s gibt gewisse Platten, bei denen man die Rezension anfängt, ohne dass man so recht weiß wohin die Reise geht. Man ist sich dann auch noch gar nicht im klaren, welche Schwierigkeiten auftauchen könnten. Nicht so bei „It’s Not How Far You Fall, It’s The Way You Land“ der Soulsavers. Da weiß man gleich: Es gibt nichts zu beanstanden und die Schwierigkeit besteht darin die atemberaubenden Lieder in Worte zu fassen.
Erstmal will ich das Setting erklären, auch wenn ich kein großer Freund von Namedropping bin, aber hier geht es nun mal nicht anders. Die Soulsavers sind erstmal nur zwei Männer (Rich Machin und Ian Glover), die wohl Networking wie Musizieren gleichermaßen großartig beherrschen, denn die Reihe ihrer Gäste ist mehr als erlesen.
Zuforderst ist Mark Lanegan zu nennen, der den Großteil der Songs singt. Lanegan ist Sänger der Grunge-Band Screaming Trees in den 1990ern gewesen, veröffentlichte außerdem einige Solo-Platten und hatte seine Finger in zahlreichen Kollaborationen mit ganz großartigen anderen Musikern mit im Spiel, u.a. singt er einige Songs bei den Queens Of The Stone Age oder arbeitete mit Isobel Campbell von Belle & Sebastian zusammen.
Außerdem dabei ist Will Oldham, der mit Größen wie Johnny Cash, Björk, Alasdair Roberts oder Joanna Newsom gemeinsam musizierte.
Die nächsten großen Namen sind Jimi Goodwin von den Doves und P.W. Long. Die Promoinfo fügt noch den Namen „Rich Warren“ an, der angeblich das Angebot ausgeschlagen haben soll, bei Oasis einzusteigen. Allerdings findet sich nirgendwo irgendeine Information, dass es diesen Musiker tatsächlich gegeben hat. Ich will mal dahingestellt lassen, ob dieser dubiose Rich Warren es geschafft hat sich jedweden Medien zu entziehen, oder ob es sich um einen Scherz der Soulsavers handelt, die den Namen (so V2 Records auf meine Nachfrage) bei einem Interview ins Spiel gebracht haben.
Ist auch im Grunde scheißegal, denn mit oder ohne diesen Menschen ist eine Platte entstanden, die einfach großartig ist und ich will auch sagen wieso.
Bereits im ersten Track „Revival“ zeigt Lanegan, wie wunderbar seine Stimme ist. Zur Seite steht ihm hierbei ein überhaupt nicht kitschiger Gospelchor, während ferner Orgel, Schlagzeug und ein schüchterner Schellenring durch die hymnenhafte Komposition navigieren.
„Ghost Of You & Me“ folgt auf diesen warmherzigen Opener mit einer vollkommen anderen Stimmung. Eine mehr als psychedelische Gitarre die aus einer Horrorfilmmusik stammen könnte bestimmt die ersten Takte, zu denen sich alsbald ein kaum weniger gruseliger Trip-Hop-Beat mischt. Lanegans Stimme steigt die Treppe in den Frequenzkeller hinab und offenbart dabei welcher Charme und welche Düsternis in seinem Gesangsorgan liegen. Wäre die Vampirband in „Form Dusk Till Dawn“, die ja bekanntermaßen von Tito & Tarantula gespielt wird, auch noch heroinsüchtig, dann wäre die hier werkelnde Besetzung mit diesem Song die ideale Wahl gewesen.
„Paper Money“ bewegt sich atmosphärisch in ganz ähnlichen Dimensionen, wobei die elektronischen Bestandteile noch beängstigender vor sich hin mutieren.
