ie Band Kultur Shock ist in der Tat ein Kulturschock. Sie bewohnt ein Terrain irgendwo zwischen Bulgarien, Japan, Bosnien und Amerika. Das ist ihre neue Heimat, ausgerissen aus der alten und nicht willkommen in der neuen Welt. Dort gefällt es ihnen verdammt gut. So hört man dem dritten Studioalbum “We Came To Take Your Jobs Away” deutlich an, wie spaßig Musikmachen sein kann.
Gut gelaunt nehme ich meine Wäsche vom klappbaren Ständer herunter und falte sie zusammen. Dabei lausche ich leidenschaftlichen Erzählungen über fremde Orte, andere Zeiten, in unbekannten Sprachen, zu exotischen Rhythmen. Erst vergangenen Mittwoch hatte ich den Trockenvorgang der beschaulichen Kleidersammlung sabotiert, indem ich nach Istanbuls Ausgleichstreffer beim Fußballspiel gegen Eintracht Frankfurt kurzerhand den Wäscheständer verprügelte. Eine reelle Chance hatte er natürlich nicht und tut seitdem seinen Dienst nur noch widerwillig; Bandagen und gut gemeinte orthopädische Behandlungen waren nötig, um mir für den heutigen Morgen trockene Wäsche zu bescheren.
Längst verflogen ist die Wut über das Tor von Istanbul, welches natürlich nichts mit einer Abneigung gegen den örtlichen Spitzenclub Fenerbahce zu tun hatte, sondern nur durch das damit verbundene Ausscheiden meines Vereins motiviert wurde. Mehrheitlich beteiligt an dieser guten Laune ist die Musik von Kultur Shock, deren Song “Istanbul” mich zum Einstricken dieser kleinen Anekdote ins Review reizte. Es ist aber auch einfach Musik, mit der man den Tag sowohl beginnen als auch beschließen kann. Aggressiv, leidenschaftlich, schnell und bunt geht es dann selbst in einer miefigen deutschen Kleinstadt zu.
Musikalisch kann ich eigentlich kaum etwas zu “We Came To Take Your Jobs Away” sagen. Wohl jeder Musikkenner, -experte oder gar -wissenschaftler würde verzweifeln anhand der vielen Einflüsse und Stilanleihen, aber auch Sprachen, Instrumenten und Themen. So exotisch wie die Herkunft der Musiker anmutet, ist auch ihre Musik. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Protagonisten einer Einordnung in Schubladen überhaupt zustimmen würden. Sie sind rastlose Gesellen, die aus ihrer alten Heimat ausrissen, um an anderen Kulturen abzuprallen: “The waiters and stuff did not appreciate loud non-English speaking clientele (who didn’t tip well) and finally police and Christian society did not appreciate girls jumping on the tables and taking their bras off, wildly screaming from the top of their lungs”. Ich glaube viele Bands würden so etwas gerne in ihre Biografie schreiben - aber nur bei Kultur Shock ist es auch Wirklichkeit.
Freunde von Ska und Ragga können sich in diese Band verlieben. Auch die Anhänger von Weltmusik, die nicht der gutmenschlich-toleranten Preisung der Musik anderer Kulturen anheim gefallen sind, nur um den Bekannten mal etwas Neues erzählen zu können, sollten unbedingt mal bei Kultur Shock reinhören. Als prominente Unterstützer darf ich hier neben dem Produzenten Billy Gould (Faith No More), der das Album auch gleich auf seinem Label Kool Arrow veröffentlichte, auch Jello Biafra (Dead Kennedys) und Krist Novoselic (Nirvana) nennen.
Ich bin mir sicher, dass man zu den Konzerten auch in bescheidener Garderobe mit herzlich-authentischem Eigenduft kommen darf - solange man dann auch aus sich herausgeht. So gesehen ist es doch gar nicht schlecht, dass ich als Melancholiker meinem Wäscheständer in einem heißblütigem Anfall die Beine gebrochen habe. Es gibt schließlich Schlimmeres.











