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"Stay Close" von Death Vessel
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"Stay Close" von Death Vessel

eath Vessel machen Neo-Folk. Ein im Grunde recht weit gefasstes Genre, aber ich bin da Fan von – kann ich nicht anders sagen. Und da kommt mir in diesem Fall zugute, dass Death Vessel, also der Deutsch-Amerikaner Joel Thibodeau mit seinen Freunden, gar nicht mal ungeschickt zu Werke gehen.

Was muss mit einem jungen, ausgeglichenen Menschen passieren, dass er sich für Neo-Folk begeistern kann, fragt man sich nun sicherlich. Nun, dem zugrunde liegt erstmal, dass sich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zahlreiche Irlandsympathisanten und Folkfreunde befinden. Dass diese keine Gelegenheit ungenutzt lassen, mir Lieder dieser irischen Volksmusik vorzusingen, kann man sich ja denken. Aber bereits zu der Zeit als ich mich mitten im Fadenkreuz dieser Bande munterer Barden befand, beschlich mich der Gedanke, dass ich Folk vielleicht ein bisschen eindimensional finde. Und so entwickelte ich eine kleine subtile Sympathie für Neo-Folk. Und ich will diesen weiten Begriff auch noch kurz füllen: Der Neo-Folk, den ich gerne mag, ist eine Musik, die die Wirkungsweise und Atmosphäre des traditionellen Folks auf eine subversive Art und Weise unterwandert. Diese Bands scheinen auf den ersten Blick beim musizieren auch zu lächeln, aber beim genauen Hinsehen, kann man ein schelmisches Blitzen in ihren Blicken ausmachen. Wer das ja übrigens zum Beispiel super kann ist die Band „Various“, die ja deswegen auch bei XL Recordings veröffentlichen darf.

Death Vessel nimmt sich da ernster. In einigen Details lassen sich jedoch verstörende Verstöße gegen die traditionellen Konventionen ausmachen. In „Blowing Cave“ wird beispielsweise aus einem gänzlich unverfänglichen Zupfmuster heraus eine hypnotisch-verstörende, bedrohliche Atmosphäre entwickelt. Dabei leistet eine verzerrte E-Gitarre wunderbare Arbeit, die sich mit ihren psychedelischen Variationen des Hauptmotivs mal in den Vordergrund stiehlt und dann wieder in einen kaum wahrnehmbaren Hintergrund verschwindet. Besonders der Gesang verstärkt die Stimmung in dem Lied. Er erweckt zunächst den Eindruck ganz normal vor sich hin zu singen, entwickelt sich allerdings in den Höhepunkten fast zu einem Mantra und schraubt sich in eine immense Intensität hoch.
In „Break The Empress Crown“ finde ich in aller subtilen Deutlichkeit das, was ich eingangs beschrieben habe. Ein hoher Gesang, der in langsamer Virtuosität eine irische Melodie singt scheint zunächst gänzlich unbegleitet zu bleiben. Doch stechen wie Nadeln hochfrequentige Störsignale und eine viel zu hohe Orgel dazwischen. Find ich schön! Gott sei dank ist man auch nach weniger als einer Minute erlöst und in gemächlichem Trott vermischen sich Geige, Schlagzeug, Gitarre und mehrstimmiger Gesang zu einem auf den ersten Blick ganz normalen Stück zu Musik – wenn nur diese ganz selten eingeworfenen Dissonanzen nicht wären. Tatsächlich gibt es dann sogar nochmal eine Interlude, das weitgehend dem Intro entspricht. Finde ich ehrlich gesagt vom Aufbau her nicht so gelungen, da die beiden Parts wirklich vollkommen frei von einer Überleitung aneinander angeknüpft werden.

In den meisten Songs wird allerdings viel subtiler gearbeitet. Holprige Rhythmuswechsel entziehen sich dem nicht vollkommen aufmerksamen Ohr zwar, wirken aber natürlich dennoch irritierend und verstörend – wie zum Beispiel in „Nothing Left To Bury“, das im Refrain vollkommen unmotiviert klingt, dabei aber überhaupt nicht schlecht ist.
Auch das meist sehr tonangebende Gitarrenpicking ist um keine Verwirrung stiftenden Aktionen verlegen. Im Zusammenspiel mit dem Banjo in „Mandan Dink“ ist es ganz erstaunlich wie absolut richtig die falschen Töne von der Gitarre aufs Banjo treffen. Der nasale Gesang macht dann auch noch weiter deutlich, dass das wirklich ein bisschen freaky ist, was hier vor sich geht.
Aber das ist ja auch vollkommen okay. Denn von normalem Irish Folk wimmelt es ja selbst in Deutschland überall und dass selbst die kleinsten Pubs auf der grünen Insel keinem Musiker hinterher rennen müssen, ist auch hinlänglich bekannt.
Wichtig ist ja nun aber, dass auch Death Vessel nicht seine Art von Folk macht, nur um sich abzuheben oder so. Diese Dissonanzen, holprigen Rhythmuswechsel und Gesangsparts die durch eine wirklich erschreckende Intensität verstören haben alle ihren Sinn. Denn Musiker wie Joel Thibodeau begnügen sich nicht mehr – und können sich wohl auch nicht damit begnügen – die Problemchen des Alltags mit der begrenzten Harmonielehre zu fassen. Vieles in unserem Leben was uns beschäftigt ist diffuserer Natur als vor 100 Jahren, ist einfach nicht so linear in Noten transformierbar, wie es im traditionelleren Folk passiert. Das Leben im 21. Jahrhundert ist einfach auf den ersten Blick ganz wunderbar (wie vielleicht aus der Perspektive der dritten Welt), die Probleme sind versteckt und man weiß vielleicht gar nicht immer, was einem gerade die Laune verdirbt oder bedrückt. Und genau das trifft Death Vessel mit dem Album „Stay Close“ wunderbar. Die Leistung, die die vielen Musiker um Joel Thibodeau vollbringen, ist insofern vollständig, als dass die Musik trotz der vielen kleinen Missklänge wirklich gut hörbar ist – auch wenn man sie nicht so intellektuell und analytisch hört.

S. Krutzinna
titel
01 Mean Streak | 02 Later In Life Lift | 03 Blowing Cave | 04 Break The Empress Crown | 05 Nothing Left To Bury | 06 Mandan Dink | 07 Tidy Nervous Breakdown | 08 Snow Don't Fall | 09 Deep In The Horchata | 10 White Mole
Release: 30.04.07 bei ATP Recordings
|http://www.atpfestival.com/atp-recordings/|
Künstler-Homepage: http://www.deathvessel.com
cover
Bewertung:
3/5