enn Platten aus dem Hause Hymen Records im Briefkasten liegen, fürchte ich mich in der Regel schon ein bisschen. Viele Alben sind so komplex und anspruchsvoll, dass ich nicht selten fürchte, keinen Zugang oder nicht die richtigen Worte zu finden. Mit „Beyond E“ von Substanz-T ist es anders; man findet sich in die Platte schnell hinein und in ihr auch prima zurecht.
Die Gründe dafür, dass „Beyond E“ trotz seiner experimentellen Prägung recht leicht hörbar ist, sind schnell gefunden. Die Songs sind recht abwechslungsreich, nicht nur im Detail, sondern eben auch gleich auf den ersten Blick. Außerdem lehnen sich einige Songs an Strukturen an, die man sonst vielleicht eher aus der Popmusik kennt. Und: Es gibt mitunter auch Gesang.
Nach dem etwas blassen Einstieg „Orbit 32“ folgt schon ein ganz großes Stück, das mit „Heavenly Connection“ betitelt ist. Es erinnert ein bisschen an Amon Tobins Splitter Cell-Sountrack. Der organisch-blubbernde Bass führt durch den Track und bietet dem Hörer in dem sonst recht nebulösen Sound mit den verzerrten Sprachsamples Halt und verleiht dem Stück eine industrielle Atmosphäre.
„Glow“ geht stilistisch wiederum einen ganz anderen Weg. Der Sound erinnert stellenweise sogar an schüchternen Dub (Delays gibt es auch), während die Drums und der Bass ein recht funkiges Spielchen treiben, das auch echt mal groovig ist. Sowas kann man im Club spielen!
„Luminous Dream“ ist dagegen fast schon traditionalistisch in seiner Experimentalität. Kein Instrument oder Geräusch läuft durch, vielmehr geben sich die Sounds die Klinke in die Hand und verschwinden in der Regel, sobald ein neuer gekommen ist. Hallbeladenes Getrommel erschallt bedrohlich, woraufhin gleich darauf himmlische Streicher einsetzen. Man wird tatsächlich dazu verleitet in Gedanken hinweg zu gleiten; treffender als der Songtitel kann ich das hier auch nicht in Worte fassen: Ein leuchtender Traum.
„Sonique“ geht hingegen schon viel mehr in eine flotte Trip-Hop-Richtung. Verena Niksch, die bei diesem Song zu einer wiederum sehr gelungenen, von Drums und Bass geprägten, Instrumentierung singt, muss sich dabei auch überhaupt nicht verstecken. Vielmehr schafft sie es, mich an große Künstler wie Lamb oder Björk zu erinnern.
Verenas Stimme betört auch nicht nur in diesem Stück, sondern weiß sich auch zum Beispiel in „Truth“ hervorragend in Szene zu setzen. Dabei passt sich ihre charismatische Stimme großartig in eine schüchterne, aber selbstbewusst dahin schreitende Musik, die an die flotten Downtempo-Werke der Xploding Plastix erinnert – die Bass-Slides tun dabei ihr Ihriges dazu. Das Arrangement des Schlagzeugmusters ist außerdem sehr gelungen in die Stereoverteilung eingebunden.
„Aural Sphere“ schlägt wieder eine ganz andere Richtung ein und ergeht sich lieber gekonnt in bedrückend-düsterem Soundscaping. Allerdings merkt man hier schon, dass dies auch mehr ein kleiner Exkurs sein soll. Man wird hier nicht überwältigt von einer Multidimensionalität, die einem aus zahllosen Frequenzbereichen entgegenschallt. Doch die knapp dreieinhalb Minuten füllt der Track ausgesprochen gut, leicht verdaulich, dennoch bedrückend und man mag bloß verschüchtert den hallenden Klängen lauschen, die manchmal wie Fußbälle in einer dunklen, leeren Turnhalle auf den Boden tropfen.
„Beyond Infinity“ schließt sich lückenlos an den Track an und entwickelt aus den minimalistischen Sounds von „Aural Sphere“ einen vollen, satten Klangteppich. Auf diesen legen sich bei zunehmender Intensität alsbald wiederum sehr industrielle Drummuster. Nachdem nun alles beieinander ist (zuletzt stößt noch ein sphärischer Synthie hinzu), beginnt die vom Titel versprochene Reise bis zur Unendlichkeit und darüber hinaus. Die Zeit scheint wirklich still zu stehen und die Räume schrumpfen unerquicklich klein zusammen. Die Stille am Ende des Tracks hat nach diesem Rausch tatsächlich etwas Kosmisches.
Bei über einer Stunde Spielzeit und 15 Tracks (und meinem horrenden Stundenlohn) ist es leider nicht möglich, jeden einzelnen Titel zu besprechen, ohne wirklich ausufernd zu werden. Über jeden Track ließe sich Vieles sagen – und weitestgehend nur Gutes. Alex Lange und Arne Stevens alias Substanz-T haben sich bei dieser Platte viel Mühe gegeben, was man auch wirklich hört. Musikhörer, die beginnen sich mit elektronischer Musik anzufreunden und mal einen Schritt in experimentelle Gefilde wagen wollen, sind mit „Beyond E“ mehr als gut beraten. Für all jene, die sich bereits dazu bekennen, schlichten schönen Klang an sich genießen zu können, gilt diese Empfehlung keinen Deut weniger.










