enn man über moderne Polka redet, tut man meist so, als wäre dies eine kaum beachtete Randsportart. Das einzig Wahre daran ist allerdings, dass es eine Sportart ist – aber zahlreiche Künstler haben in dieser Disziplin einen großen Bekanntheitsgrad erreicht und damit auch das Genre bekannt gemacht. The Shanes fingen schon in den frühen 1990ern mit moderner Polka an und legen nun ein – und das macht bei Polka nun wirklich Sinn – Live-Album vor.
Die immerwährend betrunkenen Eläkeläiset aus Finnland, die russischen Schmutzfinken von Leningrad oder meinetwegen auch die New Yorker Balkan Beat Box und Gogol Bordello mit ihren etwas südlicheren Klängen sorgen ja schon ab und an mal für kräftige Furore und sind insbesondere auf deutschen Bühnen häufig anzutreffen. Außerdem scheint Deutschland ja ohnehin das Land zu sein, in dem folkloristische Musik ins Zeitgenössische gepimpt am besten funktioniert – wie zum Beispiel bei Schandmaul, In Extremo oder Subway To Sally. Nun es zeigt sich einfach, dass man unter anderem auch mit Akkordeon und Geige ordentlich Schwung erzeugen kann und das stellen The Shanes aus Trier mit ihrer fast einstündigen Live-CD eindrucksvoll unter Beweis.
Dass der Opener der Platte den Titel „The Haunted House Of Polka“ trägt, macht klar, dass man sich hier keine Blumenkränze bastelt und aufn Kopf tut. Auch das (sehr schöne) Artwork zeigt übrigens, dass man eher versucht ein Image von diabolisch-tanzwütiger Polka aufzubauen und man eigentlich in „From Dusk Till Dawn“ nach der Vorband „Tito & Tarantula“ noch hätten spielen sollen. Zurück zum Opener: Mit viel Abwechslungsreichtum, irrem Gekreisch und sehr viel Geschwindigkeit beginnt man hier mit einem Auftakt, der die Stimmung wirklich auch auf CD spürbar macht und somit vollkommen mitreißt. Nun, der ein oder andere mag vielleicht auch ein bisschen eingeschüchtert sein… Aber wohl wissend, dass vielleicht einige Konzertbesucher oder CD-Hörer ein wenig verstört sein könnten, versucht Frontmann und Sänger Kornelius Flower, der ansonsten noch Mandoline, Banjo und Gitarre spielt, im Refrain mit den Worten zu beruhigen: „don’t be afraid, it’s a polka party“
Es ist nun aber nicht so, dass The Shanes sich nur in der Polka austoben, sondern auch einige andere Folkloren aufgreifen. So gibt es mit „Tango Demi“ einen flotten… ja richtig, Tango. Und ich muss sagen, dass die sechs Männer diesen ganz hervorragend hinbekommen. Akkordeon, Schlagzeug und Geige leitet durch den Track, der es perfekt schafft den Tango so zu spielen, dass er Tango bleibt aber sich dennoch ins Set fügt: Dreckig und erhaben.
An anderer Stelle bewegt man sich deutlich westlicher und versucht mit Country-Elementen mitzureißen. Das ist zum Beispiel beim „Godfather Of Polka“ der Fall, der in der Strophe Sprechgesang hat und im Prechorus wohl einige Akkorde mit „The Ring Of Fire“ gemeinsam haben dürfte – was ja nicht schlimm ist, aber verdeutlicht was hier abgeht.
„The Road To My Horizon“ geht in eine ähnliche Richtung, gefällt mir aber nicht sonderlich. Der Gesang hat eine extrem eingängige Country-typische Melodie und zwar weitestgehend die gleiche in Strophe und Refrain. Dafür hört man dann mal das Banjo an einigen Stellen ganz gut raus.
Mit „The Ripper“ haben wir dann mal so richtiges Storytelling. Es geht um Jack the Ripper (die Verfilmung von 1958 ist übrigens großartig!) und es wird mal wieder ein Höllentempo vorgelegt, das den Song schon etwas chaotisch klingen lässt und ein wenig an Punkrock erinnert. Allerdings stellt sich hier dann auch heraus, dass besagter Frontmann Flower nicht der großartigste Sänger der Welt ist und seine Englischkenntnisse wirklich sehr limitiert sind, gerade was die Aussprache angeht. Auch wenn dem Publikum in Cottbus das vielleicht nicht so aufgefallen ist, so merkt man an ziemlich vielen Stellen, dass hier ein Deutscher englisch singt. Umso unverständlicher ist mir dann noch, wieso sie auch das komplette Booklet und ihre Homepage auf Englisch machen – einer Sprache, die sie offensichtlich nicht so richtig gut beherrschen.
Natürlich darf aber auch auf keinen Fall der Exkurs in den Irish Folk fehlen. Mit der instrumentalen Interpretation des Traditionals „King Of The Fairies“ wird dann schon mal in der Mitte des Albums ein Schritt in diese Richtung unternommen. Und zwar wirklich sehr gekonnt. Man merkt einfach, dass jeder sein Instrument sehr gut beherrscht, was insbesondere fürs Akkordeon und die Geige gilt, die auch in diesem Stück den Ton angeben und grundsätzlich prima miteinander harmonieren.
Zum Ende der Platte geht es dann nochmals irisch weiter. „The Rake“ ist ein weiteres Traditional, das durchaus gelungen mit viel Pathos arrangiert wird und ein unglaublich infernalisches Outro hat. Von H. P. Lovecraft gibt es eine Kurzgeschichte „Die Musik des Erich Zann“ in der ein Geiger nachts sozusagen von Dämonen geschüttelt vollkommen übernatürliche Melodien spielt, an die er sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern kann. Ich glaub Lovecraft hat dabei an so etwas wie dieses Outro gedacht…
Auf der CD finden sich übrigens auch noch zwei Videos, die zwar leider nur mit einer Handkamera gemacht sind, aber immerhin einen Eindruck davon vermitteln, dass Männer die wohl auch schon stramm auf die vierzig zugehen durchaus in der Lage sein können einen Saal mit 800 Menschen zum kochen zu bringen. Allerdings ist es eher nicht so geschickt gewesen, Videos vom letzten Fünftel des Konzerts auszuwählen, da die Musiker da schon ziemlich mitgenommen aussehen – und sich auch so bewegen.
Um es dann mal auf den Punkt zu bringen: Konzert besuchen! Platte kaufen!











