr Raab gut erkannt.
sidos Debütalbum ging erst Gold. Dann ging es auf den Index. Auch „Ich“ hat schon nach 3 Tagen Goldstatus erreicht. Als Independent-Release ein sensationelles Ding. Doch sido feiert nicht, sido wartet auf Platin. Zumindest die gefürchtete Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften dürfte ihm da diesmal keinen Strich durch die Rechnung machen. Ein zweites „Endlich Wochenende“ findet man auf der regulären „Ich“ nicht. Das macht sido aber noch lange nicht zum allgemein akzeptierten Rapper. Nach wie vor ist sido der Typ der herhalten muss, wenn sehr intellektuelle Menschen über Idioten-Rap reden. Für Sarah Kuttner sind sido-Fans nach wie vor pubertierende 14-jährige aus Harz-4-Familien und Monika Griefhahn träumt immer noch eine Woche schlecht, wenn sie irgendwo die Maske sieht. Fragt sich, wer hier ein dummer Mensch ist. „Ich“ ist jedenfalls ein Highlight des späten Rap-Jahres 2006. Bombastische Beats, unterhaltsame Raps und tiefe, unerwartete Einblicke in die Kunstfigur sido, die immer mehr zum Menschen sido wird. Die abgezogene Maske auf dem Cover deutet dies symbolträchtig an.
„Goldjunge“. So geht es los: „mit Gold Platten, Gold Otto, Goldschwanz und Goldzunge“. Der Paul NZA & M. Pompetzki Beat brennt alles weg und nach allem was geschrieben wurde gibt sido lässt seine komplette Karriere in vier Minuten durchlaufen. Ein schöner Einstieg für das was folgt: „Strassenjunge“ stellt eines der größten deutschen Rap-Missverständnisse auf. sido ist kein Gangsta-Rapper, sido ist ein Straßen-Rapper. Das macht ihn allerdings nicht zu einem besseren Menschen wie er auf „Schlechtes Vorbild“ klarstellt. Wieder ein Beat von Paul NZA & M. Pompetzki, wieder extrem cool. Da entwickelt sich ein neues Dreamteam.
So souverän die Beatauswahl ist, so unvorteilhaft wurden die Features ausgesucht. Massiv bremst den Flow des Albums auf „Ihr habt uns so gemacht“ massiv. Da geht nichts. Alpa Gun lässt sich auf „Straßenjunge“ noch verkraften, wertet den Track aber wirklich nicht auf. Gleiches gilt für das G-Hot Feature auf „Nie wieder“. Erfreulich dafür: B-Tight auf „A.i.d.S. 2007“. Ich glaube, das ist der beste Rappart den ich je von ihm gehört habe. Gute Aussichten fürs kommende Album. Kitty Kat haut mit ihren zwei Gastauftritten keinen vom Hocker macht aber klar, dass sie ein weiblicher Rapper ist, den man ernst nehmen kann. Das Highlight-Feature schlechthin ist allerdings die Zusammenarbeit mit Seeed-Sänger Peter Fox. „Rodeo“ ist ein unglaublich cooler Partytrack. Der Beat von Rudeboy & Peter Fox ist die perfekte Mischung aus Seeed und sido und Zeilen wie „Will ich Seed Fans schocken, sag ich sido ist mein bester Freund“ machen wirklich Spaß.
Am Eindrucksvollsten ist sido auf „Ich“ allerdings solo. Viele werden sich noch an den legendären Juice-Leserbrief von Staiger erinnern, in dem dieser sido aufforderte sich um seinen Sohn zu kümmern. Auch wenn Staiger mit dieser Entscheidung wahrscheinlich eher nichts zu tun hatte, hat sidos Kleiner wohl wieder einen Papa. Der Track „Ein Teil von mir“ ist ein verdammt erwachsener Song in dem sido seine Fehler eingesteht und Besserung gelobt. Mit dem Gänsehaut-Beat von Paul NZA & M. Pompetzki ist dies ein ungewöhnlich rührender Track. Ähnlich eindrucksvoll ist „Mein Testament“ auf dem sido tatsächlich seinen letzten Willen festhält und dabei explizit Freund und Feind nennt. „Bergab“, „1000 Fragen“, „GZSZ“, all das sind nachdenkliche, gute Rapsongs, die sido Kritikern gewaltig Wind aus den Segeln nehmen.
Zu dieser schon ausreichend guten CD, gibt es in der Premium Edition noch eine Bonus-CD mit Smiff’n’Wessum Feature und „Jeden Tag Wochenende“ was wohl als Provokation an die besagte Bundesprüfstelle verstanden werden darf. „Endlich Wochenende Pt.2“. Der Index winkt.
Es war zu erwarten, dass „Ich“ ein gutes Album wird. „Maske“ war schon ein Highlight im Aggro-Kanon. „Ich“ ist technisch auf einem höheren Level und inhaltlich ein ganzes Stück weiter. Auf-die-Fresse-Rap trifft auf Verstand. Perfekte Mischung. Sehr gutes Rap-Album.










