ieber Leser. Ich versichere, dass ich wirklich das bin, was man gemeinhin open-minded nennt. Ich scheiß auf Genres, ich hör mir alles an und ich geb auch allem eine Chance mich zu überzeugen. Von Bach, über Schönberg, über Kraftwerk und FDJ-Lieder, 1980er Jahre Metal, schrottigsten Punkrock, bis Drum’n’Bass - ich bin wirklich unvoreingenommen. Und wenn da jetzt eine CD in meinem Briefkasten liegt, bei der es im weitesten Sinne um Mittelalter-Musik geht, dann freut mich das. Da freut mich die Herausforderung, zumal ich aus dem Bereich außer Schandmaul, den metallischen Vertretern dieser Zunft, Corvus Corax und ein paar anderen Chaoten nicht so viel kenne. Aber mit Faun ist es etwas Anderes.
Bereits zu dem Zeitpunkt, da ich las, dass Oliver S. Tyr, augenscheinlicher Mastermind der Gruppe, einen M.A. in Mediävistik hat, begann ich zu zweifeln. Schließlich ist es weithin bekannt, dass niemand Mediävistik mag und selbst absolute Sprachfaschisten Vogelweiden-Walther und Konsorten auf den Tod nicht ausstehen können. Musikalisch hängt der Tyr übrigens sonst an Schlüsselfiedeln, keltischen Harfe, Bouzoukis, Lauten und Gitarre. Und singt.
Damit nicht genug. Fiona Rüggeberg hat etwas noch Bekloppteres studiert: Altorientalische Musiktherapie. Geht es da darum, wie man im frühen Orient Menschen mit Musik wieder fit gemacht hat, oder darum, wie man heute Menschen mit orientalischen Traditionals traktieren soll? Ich weiß nicht. Und ehrlich gesagt, will ich es auch nicht wissen. Ich frag mich vielmehr, wieso man so was in die Promoinfo schreiben muss. Fehlt nur noch, dass sie sagen, wie viel Sprachen sie sprechen. Ach – das hab ich ja schon fast vergessen: Das zeigen Faun ganz elegant in ihren Liedern. Französischer Minnegesang und altgriechische Homer-Lyrics sollen das nur mal so andeuten. Aber damit sind sie bei mir falsch. Für Bildungsfetischismus hab ich nämlich so gar nichts übrig – und den unterstelle ich hier auch standfest.
Ja, meinetwegen – Faun hat ihre letzten drei Releases insgesamt 35.000 Mal unters Volk gebracht. Ich schätze mal, dass darunter 1000 Studenten und Dozenten sind, die auch irgendwas mit Mediävistik oder Mittelaltertum am Hut haben und der Rest sind bekloppte Met trinkende Pfadfinder und dümmliche Gothics.
Aber selbst jetzt, wo ich eigentlich guten Gewissens, die CD wutentbrannt vom Balkon schmeißen könnte, bin ich immerhin noch so fair, der Musik zu lauschen. Und: Ja – teilweise ist es wirklich ganz schön. Bezeichnenderweise gefällt mir allerdings „Karuna“ am besten, das einzige Instrumental. Sanftes Trommeln und heitere Flötenmelodien beruhigen das Gemüt schon wieder ein wenig, was nicht heißt, dass ich um die Toten-Sprachen-Lieder nicht dennoch einen Bogen machen werde. Die Harfe ist auch schön.
Auch wenn die fünf Musiker sicherlich alle unheimlich gut ausgebildete Leute sind, find ich die Arrangements weitestgehend trotzdem doof. Niel Mitra als Effekt-Fee versaut wohl auch Einiges. So klingt zum Beispiel „2 Falken“ (ich bin kurz davor anzumerken, dass man Zahlen bis Zwölf in der Regel ausschreibt) wie eine absolut überproduzierte Platte, im Sinne von „Best Of: Tschibo-Kelten-Classics“. Eben – muss man nicht haben.
Etwas hellere Momente findet man hingegen auf „Sieben“ und „November“. Zuerst genannter Song hat eine angenehm betörende Mantra-Instrumentierung. Dem geneigten Leser will ich dennoch nicht vorenthalten, dass hier die Textzeile „7 rosen roter wie blut“ auftaucht, die Kenner des Hochdeutschs Augenbrauen heben lässt…
„November“ hat endlich mal schönen Gesang, der besonders in den zweistimmigen Parts seine guten Momente hat. Die Instrumentierung ist auch angenehm minimalistisch: Gitarrenpicking, wenig Streicher, ein bisschen Chor. Wenn man nun aber schon ein wenig auf die Strebereien sensibilisiert ist, kann man sich durchaus noch über die übertriebene Poetizität, also die sprachliche Selbstzweckhaftigkeit und Überladenheit des Textes echauffieren.
Nun, ich denke, es sind genug Worte verloren worden. Klar, Faun hat gute Musiker, aber wie das Album zeigt, müssen die nicht immer nur zwangsläufig Garanten für Meilensteine der Musikgeschichte sein. Und auf der anderen Seite muss ich sagen: Wenn diese Menschen schon so nah an diesen vielen alten Kulturen sind, wieso schmeißen sie dann alles so wenig ehrfürchtig durcheinander? Die Musik ist nicht historisch – sie ist künstlich geschaffen, aus keltischen, folkigen, orientalischen und synthetischen Komponenten. Was dabei herauskommt ist aber wirklich nicht immer ästhetisch. Schandmaul hat mal in einem Interview zu Recht festgestellt, dass sie in einer Phantasiesprache singen. Und Funny van Dannen lässt eine Figur in seiner Kurzgeschichte „Mein liebstes Hobby“ berechtigt einwerfen: „Es gibt genug Pflaumen, die das Weltkulturerbe aus Einfallslosigkeit plündern.“ „Totem“ ist geplündertes Weltkulturerbe mit teilweiser Phantasiesprache und auch wenn das Album einige wenige helle Momente hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass es bis auf besagte gesellschaftliche Randgruppen irgendwen interessieren oder gar verzücken könnte.











