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"La Forêt" von Xiu Xiu
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"La Forêt" von Xiu Xiu

n einem nebelverhangenen Herbstwald taumelt eine Gestalt in einem weißen Nachthemd durch die Bäume. Kein Sonnenstrahl dringt durch die dichten Schwaden. Widerwillig taumelt die Gestalt weiter, angestoßen von sanften Gitarrenklängen, die doch keinen Widerstand dulden. „I tried hard to be good to you“, dröhnt es über die Melodie des Waldes hinweg in ihrem Kopf. „I felt peace inside my head”

– Die Stimme ist so durchdringend, dass sie keinem anderen Gedanken mehr Platz lässt. Die Gestalt stolpert, fällt zu Boden, während ein Farn kalte Tautropfen an ihrem Gesicht abstreift, die wie Tränen über ihre Wangen rinnen: „It’s impossible to just be cool“. Zusammengekrümmt beginnt die Gestalt im nassen Laub zu zittern. „Please please please; don’t don’t“, fallen die Tränen zu Boden und verschwinden stumm in der dunklen Erde: „don’t walk like my single hope“. Als schwebte eine trauernde Fee über die Wipfel der Bäume hinweg erklingt süß ein Glockenspiel, das den Weg zum Wahnsinn, zum Himmel hinauf deutet. Doch lähmen die finsteren Töne des Cellos die Gestalt so sehr, dass es unmöglich scheint diesem Weg in die Erlösung zu folgen: Gefangen zwischen der melancholischen Munterkeit und der depressiven Lähmung – unendlicher Gipfel der Pein. Doch mit einer kindlichen Leichtigkeit wird diese Fessel von einem Glockenschlag plötzlich gelöst. Die Gestalt taumelt weiter, doch die klagende Stimme kehrt in den Kopf zurück: „we closed our lips and we called it our love“ und jetzt wird der Gestalt erst klar, dass es ihr Schicksal ist, vor dem sie flüchtet, aber niemals einen Ausweg finden wird. Und wie Feuer brennen die Worte in der plötzlich aufgerissenen Wunde der Erinnerung: „we swallowed a clover made of lead“. Kraftlos gleitet der Flüchtling am rauen Stamm einer Birke abermals zu Boden. „it’s unmanageable to just keep on living” schallt die Wahrheit tränenschwer und erschöpft fällt das Kinn der Gestalt auf die Brust „please please please; don’t don’t don’t walk like my single hope“. Abermals erschallt das Glockenspiel der schwarzen Fee, doch ist die Lieblichkeit darin erloschen. Bevor die Gestalt ihr folgen kann, erhebt sich ein drohender Klang über dem Wald, bis die Stille zurückkehrt. „i can only say it so many times“ haucht es noch der Abenddämmerung hinterher, die hereingebrochen war bevor es überhaupt Tag wurde.

Diese Geschichte erzählt mir der Opener auf dem neuen Werk „La Foret“ von Jamie Stewart alias Xiu Xiu. Aufgewühlt wie einen dieses Präludium zurücklässt, wird man auf Reise geschickt, die abenteuerlicher kaum sein könnte. Es ist ein bisschen so als müsste John Franklin bei seiner Suche nach der Nordwestpassage nicht nur den extremen Bedingungen des Nordmeeres trotzen, sondern zwischendurch noch die Sahara durchqueren, durchs das Himalaja reiten und sich barfuß durch den Kongo kämpfen.
Immer wieder treffen im Verlauf des Albums harte Kontraste aufeinander – sehr ruhig beginnende Tracks enden in elektronischen Fegefeuern. Doch bei allem Schrecken, den diese diabolischen Infernos verbreiten, wird schnell klar, dass genau dies die Erlösung ist. Die Erlösung von der alle Sinne raubenden Qual von einer kleinen Kerze verbrannt zu werden, ohne sich wehren zu können. Wobei jedes Schmerzsignal ganz allein für sich im Gehirn ankommt und sich viel Zeit dabei lässt seinen glühenden Nagel in den Verstand zu treiben.

S. Krutzinna
titel
01 Clover | 02 Muppet face | 03 Mouse toy | 04 Pox | 05 Baby captain | 06 Saturn | 07 Rose of Sharon | 08 Ale | 09 Bog people | 10 Dangerous you shouldn't be here | 11 Yellow raspberry
Release: 18.07.05 bei Acuarela Discos
|http://www.acuareladiscos.com|
Künstler-Homepage: http://www.xiuxiu.org
cover
Bewertung:
4/5