on dunklen Soundscapes, über Vogelgezwitscher bis hin zu Trip-Hop- und Drum’n’Bass-Elementen findet sich bei ab ovo eine wunderschöne, domestiziert-elektronische Melange verschiedener Bestandteil. Nach zwei Jahren Arbeit ist das französische Duo ab ovo nun zurück.
Angenommen ich melde in den nächsten zehn Jahren einige extrem wichtig Patente an und mache damit unheimlich viel Geld, werde ich ein schönes altes Landhaus irgendwo kaufen. Mit alten, knarrenden Dielen auf dem Boden und einem verwilderten Garten an dessen rostigem Eisenzaum knorrige Rosen ausladend ranken. Und von äußerst attraktiven und hochintelligenten Germanistikstudentinnen abgesehen, betritt eigentlich niemand dieses Haus, das der ganzen, eher weit entfernten Nachbarschaft ohnehin nicht ganz geheuer ist.
Dann wird es ein großzügiges Rauch- und Musikzimmer geben. Neben ein paar Sesseln und einem Kamin ist dann dort nur eine unheimlich teure Anlage. Da sitze ich dann auf dem Sessel, trinke Cognac und rauche Zigaretten und lasse mich umrauschen von der finsteren Musik von ab ovo. Gebe mich hin den düsteren Schalllandschaften, die schwarz und Unheil verheißend, auch irgendwie traurig und sehnsüchtig wie eine dunkle Samtdecke daniederliegen. Und aus diesen scheinbar toten Weiten heraus keimen kleine Klanggewächse so unaufhaltsam, wie der beginnende Frühling die Maiglöckchen sprießen lässt. „L’Écume d’un soir“ etwa hat ein solches Frühlingserwachen. Das Piano ist ganz vorsichtig und dezent, während filigranes Rauschen und Flimmern nach dem Wachsen der Pflanzen klingt. Es wäre sicher auch nicht unangemessen den Track Légumes d’un soir zu nennen.
Der Opener „Hémisphère“ muss bei einem neues Glas Hennessy und gesteigerter Lautstärke nochmal erschallen. Man könnte Gottfried Benn oder Georg Trakl zu dem jenseitig-finsteren Dröhnen lesen zu dem sich alsbald ein schauderhaftes, fiebriges Knistern gesellt. Und um bei den literarischen Vergleichen zu bleiben, passt einige Takte später, in denen das Rauschen, Knistern und Knacken gemeinsam mit einigen konventionelleren Beats angeschwollen ist, doch wieder der betäubende Wahnsinn H.P. Lovecrafts zur bedrohlichen Atmosphäre der Musik.
Für den Fall, dass es das Dröhnen des Messing-Türklopfers bis in besagtes Zimmer schafft, schalte ich schnell „Inlandsis“ an, was beruhigend und verstörend zugleich ist. Aus den zunächst ruhigen und trägen Melodien entwickelt sich, während zunehmend einzelne Beatfragmente in die Soundscapes fallen, abgründige Atmosphären. Dass ein Drum’n’Bass-Part hier nur kurz andauert und wieder verschwindet verstärkt dieses Gefühl der Ruhelosigkeit im Schlussteil außerdem.
Für den Fall, dass tatsächlich eine kleine Germanistin mich um einen Rat in Sachen griechischer Mythologie ersucht, dient mir das Pseudonym von Jérôme Chassagnard and Régis Baillet – ab ovo – als guter Einstieg. ab ovo (lat.: vom Ei) bezieht sich auf die beiden Eier, die Leda gebar, nachdem sie von Zeus in Gestalt eines Schwans besucht wurde und ihr Gatte Tyndareos sich für das zweite Ei entsprechend engagierte. Dem Zeus-Ei entschlüpfte dann übrigens Helena, die später von Paris nach Troja entführt wurde und von Mykene zurückgeholt werden sollte, was schließlich im trojanischen Krieg endete.
Dass während dieser Ausführungen „La mémoire du futur“ läuft, ist wenig unpassend. Es verfügt in seiner Breite und Epik über den nötigen Pathos, wenngleich es zeitlich etwas knapp bemessen ist.
Der darauf folgende Track „Your are very far now“ könnte ferner ganz gut der Soundtrack zu den Reisen der Argonauten sein – an denen übrigens auch Kastor und Polydeukes (zwei weitere Kinder aus den Eiern der Leda) teilnahmen. Das vom schnellen Schiff der Argonauten durchschnittene Wasser schwappt in stoischer Regelmäßigkeit gegen den Bug. Kleine Orkane bauen sich auf und wieder ab, immer gut zu erkennen am Puls der Besatzungsmitglieder, der stets mitklingt.
Nun, ich bin weder vierzig noch sonderlich wohlhabend. Umso schöner, dass man mit „Mouvements“ auch für weniger Geld schon mal die Luft des Beinehochlegens schnuppern kann. Die Musik inspiriert zum Träumen und mit oder ohne empfohlener Literatur lassen sich herrliche Abende damit verleben.










