mon Tobin ist mit einer neuen Platte zurück, die mit für ihn bisher einmaligem Aufwand produziert wurde. Herausgekommen ist ein Album, das vor Komplexität, Lebendigkeit und Durchdachtheit nur so strotzt und ein einmaliges Klangerlebnis darstellt.
Amon Tobin ist einer meiner absoluten Lieblingskünstler. Von seinem schon fast jazzigen Erstlingswerk „Bricolage“ aus dem Jahr 1997, über das 1998er Folgealbum „Permutation“, „Supermodified“ von 2000 bis hin zu seinem bislang letzten Werk „Chaos Theory - The Soundtrack To Tom Clancy's Splinter Cell“ hör ich seine berauschenden Kompositionen wirklich täglich. Alles bewegt sich auf höchstem Niveau und so war ich wirklich voller Vorfreude, als ich davon hörte, dass mit „Foley Romm“ nun eine neue Platte erscheint. Besonders gespannt war ich aufgrund der Tatsache, dass Amon Tobin nach seinen ersten drei einigermaßen ähnlichen Alben mit dem Soundtrack zum Splinter Cell-Videospiel eine etwas neue Soundästhetik entdeckt hatte.
„Foley Room“ folgt allerdings einem ganz anderen Ansatz, bleibt allerdings dennoch Amon Tobin. Grundlage für das Album waren unheimlich umfangreiche Feldaufnahmen. Hierzu reiste Amon Tobin um die halbe Welt und ließ sich dabei mitunter von ultrakompetenten Recordingexperten unterstützen. Nach all den Feldaufnahmen hatte Amon Tobin ein unendliches Sammelsurium von Klängen. Darunter war das Gebrüll von Tigern, das Vorbeirauschen von Güterzügen, der Klang eines Motorradmotors, die Zischen der Hydraulik eines Gabelstaplers, das Geschmatze von futternden Katzen, tropfende Wasserhähne, das Trippeln von Ameisen, das Summen von Wespen, das Geklapper von Küchenutensilien und das Rauschen von sich drehenden astrologischen Satellitenschüsseln. Und selbst diese Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Amon Tobin mit seinen Bandgeräten aufnahm.
Zahlreiche weitere Experimente mit Musikinstrumenten folgten: Es wurden Banjos mit Zahnbürsten bearbeitet, mit Quirlen Schlagzeug gespielt, Kichererbsen auf Toms gelegt und mit Becken drauf rumgeklappert, elektrische Spielzeuge an Gitarrenabnehmer gehalten und so vieles mehr. Auch das berühmt-berüchtigte Kronos Quartet, das sich für alles hergibt, was irgendwie durchgedreht ist, wurde besucht und recordet. Und eben nicht zuletzt hielten die Foley Rooms von Filmstudios her, die dem Album dann auch den Namen gaben. In diesen Foley Rooms werden die Audioeffekte für Filme produziert, wie zum Beispiel Türknallen oder Zerbrechen von Gläsern.
Nach Abschluss des Klängesammelns machte sich nun Amon Tobin daran Songs zu komponieren. Seine oberste Prämisse war dabei, wirklich alle Sounds gleichwertig zu behandeln. Und das Ergebnis ist fast unglaublich. Hört man nur halb hin, erscheinen die Songs als (für dieses Genre) einigermaßen konventionell. Sie sind komplex und äußerst atmosphärisch und der Drum’n’Bass-Hintergrund von Amon Tobin ist schon noch wahrnehmbar. Beim genaueren und wiederholten Hören, entdeckt man allerdings mehr und mehr die einzelnen Bestandteile der Tracks.
In „Big Furry Head“ haben wir einen Track, bei dem sich recht einfach Feldaufnahmen heraushören lassen. Das knurrige Brüllen von Tigern ist hier so geschickt eingebettet, dass es leicht als solches wahrnehmbar ist, aber sich dennoch in die Musik einpasst, nein sogar die Musik ist.
In „Bloodstone“ (bereits als Single auf Vinyl erschienen) ist das Kronos Quartet zu hören. Allerdings eben nicht als einfaches Streicherquartet, das lustige Melodien fiedelt, sondern so stark entfremdet, zerhackt und wieder zusammengesetzt, dass nur noch der Klang der Streicher da ist, nicht aber Tonfolgen oder Ähnliches.
In „Esther’s“ wiederum hört man Insektengezirpe und Motorendonner, während in „Kitchen sink“ Küchengeräte und Wassergeräusche im Vordergrund stehen. Ich denke es muss nicht erwähnt werden, dass Amon Tobin dazu auch Klanginstallationen aufgebaut hat, die Klänge für beides erzeugen: Edelstahlschüsseln in einer mit Wasser gefüllten Wanne.
Mit jedem Track den ich von dem Album höre, und mit jedem Mal, das ich einen Track erneut höre, vergrößert sich ehrlich mein Staunen. Die forensische Präzision, mit der Amon Tobin diese vielen kleinen Welt-Klang-Schnipsel zusammenfügt und sie wunderbare Musik werden lässt, ist wirklich atemberaubend.
Man kommt im Grunde nicht drum herum, dieses Album als eine Art Soundtrack der Welt wie wir sie erleben zu sehen. Denn unsere Welt ist es, die die wichtigen Bestandteile des Albums geliefert hat. Glücklich macht an dieser Betrachtungsweise, dass Amon Tobin es schafft (wie in seinen früheren Werken auch) einen freundlichen, heiteren Klang zu schaffen. Ergo klingt unsere Welt freundlich, wenn man sie entsprechend wahrnimmt – und das ist doch schon mal ein wunderbar positiver Ansatz, zumal man sich ständig anhören muss, wie ekelhaft technisiert unsere Umwelt doch ist und so weiter. Vielen Dank dafür, Amon!












