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"A Weekend In The City" von Bloc Party
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"A Weekend In The City" von Bloc Party

loc Party ist ja trotz ihres enormen Ruhmes noch ein recht junges Fohlen auf dem Indie-Ponyhof. Wenngleich natürlich das Debütalbum „Silent Alarm“ total eingeschlagen ist. Hier ist nun der lang ersehnte Nachfolger der Londoner Buben, der überrascht und überzeugt.

Es ist so verdammt müßig aufzuzählen, was Bloc Party mit „Silent Alarm“ erreicht hat. Im Grunde fand einfach jeder die Band geil: Überall waren die Konzerte ausverkauft, die Platten wurden etwa so begehrt, wie Zigaretten im Gefängnis und der globalen Journalistengemeinschaft ging beim Namen Kele Okereke, dem Frontsänger von Bloc Party, regelmäßig einer ab.
Wohl wissend, dass sich jeder piefige Musikjournalist für das Folgealbum neue Boxen kaufen würde um extra genau hinhören zu können, haben sich Bloc Party erstmal gepflegt dem Londoner Nachtleben hingegeben. Das half natürlich Okereke, dem Mastermind der Band, ein wenig mit sich selbst klarzukommen. Allerdings spürte dieser reflexive Geist neben den Veränderungen bei sich selbst und seinem Portemonnaie auch gewisse Veränderungen in seiner Umgebung und seiner Hometown auf. Aber was wäre Okereke für ein Künstler, wenn er diese emotionalen Erschütterungen nicht flugs in neue Songs gießen würde? Eben. Und damit sind wir bei „A Weekend In The City“.
Die Befürchtung, dass Bloc Party da jetzt eine reine Sofa-CD machen, wird sofort mit dem ersten Track zerstreut. „Songs For Clay (Dissappear Here)“ steigt sofort in die Weekend-Thematik ein und zwar mit ziemlich groovenden Gitarren, die richtig nach vorne gehen. Bei dem Gedanken, dass mit diesem Brett ein Konzert eröffnet werden könnte, kriegt selbst ein alter Haudegen wie ich Gänsehaut. Thema des Songs ist der Rausch. Ein Rausch, der alles gleichschaltet und unempfindsam werden lässt. Ein Rausch der die eigene Identität wegspült und der das Bewusstsein um Nichtigkeiten kreisen lässt.
Zweiter Knaller kommt gleich hinterher. „Hunting For Witches“ scheint für den Kontinentaleuropäer erstmal wenig mit Freizeitgestaltung zu tun zu haben. Allerdings schein neben 9/11 auch die Londoner Anschlagserie das Bewusstsein der englischen Hauptstädter soweit beeinflusst zu haben, dass Okereke sich genötigt sieht die entstandene Paranoia kritisch zu reflektieren. „I want an ordinary man with ordinary desires | Watch TV with a formed meal“, klingt in jedem Fall danach, dass Okereke die Faxen dicke damit hat, dass hinter jeden Straßenlaterne ein Terrorist gewähnt wird, dessen Ziele so wenig verstanden werden, dass man ihm schlicht unterstellt „alles“ zerstören zu wollen. Die Authentizität von Okerekes Gesang ist hier besonders phänomenal. Es ist unglaublich wie vielseitig er die so unsingbar anmutenden Zeilen gesanglich formt. Ich bin ehrlich beeindruckt.

Bloc Party ist mir weiterhin sehr sympathisch, weil sie mit Erwartungen an sie so umgehen, wie ich das auch zu tun pflege – sie scheißen drauf und machen genau das Gegenteil. Augenscheinlich inspiriert vom eigenen Remix-Album (u.a. mit Remixes von Whitey, Four Tet und M83) versuchen Bloc Party sich beim Track „Waiting For The 7.18“ nach eigenen Angaben an einem Aphex Twin Sound. Der Ausbruch aus dem Indie-Gehege gelingt zwar nicht so fundamental wie diese Zielvorgabe vermuten lässt, aber der Versuch ist natürlich schon sehr löblich. Zum einen macht es Bloc Party sicher Spaß ihre Hörerschaft (und damit ist durchaus auch die Spex-Abo-Gemeinschaft gemeint) mit etwas weniger durchsichtigen Drum-Pattern und jaulenden Synthies zu konfrontieren, zum anderen habe ich auch einen Heidenspaß dabei. Der Sound ist herrlich voll, nicht überladen aber eben schön komplex.
Der zweite exspectation-fuck kommt gleich hinterher. „The Prayer“ verhöhnt auf eine anmutige Weise alle Fans und Kritiker, die Bloc Party für bierernste Intellektuelle und rockende Lyriker halten. “Standing on the packed dance floor | Our bodies thrown in time | Silent on the weekdays | Tonight I claim what's mine“ Deutliche Worte für das Genießen von Ruhm, Reichtum, Anerkennung und die Fähigkeit Partys rocken zu können. Das ist natürlich erstmal inhaltlich schon absolut sympathisch. Aber richtig sympathisch finde ich es solche Statements den ganzen Gutmenschen-Fans mal aufs Brot zu schmieren. Als erste Single der Platte hat der Song natürlich auch musikalisch ordentlich Feuer. Der Beat geht fast schon Richtung analogen Drum’n’Bass, der Gesang ist mehrfach übereinander gelegt. Dazu maskulines Gesumme im Hintergrund, immer wieder eingeworfene Samples und Effekt beladene Gitarre schaffen eine unglaublich dichte, fordernde Atmosphäre.
„Uniform“ ist ebenso ein fetziges Gerät. Davon abgesehen spricht es aus, was ich mir auch häufig denke: Warum muss man als Gitarrenmusik-Freund lange Haare haben? Wieso redet sich jeder Indie-Fan ein, ein verlorenes, kleines, missverstandenes Individuum in einer verkackten Gesellschaft zu sein? Und wieso merken diese Leute nicht, dass sie diese Haltung nicht von alleine entwickeln, sondern zu einem mediengesteuerten Massenphänomen gehören und eben „Uniform“ sind. Okereke hat augenscheinlich wirklich nicht nur Köpfchen, sondern auch Eier das mal auszusprechen.
Inhaltlich werden in den restlichen Songs weiter Weekend-Motive ausgepackt. Allerdings auch wirklich facettenreich. Dass Rassismus zum Beispiel dazu gehört, musste Okerekes Cousin tödlich erfahren, was in „Where Is Home?“ sehr emotional behandelt wird.
Ich selbst bin ja eigentlich schon sehr skeptisch mit der ganzen stark rotierten Indie-Bewegung. Dass Bloc Party aber geradezu für meine Interessen in die Bresche springt, gibt mir dann aber doch einiges an Hoffnung, dass dieser Massensprint doch nicht eine Sackgasse führen wird. Die umfassende kritische Reflexion der Band und die gleichzeitig hervorragende Instrumentierung, die zugleich sehr durchdacht und fast domestiziert klingt, aber eben auch emotional und mitreißend ist – das ist eine Leistung, die kaum ausreichend mit dem fettesten Magagin-Eiswürfel gewürdigt werden kann.

S. Krutzinna
titel
01 Song for Clay (Disappear Here) | 02 Hunting for Witches | 03 Waiting for the 7.18 | 04 The Prayer | 05 Uniform | 06 On | 07 Where Is Home? | 08 Kreuzberg | 09 I Still Remember | 10 Sunday | 11 SRXT
Release: 02.02.07 bei Wichita
|http://www.wichita-recordings.com/|
Künstler-Homepage: http://www.blocparty.com
cover
Bewertung:
5/5