Es gibt weiterhin noch zwei Instrumental-Stücke, die beide aus der Feder der Soulsavers selbst stammen. Zum einen ist das das epische „Ask The Dust“; ein Song dem eine unglaublich berührende Traurigkeit innewohnt. Eine wenig aufregende Piano-Melodie wird hier zu einer Postrock-artigen Soundlandschaft ausstaffiert, in der Downtempo-Beats, verzerrte Gitarren, Streicher und Synthies sich zunächst ohne Hast ineinander verweben, bis sie nach knapp zwei Minuten zu einem traurig-meditativen Höhepunkt kumulieren. Es ist der erste Track überhaupt, den ich mir als Alternative zu Sigur Rós’ „Death Announcements and Funerals“ für das erschütternde Ende des Films „Engel des Universums“ vorstellen könnte.
Zweites Instrumental ist der Hiddentrack, der in seiner Behutsamkeit und melancholischen Wärme wirklich fast isländisch wirkt und einen perfekten Epilog zu dem Album darstellt.
In „Kingdoms Of Rain“ findet eine betörende Begegnung statt. Auf der gleichermaßen schmalen wir intensiven Instrumentierung aus Piano und Gitarrenpicking mit kleinen Illustrationen einer verzerrten Gitarre und dem Synthie, begegnet die Whiskey-raue Stimme Lanegans, dem sanften Gesäusel Goodwins. Dabei schaffen es diese beiden grundverschiedenen Stimmen hervorragend sich zu ergänzen und durch die Kontrastierung die Stimmung noch zu intensivieren.
Auf dem Album finden sich außerdem noch drei Coversongs. „Through My Sails“ stammt ursprünglich von Neil Young. Hier singen nun auch noch Lena Palmer und Wendy Rose mit, deren gesangliche Qualitäten Nick Cave & The Bad Seeds bereits erkannt hatten. Es ist wundervoll, wie diese kleine Garde an Sängern vordergründig um Sanftheit und Harmonie ringt, aber in der bewussten Eigenständigkeit jeder Stimme einen fragilen, disharmonischen Chor schafft, der nicht mit Klangfülle protzt, sondern sich zu einer Helix von Verlorenheit und Alleinsein verstrickt. Ich kann leider nicht beurteilen, wie weit weg diese Interpretation vom Original ist, aber wenn mir bei diesem Wust an Referenzen jedes Mal was einfallen würde, müssten Max Dax und ich wohl auch die Stühle tauschen.
Der vollkommen gelungene Schlusspunkt der Platte – vor dem Hiddentrack – ist „No Expectations“, einem Rolling Stones-Cover. Dabei ist es nur rechtens, dass Mark Lanegan hier noch einen ganz großen Moment hat. Über der Langsamkeit der Instrumentierung, die meist nur von einem Piano und einer Orgel bestimmt und manchmal von einem ganz schüchternen Becken ergänzt wird, legt sich der volle Charme Lanegans tiefer, rauer Stimme. Der Text der Stones bekommt dabei eine so tiefe, intensive Dimension, dass er das ganze Bewusstsein erfüllt: “Our love was like the water | That splashes on a stone | Our love is like our music | Its here, and then it’s gone” - und damit sind wir im Grunde auch schon bei meinem Fazit.
Das was ich an dieser Platte so großartig finde, ist dass die Musik zugleich sehr männlich als auch sehr emotional ist. Dabei ist die Emotionalität eben nicht die eines adoleszenzgeplagten jungen Mannes, der nicht weiß, wie er mit seinem Leben klarkommen soll. Auf mich wirkt die Platte einfach, wie der behäbige Fluss der Gedanken eines bejahrten Mannes, der an einem verregneten Abend alleine im Pub sitzt und für sich sein Leben rekapituliert. Dabei spielt Liebe natürlich eine Rolle, aber der damit verbundene Schmerz wird nicht so herausgeschrieen, wie bei jüngeren Künstlern. Es sind alte verheilt geglaubte Wunden, die einen ziehenden Schmerz hinterlassen. Es geht aber auch um die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit Gott und mit dem Leben. Aber sind es nicht die Tränen eines Steppenwolfes, die am meisten berühren?











